Siegfried UnseldEinsatz in Mainhattan

Selbstporträt eines engagierten Verlegers: Siegfried Unselds "Chronik" der turbulenten Jahre 1967 bis 1970 ist posthum erschienen. von Gerrit Bartels

Auf den Frankfurter Buchmessen der späten sechziger Jahre ging es – im Vergleich mit den Messen der Gegenwart – turbulent zu, wirkten sich die Studentenunruhen doch auch auf die Buchbranche aus. 1967 belagerte eine Hundertschaft des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes den Stand der Springer-Literaturbeilage Welt der Literatur. Erst das Eingreifen der Polizei verhinderte die Erstürmung des Standes durch den SDS. Einen Tag vorher war Ernst Bloch mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden, ausdrücklich gegen den Willen des damaligen Börsenvereinsvorstehers Friedrich Georgi. Und vor der Messe hatten 71 Autoren eine Resolution unterschrieben und sich darin verpflichtet, nicht mehr für Medien des Springer-Verlags zu schreiben – unterstützt von den Verlagen Hanser, Suhrkamp, Piper, Rowohlt und Luchterhand, die keine Anzeigen mehr in Springer-Blättern schalten wollten.

Auch 1968 kam es zu Tumulten, insbesondere im Umfeld der Friedenspreisverleihung an den senegalesischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor. Der SDS warf Senghor vor, er hätte Arbeiter- und Studentenunruhen gewaltsam niedergeschlagen, und protestierte vor der Paulskirche. Es kam zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei, die Wasserwerfer und Tränengas einsetzte.

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Immer im Zentrum dieser Turbulenzen: Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der zu dieser Zeit auch dem Aufsichtsrat der Ausstellungs- und Buchmessen-GmbH angehörte. 1967 begann er unter dem Eindruck der Buchmessen-Ereignisse zum Chronisten zu werden und seine Erfahrungen niederzuschreiben, "eine neue Form der Aufschreibung, der Aufsagung", wie er notiert. "Ich berichte Dinge, die mir begegnen, Vorgänge, denen ich mich stellen muss." Bis zu seinem Tod im Februar 2002 sollte Unseld Berichte über sein Tun, seine Entscheidungen und Fehlentscheidungen schreiben, den Suhrkamp Verlag betreffend. Der erste Band dieser 24 Leitzordner und 30 Archivkästen füllenden Chronik, den der Verlag nun veröffentlicht, ist der des Jahres 1970. Ihm sind als Prolog Unselds Aufzeichnungen über die Buchmessen 1967 und 1968 sowie über den Aufstand von neun Suhrkamp-Lektoren vorangestellt, darunter Walter Boehlich, Urs Widmer und Peter Urban. Sie hatten Unseld 1968 vorgeworfen, sein Auftreten auf der Messe, seine vermittelnde Tätigkeit als Mitglied des Messe-Aufsichtsrats hätten "die Tendenz der Verlagsprogramme desavouiert".

Zudem legten sie Unseld eine sogenannte Lektoratsverfassung vor, die vorsah, dass alle verlegerischen Entscheidungen in Zukunft von einer Lektoratsversammlung getroffen werden sollten. Auch dem Verleger selbst wurde nicht mehr als eine Stimme zugestanden. Unseld erkannte: "Ich als Verantwortlicher und Haftender des Verlags konnte bei mehr oder weniger wichtigen Fragen leicht überstimmt werden." Was in vielen Bänden der Edition Suhrkamp propagiert wurde – Antikapitalismus, Umverteilung der Produktionsmittel, Enteignung, Mitbestimmung –, sollte jetzt dem Suhrkamp Verlag selbst widerfahren. Das war für Unseld inakzeptabel.

Er bemerkte sofort, dass in der Lektoratsverfassung nicht nur er als Verleger quasi kaltgestellt werden sollte. Auch von anderen Verlagsmitarbeitern und schon gar nicht von den Autoren war darin die Rede. So war es nicht schwer für ihn, die Autoren zu mobilisieren. Adorno wies das Vorhaben der Lektoren "aufs entschiedenste" zurück: "Er sprach immer von den 'Kindern', die jegliches Maß verloren hätten." Habermas sah in der Lektoratsverfassung eine "unzumutbare Forderung", Max Frisch bezeichnete sie "als nicht möglich". Und Martin Walser beschimpfte das Lektorat als "traditionell schlecht besetzt" und meinte dessen Qualität.

Unseld behielt die Oberhand. Mehrere aufständische Lektoren verließen den Verlag und gründeten 1969 den Verlag der Autoren mit dem Schwerpunkt Theater. Unseld hatte sich als hartnäckiger, energischer Kämpfer in eigener, aber auch in der Sache seiner Autoren gezeigt. Weshalb er sich schon mal vor den Kopf gestoßen fühlte, wenn sich Max Frisch nach einem schlampig redigierten Materialienband bei ihm beklagte. "Was er hier äußerte, kann kaum aufgezeichnet werden", schreibt Unseld im August 1970 nach einem Besuch in Berzona. Frisch bezweifelte unter anderem, ob der Verlag in der Lage sei, "seine Arbeiten noch wirklich betreuen zu können".

Lesen sich Unselds Aufzeichnungen über den Lektorenaufstand spannend wie ein Krimi, geht es in der Chronik von 1970 gemächlicher, trockener zu. Da muss man sich durch Geschäftsberichte mühen, da trifft sich Unseld mit seinen Schweizer Mitgesellschaftern oder er legt detailliert seine Finanzierungsprobleme dar ("Die Gesamt-Zinsbelastung der Verlage Insel und Suhrkamp beträgt DM 550.000").

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