Kranke MusikerVitamin C fürs hohe C

Von Rolando Villazons Stimmbändern bis zu Hélène Grimauds Nerven: Die Körper der Klassikkünstler halten dem Druck der Musikbranche nicht mehr stand. von Christine Lemke-Matwey

Der Startenor Rolando Villazón muss lernen, dass er ersetzbar ist

Der Startenor Rolando Villazón muss lernen, dass er ersetzbar ist  |  © Felix Broede

Der Sänger Rolando Villazon hatte Knötchen auf den Stimmbändern und ist nach OP und Rekonvaleszenz hörbar nicht mehr der Alte. Sprechen möchte er darüber in Interviews nicht, verständlicherweise, er singt jetzt mexikanische Volkslieder und tritt nach wie vor in großen Sälen auf. Die Pianistin Hélène Grimaud musste ein Vierteljahr zwangspausieren, ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen, und ist gerade wieder aur Tournee: London, Paris, Toulouse, Mailand, Zürich, Sofia, Moskau, St. Petersburg, China und Kalifornien, gefolgt von Japan, Kanada und der Ostküste der USA. Und auch Vladimir Malakhov tanzt wieder, Berlins primo ballerino, fünf Monate nach einer neuerlichen Knieoperation, beidseitig wohlgemerkt. Fußballer mit nur einem derartigen Knie, versichert sein Arzt, bräuchten bis zu acht Monate, um wieder fit zu sein.

Viele Stars schwächeln, und sie tun das, wie viele Politiker, einerseits offenherziger denn je und andererseits besorgniserregender. Sie schwächeln, weil ihre Körper dem Druck aus den Köpfen nicht standhalten. Drogen aller Arten, Beruhigungspillen gegen Lampenfieber, Vitamin C fürs hohe C, Glukosamin gegen streikende Gelenke – hinter den Kulissen ist das an der Tagesordnung. Funktionieren um jeden Preis. Raubbau als Methode und legitimes Inspirationsmoment. Als wäre nur der aus dem letzten Loch pfeifende Künstler ein guter, wahrhaftiger Künstler; als wären physische und psychische Entgrenzung, die Sehnsucht nach dem Aus-der-Rolle-Fallen, das sich unsere Leistungsgesellschaft verbittet, einzig auf seinen Schultern abzuladen. Was für ein pseudo-romantischer Irrsinn!

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Die Überforderung indes hat System. Längst sind es nicht mehr blutrünstige Agenturen oder geldgeile Plattenfirmen, die den erschöpften Rampenlichtarbeiter mit dem Nudelholz des Profits vor sich her treiben. Das Problem sitzt in den Künstlerköpfen – und zwar tief. Die Angst, zu versagen und von der Bildfläche zu verschwinden; die Angst vor handfesten ökonomischen Einbußen. Das Plakat des Berliner Waldbühnenkonzerts im Sommer 2011 beispielsweise mit Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Erwin Schrott kann Rolando Villazon nur das Gruseln lehren: Wäre alles geblieben, wie es war und er gesund, der Tenorpart in diesem "Gipfeltreffen der Klassikstars" hätte selbstverständlich ihm gebührt. Auch Fragen nach Frau Netrebko übrigens verbittet er sich neuerdings. Aus, vorbei. Niemand in diesem Geschäft ist unersetzbar. Ein Großveranstalter wie die DEAG weiß das zuallererst.

Oder der jüngste Coup von Universal Music, unter deren Dach die Traditionslabels Deutsche Grammophon und Decca vereinigt sind. Mit dem 67-jährigen Daniel Barenboim wurde hier ein Exklusivkünstler ins Boot gehievt, der dank seines Engagements in Sachen Musikerziehung zwar für einen guten Leumund sorgt, der als Pianist allerdings auch Ressourcen bindet. Möchte Barenboim demnächst vielleicht Franz Schubert repräsentativ einspielen, dann wird das so schnell kein anderer aus demselben Stall tun. Wo alles in einer Hand liegt (die wirtschaftliche und ästhetische Souveränität der Labels war gestern), wird das Überleben zur Familienfrage. Man kannibalisiert sich gegenseitig. Also nix wie rein ins darwinistische Hamsterrad.

Eingekeilt zwischen smarten Youngstern wie Alice Sara Ott und Altmeistern dürfte Hélène Grimaud nicht unbedingt ruhiger schlafen. Dass sie aus ihren Krisen nie ein Hehl gemacht hat, wirkt ohnehin weniger als Sand denn als Rädchen im Getriebe, eine Art Aufmerksamkeitsbeschleunigungsimpuls. Das Schlimme daran: Die Sache ist ernst, und Grimaud, indem sie sich offenbart, meint es absolut ehrlich. Der Markt aber duldet keinen Stillstand. Und erst recht niemanden, der eine Musikerin wie sie vor sich selber schützte.

Leserkommentare
    • TDU
    • 18. November 2010 16:28 Uhr

    Die wirklich "Besessenen" wie Caruso und Tauber, in der Malerei Caravaggio, mal ausgenommen.

    Warum vermarkten sich manche nicht selbst?. Privatkonzerte für gut betuchte Liebhaber der Musik, kleine Säle. Ferraris kommen dabei vielleicht nicht rum. Die gibt es aber auf ehrliche Weise oder ohne Glückskinder wie noch im IT Bereich im "normalen Leben" auch nicht ohne erhebliche Mühen und Lasten einschliesslich zerrütetem Privatleben. Und manch einer fuhr nach dem ersten keinen mehr, da er durch frühes Ableben ausgebremst wurde.

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    ...was Werbung kostet? Glauben Sie wirklich Sie bekommen einfach so eine Rotation im Radio (mal auf die Musik allgemein gemünzt)? Das könnte ein einzelner ohne Nahmen nie hinbekommen...

    • robicon
    • 25. November 2010 7:05 Uhr

    es gibt uns doch tausendfach, das Fußvolk, die Nibelungen des Musikgeschäftes, die nie in Plakatform in den Plattengeschäften herumhängen weil wir lebenslänglich zwischen der Gruitener Stadthalle und der Heiliggeistkirche Villingen-Schwenningen herumtingeln und jahraus, jahrein unsere Weihnachtsoratorien, Buxtehudekantaten und Matthäuspassionen abreißen.
    Wir sind nur unsichtbar. Aber was glauben Sie, wieviele wir sind!

    Das Problem mit diesen Serviceangestellten Singenden und Spielenden ist ganz einfach: es sind die FALSCHEN, nicht die wahrhaftigen Künstler mit Stimme oder Instrumentalisten, es werden die gefördert in jungen Jahren, die Marktgerecht funktionieren. Oder sehen Sie an einem Wettbewerb wirklich gute grosse und interessante Persönlichkeiten, die gewinnen und gefördert werden ? Nein !
    Das ist nicht mehr gefragt. Es gewinnen die normalstimmigen und mittelklassesingenden, deren Erscheinungsbild nett und lieb und jung ist und vor allen Dingen bloss keine Egozentriker oder Risikotypen! Die jungen Singenden und Instrumentalisten werden gehandelt wie ne 100 Dollar Aktie vor dem 1. Weltkrieg, da kann man nicht viel verlieren, aber EBEN auch nicht viel gewinnen,... schon gar keine GROSSEN KÜNSTLER (Bartoli / Hui He / Lang Lang / Gheorgiu / Alagna / Cura / Aliberti / Grimaud / Netrebko / Garanca / Harteros / Kaufmann/ Villazon / Caleja / Kazarova / Schäfer / Dasch / Alvarez / Gidon Cremer / Barenboim / Zubin Metha / Domingo / u.s.w. - alles LANGWEILIG und ich greife dann doch lieber zu den ganz grossen Egozentrikern aus der Vergangenheit und da ging auch mal nen Ton daneben, aber es waren Solisten mit Ecken und Kanten, oft Spinner und Weltentrückte ....

  1. sind natürlich nur zu begrüßen. Denn um Kunst im emphatischen Sinne geht es schon lange nicht mehr. Wurde aber vor 50 Jahren von einem Herrn Theodor W. Adorno schon ziemlich detailliert beschrieben.

  2. ...was Werbung kostet? Glauben Sie wirklich Sie bekommen einfach so eine Rotation im Radio (mal auf die Musik allgemein gemünzt)? Das könnte ein einzelner ohne Nahmen nie hinbekommen...

    • rabin
    • 18. November 2010 17:46 Uhr

    Nie gewesen. Im übrigen. Fragen Sie mal Herrn Schubert, wie er zu Rossini und Paganini steht. Oder zur Dynastie der Straussen.

    Wohin das Publikum strömt .

    Künstler, die allgemein bekannt sind, hatten u.a. ein gutes Marketing ( heute auch das Aussehen mehr denn je).

    Schade, dass die anderen ziemlich gnadenlos ausgesondert werden, jedenfalls aus der Produktion von Aufnahmen. Aufnahmen, die existierten, werden gestrichen,nicht marktgängig.

    Dies gab es schon immer, heute ist es halt verschärft.

    • robicon
    • 25. November 2010 7:05 Uhr

    es gibt uns doch tausendfach, das Fußvolk, die Nibelungen des Musikgeschäftes, die nie in Plakatform in den Plattengeschäften herumhängen weil wir lebenslänglich zwischen der Gruitener Stadthalle und der Heiliggeistkirche Villingen-Schwenningen herumtingeln und jahraus, jahrein unsere Weihnachtsoratorien, Buxtehudekantaten und Matthäuspassionen abreißen.
    Wir sind nur unsichtbar. Aber was glauben Sie, wieviele wir sind!

    2 Leserempfehlungen
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    Ich bin aber recht dankbar, dass da auch Musiker zwischen der Griutener Stadthalle und der Heilig-Geistkirche in Fitzlibutzli herum tingeln! Ohne Sie gäbe es nicht die 'Alltagskunst', das Sinfoniekonzert, die Oper im zu kleinen Haus und das außerordentliche Chor- und Orchesterkonzert. Immer nur Lang Lang ist ja wie Grande Cuisine: mal lecker, aber nicht immer zu haben - äh und auch nicht immer auszuhalten. Vor allem wäre der Musikgenuss nur verdammt eingeschränkt möglich. Sorgen wir dafür, dass Musik im Alltag möglich ist! So viel und so oft wie möglich!

  3. Ich bin aber recht dankbar, dass da auch Musiker zwischen der Griutener Stadthalle und der Heilig-Geistkirche in Fitzlibutzli herum tingeln! Ohne Sie gäbe es nicht die 'Alltagskunst', das Sinfoniekonzert, die Oper im zu kleinen Haus und das außerordentliche Chor- und Orchesterkonzert. Immer nur Lang Lang ist ja wie Grande Cuisine: mal lecker, aber nicht immer zu haben - äh und auch nicht immer auszuhalten. Vor allem wäre der Musikgenuss nur verdammt eingeschränkt möglich. Sorgen wir dafür, dass Musik im Alltag möglich ist! So viel und so oft wie möglich!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Na hören Sie mal"
    • cmaul
    • 22. Dezember 2010 0:43 Uhr

    Wenn man einen Tagesspiegel-Artikel wiederkäut, dann kann man den durchaus dahingehend redigieren, dass man erwähnt, dass der 'siechende Tenor' in der Zwischenzeit gestorben ist (Peter Hoffmann +30.11.2010).
    Das Widersprüchliche an Karajan ist, dass er sich durchaus als Handwerker, als Kapellmeister verstanden hat, wie der Briefwechsel mit dem von ihm geschätzten Carlos Kleiber belegt. Die Positionen und Macht, die er zweifellos auch hatte waren Mittel zum Zweck, um die Orchester, Sänger und Solisten zu bekommen, die er haben wollte. Das ist eben das Problem, wenn man nicht gerade Klavier spielt, macht man Musik selten alleine. Von Windgassen sind mir von der Furtwängler Fidelio Aufnahme abgesehen, nur Wagner-Aufnahmen mit Personal der Bayreuther Festspiele erinnerlich, aber der hat auch anderes gesungen. Die Stuttgarter Oper wollte halt niemand aufnehmen.
    Karajan hat den Kommerz nur kompetenter und besser betrieben als andere und hat ein paar Änderungen im Konzertbetrieb durchgesetzt, die ich so schlecht nicht finden kann: Konzertprogramme sind kürzer, gewisse rhythmische und Noten-Schlampereien sind nicht mehr akzeptabel, Sibelius wird gespielt und er hat früh auf digitale Medien gesetzt, die es auch dem Herrn im Chor der Heiliggeistkirche Villingen-Schwenningen ermöglichen CDs billig zu erzeugen und zu vertreiben. Was ist daran verkehrt?

    Eine Leserempfehlung
  4. Aber sie konnten was.

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