Jazzpianist Yaron Herman Gib dein Ego an der Garderobe abSeite 2/2

Das Ganze, die Verdichtung eines dreitägigen Studiotermins, entwickelt eine schöne Geschlossenheit. Aber um zu spüren, welche ekstatischen Fliehkräfte an diesen Stücken zerren können, lohnt es sich, das Trio live erleben und zu hören, wie es das Material zerbröselt, neu zusammensetzt und wieder etwas Geschlossenes daraus macht. "Man muss die Grammatik einer Sprache lernen und ihre Vokabeln", sagt Herman. "Aber was geschieht, wenn man beides gelernt hat? Wir leben schon in einer deterministischen Welt. Ein Jazzmusiker sollte nach Freiheit streben, und daran muss man arbeiten. Man muss diese Welt größer machen. Jeder Musiker hat ein System, in das er zurückfallen kann, wenn es für ihn zu riskant wird. Aber man sollte jederzeit in der Lage sein, von einer Klippe ins Meer zu springen."

Den nötigen Mut dazu hat ihm – wie dem Bassisten Avishai Cohen oder der Pianistin Anat Fort – Brayer vermittelt, von dessen Methoden auch schon Kampfsportler, Manager und Marketingleute profitiert haben. Brayer nutzt die verschiedensten Quellen. "Er arbeitet mit mathematischen Modellen, die er bei Joseph Schillinger lernte", einem Lehrer von George Gershwin und Henry Cowell. "Modellen, die einen die fast unendliche Zahl musikalischer Möglichkeiten erkennen lassen."

Er nutzt die Neurolinguistische Programmierung (NLP), bedient sich bei den Theoremen von Ayn Rands Objektivismus und bezieht sich auf das Gehörtraining des verstorbenen Jazzpädagogen Charlie Banacos, bei dem er eine Weile studierte. Brayer ist also kein Originalgenie, sondern ein Synthetisierer mit Einfühlungsvermögen. Aber das, glaubt Herman, sind auch die größten Musiker. "Sowohl bei Lester Young wie bei John Coltrane kann man genau sagen, woher sie kommen. Ihre Leistung war eine Revolution mit einem kleinen r und einem großen E." Einer solchen rEvolution fühlt sich auch er verpflichtet.

Daneben hat Herman die einschlägigen Improvisationsbibeln konsultiert, Kenny Werners Effortless Mastery , das ihm bald allzu New-Age-haft erschien. Vor allem jedoch das Buch der Bücher, Stephen Nachmanovitchs Free Play , das auf Deutsch leider den viel zu esoterisch anmutenden Titel Das Tao der Kreativität trägt (Scherz Verlag). Klüger und dichter hat nie jemand zusammengetragen, woher Musiker, Maler und Schriftsteller ihre Inspiration beziehen. Wenngleich auch Nachmanovitch auf den Schultern von mystischen Riesen wie dem Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan steht, so weht hier doch kein Weihrauch.

"Bücher wie Free Play sprechen nicht von Religion als Dogma", erklärt Herman. "Sie sprechen von Elementen, die einen erkennen lassen, dass es Dinge gibt, die größer sind als man selbst. Man verbindet sich mit einer Quelle, die nicht aus einem selber kommt und einen von seinem Ego Abschied nehmen lässt und sich als Vehikel einer Kraft empfindet, die man nicht verstehen kann. Johann Sebastian Bach, John Coltrane und Keith Jarrett sprechen von nichts anderem. Ich muss mein Bewusstsein beiseitelassen und der Musik Platz machen." Yaron Herman und sein Trio, ein Format, das als das überbevölkertste der Jazzwelt gilt, dürfen sich rühmen, dass ihnen das gelingt.

Das Yaron Herman Trio ist derzeit auf Deutschlandtournee .

Aus dem Tagesspiegel

 
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