Die Eröffnung des Neuen Museums vor über einem Jahr war eine Sensation. Doch nun hat die von David Chipperfield restaurierte Kriegsruine zu ihrer eigenen bewegenden Historie von Zerstörung, Wiederaufbau und Happy End nach über sechzig Jahren einen Neuzugang erhalten, der das Schicksal des Baus wie im Brennglas fokussiert und noch einmal anders mit der Gegenwart verbindet: Am Montag wurde hier die Ausstellung Der Berliner Skulpturenfund – 'Entartete Kunst' im Bombenschutt eröffnet.

Ein besserer Rahmen als den Griechischen Hof zu Füßen des Pompeji-Frieses, der den Ausbruch des Vesuvs und die Flucht der Menschen mitsamt ihrer Kunstwerke darstellt, lässt sich kaum denken: das Museum als Ort der Rettung. Elf Skulpturen aus deutschen Museen, die während der nationalsozialistischen Propagandaaktion "Entartete Kunst" konfisziert worden waren, die als verloren oder vernichtet galten – durch eine glückliche Fügung sind sie gefunden, gerettet. Ein später Triumph der Moderne, für den Berlins archäologische Sammlung das passende Umfeld liefert: Der Landesarchäologe Matthias Wemhoff ist zugleich Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte und zeigt im Hause auch andere Grabungsfunde aus Berliner Vorzeit.

Die elf zierlichen Skulpturen, die aus dem Schutt vor dem Roten Rathaus geborgen wurden, sind nüchtern auf grauen Sockeln unter Glas präsentiert. Doch dem Betrachter zieht sich das Herz zusammen, wenn er die Spuren der Zerstörung sieht und in den Texten vom Schicksal der Werke sowie ihrer Schöpfer liest. Gerade ihre Versehrtheit, ihre Verletzlichkeit verleiht den Geretteten Glanz: die Aura des Überdauerns aus einer gar nicht weit zurückliegenden und doch vorvergangenen Zeit.

Da ist Edwin Scharffs Bronzebildnis der Schauspielerin Anni Mewes, das den Archäologen schon im Januar in die Hände gefallen war. Mit metallischem Scheppern rollte das verkrustete Objekt dem Baggerfahrer von der Schippe, der erste spektakuläre Fund. Heute, im restaurierten Zustand, sieht die Bildnismaske von 1917 fast wie ursprünglich aus. Das vorgeschobene Kinn, die zu Schlitzen halb geschlossenen Augen und das haubenartig nach hinten geschobene Haar erinnern an die ägyptischen Skulpturen des Neuen Museums. Die Feuersbrunst, der im Krieg sämtliche Gebäude hier zum Opfer gefallen waren, konnte der Bronze wenig anhaben. Ob sich am gleichen Ort auch Gemälde, Grafiken oder Holzskulpturen befanden, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Nur Metall und Keramiken überstanden die hohen Temperaturen.

Da ist Karl Knappes "Hagar", die ihr Kind schützend an sich drückt. Anders als Scharffs Schauspielerin verbleibt sie in ramponiertem Zustand, mit grünlicher Patina und Schuttpartikeln, die dem Betrachter die Bedrohlichkeit der damaligen Lage auch für die Kunst veranschaulichen.

Auch Otto Freundlichs länglicher Kopf aus schwarz glasiertem Terrakotta wurde nicht vollständig restauriert. Das 1941 noch einmal für den propagandistischen Spielfilm "Venus vor Gericht" als Requisit missbrauchte Stück symbolisiert gerade als Fragment das tragische Schicksal des Künstlers, der 1943 im Konzentrationslager Majdanek ermordet wurde. Marg Molls "Tänzerin" von 1930 ist halb wiederhergestellt, halb ruinös geblieben: eine verschlungene Figur, in ungeschützter, Schutz suchender Pose. So bleibt die Geschichte doppelt in die Figur eingeschrieben: Was original, was authentisch ist, lässt sich kaum klären bei einem Werk, das länger im Erdreich verborgen lag, als dass es im Licht einer Ausstellung zu sehen war. Das Konzept des Neuen Museums, das die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs in seinen Bau inkorporiert, es wiederholt sich hier im kleinen Format.