Pianistin Hélène Grimaud "Die Musikbranche ist nicht frei von einer Hedgefonds-Mentalität"

Drei Monate musste die Pianistin Hélène Grimaud wegen einer Operation pausieren. Im Interview spricht die Musikerin über ihre Auszeit, Klassik in Krisenzeiten und ihre Wölfe.

Hélène Grimaud vor ihrer dreimonatigen Pause im Februar 2010 bei einem Konzert in Montpellier

Hélène Grimaud vor ihrer dreimonatigen Pause im Februar 2010 bei einem Konzert in Montpellier

Frage: Madame Grimaud, Ihre neue CD wurde im September aufgenommen und kam in Rekordzeit Anfang Oktober auf den Markt. Weshalb diese Hektik?

Hélène Grimaud: Mir saß die Pistole auf der Brust. Die Frage war, nachdem ich zwei Aufnahmetermine hatte verstreichen lassen müssen: Wird es diese CD jemals geben? Für die Marketing- und Promotionleute war es sicher grauenvoll, aber künstlerisch wusste ich, es muss sie geben. In meinem Kopf war alles fertig, mein Herz war bereit, nur ob die Finger mitspielen würden, meine Physis, das habe ich nicht gewusst, bis zum Berliner Waldbühnenkonzert nicht ...

Frage: ... Mitte August mit Andris Nelsons und dem City of Birmingham Symphony Orchestra ...

Grimaud: ... da spürte ich eine so überwältigende Freude an der Musik, eine so tiefe Dankbarkeit, dass mir klar war: Da ist sie wieder, meine Lebenskraft.

Frage: Sie hatten im Frühsommer eine schwere Operation und mussten dreieinhalb Monate pausieren. So lange ohne Musik?

Grimaud: Ohne Klavier auf jeden Fall. (imitiert auf dem Tisch einen schnellen Lauf)

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Frage: Wie fühlt sich das an?

Grimaud: Schlecht. Hart. Ich dachte immer, mein Geist sei stärker als mein Körper. Solange man physisch am Boden ist, stimmt das leider nicht. Erst im erstarkenden Körper kann auch der Geist wieder stark sein.

Frage: Eine Zeit ohne Noten, ohne Lesen und Hören von Musik?

Grimaud: Ohne aktive Beschäftigung, ja. Als ich aus der Narkose aufwachte, war mein erster Gedanke noch, Ende Mai, das Konzert mit Valery Gergiev bei den Weißen Nächten in St. Petersburg, das schaffe ich. Es dauert eine Weile, bis der Kopf wirklich begreift, was los ist, bis die Fokussierung auf Termine, Begegnungen und Partituren nachlässt. Und plötzlich tun sich Räume auf, dunkle Räume für all das, was man nicht bewältigt, sondern verdrängt, weil man diesen Beruf sonst wahrscheinlich nicht ausüben könnte. Im März zum Beispiel ist Apache gestorben ...

Frage: ... einer der Wölfe im Wolf Conservation Center in der Nähe von New York, das Sie mitgegründet haben.

Grimaud: Ich hätte nie gedacht, dass mich das so treffen würde. Er war 13 Jahre alt, viel älter werden Wölfe nicht. Trotzdem hat es mich umgehauen, auch weil ich mich von ihm nicht verabschieden konnte. Solche Versäumnisse hinterlassen Spuren, vielleicht sogar Narben.

Frage: Was konnten Sie in diesen Monaten tun?

Grimaud: Nichts. Ich habe in meinem Leben noch nie nichts gemacht, vielleicht war es nach 25 Jahren an der Zeit. Das Problem ist nur: Ich war todunglücklich. Weil ich nicht wusste, wie lange es dauern würde, und weil ich mich als Opfer fühlte. Absurderweise hatte ich schon länger mit dem Gedanken einer Auszeit gespielt, mich mal drei, vier Monate auszublenden. Und jetzt wurde ich dazu gezwungen, ohne dass ich es genießen konnte. Schrecklich.

Frage: Was haben Sie daraus gelernt?

Grimaud: Dass jede Pause eine gute Pause ist, mit wie viel Schmerzen, Zweifeln, Verzicht und Verstörungen sie auch verbunden sein mag. Jede. Und ich habe gelernt, dass ich nichts mehr beweisen muss, nicht dem Publikum, dem Betrieb, den Kritikern oder mir selbst. Wenn man jung ist, kann das Sichbeweisen ein toller Motor sein. Das ist jetzt eine Binsenweisheit, aber wer durch eine solche Krise gegangen ist, der weiß, dass er am Ende mit sich allein ist. Das macht gelassen. Und frei. Ich hoffe, ich kann mir diese Einsicht bewahren.

Leser-Kommentare
  1. ... dass Frau Grimaud ebenso kompetent und farbenreich über Musik sprechen kann, wie sie sie spielt. Eine seltene und sehr erfreuliche Gabe, hinter der man viel überlegtes Handeln vermuten darf.

    "Abgrund" oder "Gefährdung" sind bzgl. der a-moll Sonate aber ein bisschen dick aufgetragen, nach dem Hauptthema geht es doch in ziemlich spielerischen Bahnen weiter. Um das Klischee vom "Schabernack-" Mozart zu hintergehen, bemüht sie also das Klischee von der "ersten Person" und der "Depression" der Molltonart.

    Na, was solls. Eine fantastische Interpretin ist sie allemal, Wölfe hin, Warenkritik her.

    • k2
    • 13.11.2010 um 0:53 Uhr

    http://www.kewego.fr/vide...

    A.B.M. interpretierte innerhalb eines Taktes kaum
    und A.B.M. zieht nach der sechsten Minute bei der
    Aufnahme von Grimaud lediglich auf die Dominanten.

    A.B.M. überspielte & scheute die feinen Miniaturen
    durch Beschleunigung & Schnelligkeit etwas schnöde.

    Grimaud ist in dieser Aufnahme an der Milleniumswende etwas gelungen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • rabin
    • 01.12.2011 um 16:58 Uhr

    Natürlich ist Fru Grimaud bei dieser Bach-Bearbeitung ihn ihrem Element. Mit dem gleichen Furor über Mozart herzufallen, halte ich für einen Fehler.
    Im übrigen gibt es andere Versionen dieses Virtuosenstückchens, die ihr leicht das Wasser reichen können, denke ich an Gelber oder Weissenberg.

    • rabin
    • 01.12.2011 um 16:58 Uhr

    Natürlich ist Fru Grimaud bei dieser Bach-Bearbeitung ihn ihrem Element. Mit dem gleichen Furor über Mozart herzufallen, halte ich für einen Fehler.
    Im übrigen gibt es andere Versionen dieses Virtuosenstückchens, die ihr leicht das Wasser reichen können, denke ich an Gelber oder Weissenberg.

    • rabin
    • 18.11.2010 um 17:56 Uhr

    Muss sie fürchten, dass die Aufmerksamkeit nachlässt?

    Eher nicht, Frau Grimaud ist medial gut verankert, sieht blendend aus, ist im Bewusstsein der Klassikfreunde.

    Es gibt so viele Pianisten/Pianistinnen, die niemals eine annähernde Chance haben werden. Und spielen die alle schlechter? Ziemlich unwahrscheinlich, auf sie fiel nicht der Strahl der Aufmerksamkeit.

    Frau Grimaud kann veröffentlichen. Und muss sich dann messen lassen. Be8i KV 310 an so genialen Interpretationen wie von Lipatti ( live 1950) oder Pires. Gewogen und eher zu leicht befunden.

    • rabin
    • 01.12.2011 um 16:58 Uhr

    Natürlich ist Fru Grimaud bei dieser Bach-Bearbeitung ihn ihrem Element. Mit dem gleichen Furor über Mozart herzufallen, halte ich für einen Fehler.
    Im übrigen gibt es andere Versionen dieses Virtuosenstückchens, die ihr leicht das Wasser reichen können, denke ich an Gelber oder Weissenberg.

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