Eva StrittmatterDichtung aus Notwehr

Eva Strittmatters Gedichte waren voller Schmerz und Wahrheit. Ihre Leser erkannten sich in ihrer Lyrik wieder. Dafür wurde sie geliebt. Ein Nachruf von Kerstin Decker

Das glaubt man nicht, wenn man jung ist: Dass Dichtung einfach nur Notwehr sein kann. Eine Weise, sich selbst und das Leben zu überstehen.

Am Anfang, da hieß sie noch Eva Braun, schien es so offen vor ihr zu liegen wie vor jeder Jugend, die Großes von sich erwartet. Ja, mehr noch: Der eigene Aufbruch und der eines Landes zu gleicher Zeit! Sie saß, gerade 20 Jahre alt, im Büro des Schriftstellerverbandes in Berlin und prüfte Texte, die die Teilnehmer eines Preisausschreibens zu den Weltfestspielen 1951 eingesandt hatten. Wie weit lagen Neurruppin und die ganze Kleinbürgerei hinter ihr. Ihres Urteils war sich die Absolventin der Gemanistik, Romanistik und Pädagogin sicher, so sicher wie es junge Menschen sind. Und dann trat ein älterer Herr ins Zimmer, den kannte sie, genauer, sie kannte sein Foto. Und der beschloss: Die will ich!

Eva und Erwin Strittmatter waren das Paar der DDR-Literatur. Fast jeder wusste, wo sie wohnten, nicht nur wegen der Briefe aus Schulzenhof. Die DDR war sehr zudringlich, sie wollte jeden, und wenn möglich ganz. An Eva und Erwin Strittmatter erkannten viele nicht zuletzt: Man kann in der DDR auch DDR-fern leben. Mit Pferden, es waren manchmal fast 30, irgendwo draußen auf dem Land. Er schreibt. Sie schreibt.

Anzeige

Von dieser Genügsamkeit zu zweit, dieser scheinbaren Vollkommenheit im Elementaren ging eine Beruhigung aus. Es gab sie also, die Rückzugsorte. Aber das war nicht die ganze Wahrheit, vielleicht war es nicht einmal die halbe. Auch und erst recht nicht die über ihre Dichtung. Dass die schönen Worte so einfach aus dem Anblick des Schönen wachsen, glauben ohnehin nur die Leser. Und Eva Strittmatter hatte sie zu Tausenden, ja Hunderttausenden, fast von Anfang an. Welcher Jetztzeitdichter darf das von sich sagen, welcher überhaupt? Ist jeder Ruhm am Ende ein Missverständnis?

Der Anfang kam spät. Wer ahnt schon, dass einen nichts dem eigenen Schreiben ferner rücken kann als der Umstand, einen Schriftsteller geheiratet zu haben? Ihr erster Mann hatte sie mit der Ankündigung seines Selbstmords erpresst, ihn zu heiraten. Strittmatter erpresste sie mit sich. Sie wohnten am Strausberger Platz, in dieser neuen Straße, die geradewegs in eine helle Zukunft führen sollte, als über ihre Zukunft schon entschieden war. Jenseits von Berlin. Erwin Strittmatter kaufte Schulzenhof.

Ich habe nie hierher gewollt, und er wusste es, sagte Eva Strittmatter noch nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes auf Schulzenhof, und in ihrer Stimme klang – nein, nicht Bitterkeit, wohl aber eine große Unerbittlichkeit. Eine große Kälte auch gegen sich selbst. Selbstüberredungen ausgeschlossen, noch jetzt. Dabei klangen ihre Gedichte doch oft so warm, ja beinahe zu lebenswarm mitunter. Hatten wir sie nicht doch für eine Idyllikerin gehalten? Aber immer wieder, und das blieb so, trafen selbst die Verteidiger des Standpunkts Schönheit-durch-Kälte auf Zeilen von so tiefer, einfacher Schönheit, die zugleich Wahrheit war. Und Schmerz. Und das war nur in ihren Worten, sie war wie jede tiefere Wahrheit noch gerade am Rand des Erträglichen. Wer solche Worte findet, darf seine Worttemperatur frei wählen.

Aber erst damals, im Gespräch mit ihr, wurde mit einem äußersten Lebensernst klar, dass die Wurzel ihrer Dichtung das Gegenteil von Idylle war, eine letzte Selbstbehauptung. Per Eheurkunde, durch den Mann, den sie liebte – ja, das auch – verschickt in ein fremdes Leben, verbannt in ein Frauenleben mit einem großen Hof, Kindern und Tieren. Das Traumbild der mehr oder weniger DDR- Traumatisierten – es hatte nie gestimmt. Ich mach ein Lied aus Stille hieß ihr erster Gedichtband, da war sie schon über 40 Jahre alt. Und diese Stille hatte also nichts Trauliches, es war eher die Stille, die entsteht, wenn einem alle Stimmen zu verstummen drohen, zuerst die eigene. Binnen kurzer Zeit gab es 20.000 Vorbestellungen. Bis 1989 verkauften sich ihre Gedichtbände 700.000 mal. Und der Erfolg blieb, ihre Leser blieben. Man liebt, in wem man sich erkennt.

Nach dem Tod Erwin Strittmatters und eines Sohnes die kurze Illusion, noch einmal ganz neu beginnen zu können, auch die Liebe. Aber: "Es ist nichts geschehn/ Es wird nichts geschehn./ Wir dürfen nicht schreien, wir dürfen nicht weinen./ Wir fangen nur an, anders auszusehn." Und dann die letzte Prüfung: Fast ein Jahrzehnt so krank zu sein, dass es oft nicht zum Aufstehen reicht. Der Rücken dieser so standhaften Frau trug sie nicht mehr. Das Leben immer seltener, aber die Worte kamen noch zu ihr. Gedicht ist ein im Raum befestigter Klang, hat sie gesagt im schönen Gesprächsbuch mit Irmtraud Gutschke Leib und Leben.

Auf Erwin Strittmatters Grabstein in Schulzenhof stehen ihre Zeilen: "Löscht meine Worte aus und seht: der Nebel geht über die Wiesen …". Eva Strittmatter ist mit 80 Jahren gestorben.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. schrieb ich ihr aus dem Westen einen Brief, in dem ich ihr kleines Gedicht

    Es könnte ein Gedicht sein,
    das nur aus ACH besteht -
    ein Seufzer wie ein Falter,
    der taumelt und vergeht

    mit dem ACH-Schöpfungs-Gedicht von Goethe verglich:

    Und Er sprach das Wort "Es werde",
    da ertönt ein schmerzlich ACH,
    als das All mit Machtgebärde
    in die Wirklichkeiten brach.

    Der Verbindungspunkt war für mich der Anfang des uralten Rik-(oder Rig-)Veda, dessen erste Silbe AK (oder AG) lautet, der Anfang und das Ende der Sprache, das Öffnen und das Abwürgen (das im Rig-Veda gleich wieder überwunden und verneint wird: AGNI).

    Nach vielen Wochen antwortete sie mir kurz und sehr freundlich, und erwähnte auch, dass mein Brief sie ziemlich spät erreicht habe. (Man konnte sich denken, warum...)

    Ich hörte später auch, dass sie - so wie Goethe - auch am Koran sehr interessiert gewesen sei.

    Für mich war Eva Strittmatter die einzige Dichterin seit Rilke, Benn, Brecht und Hesse, die ich lesen mochte. Und das nicht nur wegen des Reims, den ich bei ihr über alles liebe, weil er so selbstverständlich, so unbetont eingesetzt wird. Auch ihre ganz und gar nicht bigotte und durchaus dissidente Spiritualität hat mich immer wieder erstaunt. Und wie es scheint, ging es Millionen von Lesern genauso, im Osten und zunehmend auch im Westen. Da sieht man auch über ihre Klagelieder hinweg, die ich persönlich weniger mochte..

  2. Ob die KulturErbeVerleiher das "Volk" vertreten, bezweifele ich.

    Neben der dringend benötigten Funktion der weiteren Elbquerung ist die Waldschlösschenbrücke selbst auch Kultur,
    ob allerdings eine gelungene wäre eine andere Frage.

    Die Brücke schafft eine Sicht auf Dresden, die vorher nicht gegeben hat?
    Und für alle, die meckern wegen der Gestaltung derselben:
    Wenn sie auf der Brücke sind, sehen Sie sie nicht.
    ;)
    Hoffentlich hat man auch Fußgängern und Fahrradfahrern erlaubt sie zu nutzen zu dürfen.

    Gruß Max Stockhaus

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FranL.
    • 04. Januar 2011 21:23 Uhr

    Kann es sein, daß Sie sich im Artikel geirrt haben?

    • FranL.
    • 04. Januar 2011 21:23 Uhr

    Kann es sein, daß Sie sich im Artikel geirrt haben?

    Antwort auf "Kulturerbe"
  3. Ach wie nett die Lyrik hier - so friedlich...boah die Eva....?
    Na Hilfe - Eva Strittmatter gehörte zu den meist verlegtesten GedichteschreiberInnen in der DDR. Eine lyrische Ader werde ich ihr nicht absprechen, aber ihre hohe Druckquoten hat sie ihrem Staat mit ausführlichen Berichten gedankt, keine andere hat wie Eva ihre Kollegen ausspioniert und ungefragt akribische Beobachtungsprotokolle der StasiKrake eingereicht. Als ich das aus den SChriftstellerprotokollen erfuhr, wurde mir jedesmal beim Lesen ihrer Gedicht schlecht.
    Warum hat sie die Kollegen beim Sicherheitsdienst richtiggehend ausgeliefert, das bleibt ihr Geheimnis! Ich hoffe, Sie fällt nicht aus Gottes Hand -
    Jetzt wird sie erstmal von der ZEIT gefeiert...

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hier wird Eva Strittmatter eine "lyrische Ader" gönnerhaft zugesprochen. Boah ...
    Aus Beobachterprotokollen der Stasikrake wird hergeleitet... Boah.
    Ich maße mir nicht an, ein Fazit über Eva Strittmatters Leben, Denken und Handeln zu ziehen. Aber die vielen Bücher, die ich von ihr und über sie gelesen habe, rechtfertigen eine solche Schwarz-Weiß-Malerei nicht.

    Das Benennen ihrer Tätigkeit für das MfS hat nichts mit Schwarz-Weiß-Malerei zu tun,sondern damit, dass ihr nie der Mut erwuchs, sich bei den vielen beschädigten Schriftstellern aus der ehemaligen DDR zu entschuldigen.
    Wenn man einen jubelnden Nachruf verfasst, sollten die schwierigen Momente des Lebens nicht vollständig ausgeklammert werden. Aber damit hatte die ZEIT bereits nach der Wende Probleme!
    Eine ehrliche Revue nach dem Tod wünsche ich mir übrigens auch für mich.

  4. Hier wird Eva Strittmatter eine "lyrische Ader" gönnerhaft zugesprochen. Boah ...
    Aus Beobachterprotokollen der Stasikrake wird hergeleitet... Boah.
    Ich maße mir nicht an, ein Fazit über Eva Strittmatters Leben, Denken und Handeln zu ziehen. Aber die vielen Bücher, die ich von ihr und über sie gelesen habe, rechtfertigen eine solche Schwarz-Weiß-Malerei nicht.

  5. daß eva strittmatter nicht mehr am leben ist. mich haben ihre gedichte lange zeit begleitet. jetzt habe ich sie schon einige jahre etwas aus den augen verloren bzw. nicht mehr zur hand genommen. aber ich habe ihre bücher wieder aus dem regal genommen und auf meinen nachttisch gelegt. und ich weiß jetzt schon: ihre gedichte werden kir wie aus einer fernen zeit erscheinen, die lange lange her ist. als wären wir mit dem raumschiff und warp-antrieb in null-komma-nichts aus dem paradies vertrieben worden. (dabei gab es damals auch so einiges zu kritisieren. nur erscheinen die damaligen kritikpunkte gemessen mit den heutigen wie krümel auf dem frühstückstisch, leicht wegzuwischen.) ich fürchte mich ein wenig, mir wieder diese gedichte anzutun. sie erinnern mich zu sehr an meine verletzlichkeiten. und verletzlich sein darf man heute wohl kaum.

    der artikel hier zu eva strittmatter hat mir wenig gefallen. ich finde, daß er der person eva strittmatter, wenn überhaupt dann im hinteren teil gerechter wird. im vorderen teil ist es, wie soll es auch anders sein, wieder mal die pöse pöse ddr ("Die DDR war sehr zudringlich, sie wollte jeden, und wenn möglich ganz. An Eva und Erwin Strittmatter erkannten viele nicht zuletzt: Man kann in der DDR auch DDR-fern leben."). das ist auf die dauer nur noch langweilig und sogar ärgerlich. man sollte sich das verkneifen angesichts des todes dieser großen dichterin. sehr schade, daß nicht frau gutschke die ehre für den artikel gegeben wurde.

  6. enttäuscht war ich auch, daß nicht wenigstens in der tagesschau oder den tagesthemen ein nachruf auf frau strittmatter gesendet wurde. das ist wirklich ein armutszeugnis. insofern ist es wenigstens etwas, daß die zeit bzw. tagesspiegel einen nachruf gebracht haben (wenn auch keinen besonders guten).
    ich möchte nicht schon wieder von der anderen seite die ost-west-dramatik aufdröseln. aber eigentlich muß ich es doch. denn wie sonst ist es erklärlich, daß die ard kein einziges wort des nachrufes für diese große frau in ihren hauptnachrichten findet?

    immerhin sendet der mdr morgen (bzw. heute) abend zwwei dokumentationen über eva strittmatter. ich kenne beide schon. und kann sie nur empfehlen. die erste beginnt um 23.30 uhr, die andere schließt sich gleich darauf an. beide dauern ca. 45 minuten.

    eine so ehrliche und sensible stimme wie die von eva strittmatter, sie wird fehlen in dieser verrückten zeit!

    • drno37
    • 05. Januar 2011 8:23 Uhr

    Beim ND findet sich ein wunderbarer Nachruf, verfasst von Irmtraud Gutschke:

    http://www.neues-deutschl...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Erwin Strittmatter | Notwehr | DDR | Gedicht | Gedichtband | Selbstmord
Service