Im politischen Sprachgebrauch trennen Gut und Böse sich ganz leicht: Dort die Despoten, hier der Westen mitsamt seinen Verbündeten. Zu diesen wurde Hosni Mubarak lange Zeit gezählt. Mehr als 30 Jahre erfreute man sich nicht nur hierzulande an seinem Staat Ägypten, den Stränden und Nilrundfahrten. Man war glücklich über die Stabilität, die er Nordafrika gab gegen eine befürchtete Radikalisierung des Islams. Nun, im Zuge der ägyptischen Revolte, hat dieses Bild ausgedient. Die Welt schreit auf: Mubarak ist ein Diktator. Sprache befindet sich ja stets im Wandel. Man könnte aber fragen: Warum erst jetzt?

Nicht, dass die Bezeichnungen falsch wären. Irritierend sind vielmehr das tabularasende Tempo und die Lautstärke, mit denen die westliche Öffentlichkeit ihren jahrzehntelangen Gleichmut nun entsorgt. Soeben grüßte Mubarak noch als anerkannter Staatspräsident und honoriger Handelspartner, sogleich steht er auf der düsteren Showbühne der Macht. Was kürzlich Regierung hieß, nennt man ab sofort Regime – ganz selbstverständlich, als habe man nie anderes behauptet. Im Taumel der Revolte hat die Sprache jäh die Seiten gewechselt. Huch, es ist ein Unrechtsstaat!

Aus den vormals Aufständischen wurden Demonstranten und Protestler, aus Protestlern Kritiker, aus Kritikern Regimegegner, aus Regimegegnern schließlich mancherorts gar Freiheitskämpfer. Binnen weniger Tage. Das Vokabular vom Tahrir-Platz beherrscht nun unsere Öffentlichkeit, so wie es lange Zeit die Sprache der Staatsräson war, mit der man im Westen über Mubaraks Ägypten redete. Also die vergangenen 30 Jahre lang. Gestern Realpolitik, heute Revolution. Aufregend! Und ein bisschen opportunistisch.

So klingt die Schärfe einer Claudia Roth zum Beispiel doch recht sonderbar. Sie mahnte Guido Westerwelle jüngst, mit dem Regime nicht zimperlich zu sein. Roth war einst Menschenrechtsbeauftragte der rot-grünen Bundesregierung. Kein böses Wort fiel damals zu Ägypten. War wohl grad etwas anderes los. Verwundern kann auch die Diskussion, ob Mubarak zum Arzt nach Deutschland reisen darf. Kein Kurschatten für Diktatoren!, dröhnt es jetzt aus einem Land, wo man ihn – nicht lang her – noch als gern gesehenen Gast empfing. Und Klaus Brähmig von der CDU forderte nach den Ereignissen in Kairo prompt "ethisch bewusstere Entscheidungen" bei der Wahl des Reiseziels. Nach 29 Jahren Ausnahmezustand ist’s jetzt genug mit Charme al-Scheich.

Dass späte Einsicht besser ist als keine, sollte hier fairerweise erwähnt werden. Betrüblich stimmt jedoch, dass es dazu erst den Aufstand braucht.