ZEIT ONLINE: Frau Horn, in Ihrem Buch Der geheime Krieg beschreiben Sie ein Paradox der Demokratie: Einerseits habe sie die Pflicht zur Transparenz, andererseits bespreche der Staat vieles im Geheimen. Hat uns Wikileaks das nicht sehr wirksam vorgeführt?

Eva Horn: Das, was durch Wikileaks passiert ist, ist ja nicht so neu. Investigative Journalisten haben oft in die Geheimsphären von Staaten eingegriffen. Denken Sie etwa an die Pentagon Papers oder die Enthüllungen von Seymour Hersh über die getürkten Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak. Das Problem in Demokratien ist, dass sie ihre Legitimation aus Öffentlichkeit und Partizipation beziehen. Deshalb ist es für sie viel problematischer, Staatsgeheimnisse zu haben, als für totalitäre Staaten. Solche sind nicht der Auffassung, dass das Volk wirklich wissen muss, was die Regierung tut.

ZEIT ONLINE: Wozu braucht eine Demokratie überhaupt Geheimnisse?

Horn: Regierungen, egal ob demokratisch oder nicht, brauchen sie aus verschiedenen Gründen: aus Sicherheitserwägungen, also in Form von Kriegsgeheimnissen oder Terrorabwehr, um ihre außenpolitischen Interessen wahrzunehmen, um sensible Verhandlungen in einem geschützten Raum durchführen zu können. Aber es muss auch klar sein: Es gibt legitime Geheimnisse und solche, die die Öffentlichkeit erfahren muss. Denn jedes Geheimnis ist nicht nur ein Schutzraum, sondern öffnet immer auch die Möglichkeit für ein Verhalten, das nicht im Sinne des Gemeinwohls ist.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Horn: Das Geheimnis eröffnet eine Grauzone, eine Zone, in der man sich nicht mehr rechtfertigen muss und nicht mehr kontrolliert werden kann. Es kann auch die Tür für illegitime Gewalt öffnen, etwa in den Folterpraktiken des amerikanischen Militärs, aber auch für persönliche Bereicherung, für Korruption und Mauscheleien, oder eben für explizite Lügen der Regierung. Dieser Verlust an öffentlicher Kontrolle und rechtlicher Belangbarkeit ist es, was das Geheimnis so gefährlich macht.

ZEIT ONLINE: Wann muss ein Geheimnis an die Öffentlichkeit?

Horn: Wenn der Staat Geheimnisse vor den Bürgern hat, deren Veröffentlichung fundamentale Auswirkungen auf die staatliche Legitimation hat. Wenn es dem zuwiderläuft, was wir als Gemeinwohl erachten. Die Art und Weise, wie etwa der Vietnamkrieg geführt wurde, und welche Lügen zu seiner Rechtfertigung gebraucht wurden, war etwas, das unbedingt aufgedeckt werden musste. Aber pauschal zu sagen, eine Demokratie darf keine Geheimnisse haben, ist nicht möglich. Es ist viel komplizierter.

ZEIT ONLINE:Julian Assange befürwortet eine umfassende Transparenz.

Horn: Totale Transparenz ist auch totale Überwachung. Das kann doch kein Mensch wirklich wollen. Das beträfe nicht nur die Politik, sondern auch die Privatsphäre aller. Es ist ungeheuer naiv. Assange inszeniert sich als Freiheitskämpfer gegen die konspirative Struktur von Staaten überhaupt. Er glaubt, dass man jedwede Geheimstruktur von Regierungen zerstören muss, und dass Regierungen grundsätzlich konspirativ operieren. So etwas glauben Verschwörungstheoretiker. Seine Idee von dieser Plattform ist zweifellos gut, aber er fokussiert sie einzig auf sich. Ehrlich gesagt finde ich die Debatte um die Person Assange unendlich uninteressant.

ZEIT ONLINE: Warum konzentriert sich die Debatte aber so auf ihn?

Horn: Wie Assange sich in den Vordergrund spielt und plötzlich maskierte Demonstranten Freiheitsparolen rufen, sind typische Effekte einer medialen Öffentlichkeit, die sich eher für das Bekannte interessiert als für komplexe und wirklich neue Sachverhalte. Assange hat eines kapiert: Wenn ich bekannt werden will, muss ich Dinge erzählen, die alle erwarten. Da ist es sehr viel effektiver, die USA anzuprangern oder zum hundertsten Mal vorzuführen, dass die Kriege im Irak und in Afghanistan irgendwie schief laufen. Das wussten wir doch längst. Die Innovation, die Wikileaks tatsächlich darstellt, geschieht auf dem Rücken von Nachrichten, die alle schon kennen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Horn: Als Wikileaks Dokumente über Korruption in Kenia oder über Scientology online gestellt hat, interessierte das kaum jemanden. Dieser Hype ist doch erst entstanden, als sie an die klassischen Medien herangetreten sind, die investigativ arbeiten. Die Aufmerksamkeit, die Wikileaks bekommen hat, lief nur über die Aufbereitung durch diese Medien. Die haben bestimmte Nachrichten aus den kryptischen Depeschen herausgefiltert – leider auf ungeheuer langweilige Weise.

ZEIT ONLINE: Was hätten Sie denn gerne gewusst?