Vor dem Auftritt des Publizisten Alfred Grosser, 85, in der Frankfurter Paulskirche protestierte der Zentralrat der Juden in Deutschland gegen dessen Einladung. Die Stadt hatte den gebürtigen Frankfurter, dessen jüdische Familie vor den Nazis fliehen musste, als Hauptredner zum Jahrestag der Pogromnacht am 9. November gebeten – obwohl er als scharfer Gegner der israelischen Regierungspolitik bekannt ist und mehrfach behauptete, Israelkritik sei in Deutschland nicht erlaubt.
Salomon Korn, 67, der Vizepräsident des Zentralrats und Vorsitzende von Frankfurts Jüdischer Gemeinde, hatte die Wahl des Redners missbilligt. ZEIT ONLINE sprach mit ihm nach seinem Besuch der Paulskirche und vor der alljährlichen Gedenkfeier in der Westend-Synagoge.

ZEIT ONLINE: Herr Korn, Sie hatten angekündigt, die Paulskirche im Protest zu verlassen, sollte der diesjährige Redner Alfred Grosser einseitige und böswillige Kritik an Israel üben. Sind Sie tatsächlich rausgegangen?

Salomon Korn: Nein, denn dafür gab es keinen Grund. Grossers Rede lag ganz im Rahmen des Tolerablen. Er hat über Werte des Humanismus referiert und sein Motto war das Verständnis für das Leiden anderer – einschließlich der Palästinenser.

ZEIT ONLINE: War es also ein Fehler, den Redner vorauseilend zu kritisieren?

Korn: Nein, ich stehe zu der Kritik des Zentralrats, denn an Grossers vorherigen Behauptungen hat sich nichts geändert: Intolerabel bleibt, dass er Juden und Israelis immer wieder gleichsetzt oder dass er die nationalsozialistische Judenvernichtung in Zusammenhang mit der israelischen Palästinenserpolitik gebracht hat – was jeder Verhältnismäßigkeit entbehrt, weil es niemals eine Vernichtungsabsicht gegenüber den Palästinensern gab. Außerdem hat er behauptet, ein Verständnis für das Leiden anderer sei auf jüdischer Seite nicht vorhanden. Das bleibt eine infame Verallgemeinerung, ebenso seine frühere Aussage, dass Kritik an Israel und Antisemitismus grundsätzlich nichts miteinander zu tun hätten. Das ist in dieser Verabsolutierung falsch.