Wikileaks"Totale Transparenz ist auch totale Überwachung"

Das Geheimnis in Zeiten von Wikileaks: Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn erzählt im Interview über die Macht des Leakings und über das Phänomen Julian Assange. von 

ZEIT ONLINE: Frau Horn, in Ihrem Buch Der geheime Krieg beschreiben Sie ein Paradox der Demokratie: Einerseits habe sie die Pflicht zur Transparenz, andererseits bespreche der Staat vieles im Geheimen. Hat uns Wikileaks das nicht sehr wirksam vorgeführt?

Eva Horn: Das, was durch Wikileaks passiert ist, ist ja nicht so neu. Investigative Journalisten haben oft in die Geheimsphären von Staaten eingegriffen. Denken Sie etwa an die Pentagon Papers oder die Enthüllungen von Seymour Hersh über die getürkten Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak. Das Problem in Demokratien ist, dass sie ihre Legitimation aus Öffentlichkeit und Partizipation beziehen. Deshalb ist es für sie viel problematischer, Staatsgeheimnisse zu haben, als für totalitäre Staaten. Solche sind nicht der Auffassung, dass das Volk wirklich wissen muss, was die Regierung tut.

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ZEIT ONLINE: Wozu braucht eine Demokratie überhaupt Geheimnisse?

Horn: Regierungen, egal ob demokratisch oder nicht, brauchen sie aus verschiedenen Gründen: aus Sicherheitserwägungen, also in Form von Kriegsgeheimnissen oder Terrorabwehr, um ihre außenpolitischen Interessen wahrzunehmen, um sensible Verhandlungen in einem geschützten Raum durchführen zu können. Aber es muss auch klar sein: Es gibt legitime Geheimnisse und solche, die die Öffentlichkeit erfahren muss. Denn jedes Geheimnis ist nicht nur ein Schutzraum, sondern öffnet immer auch die Möglichkeit für ein Verhalten, das nicht im Sinne des Gemeinwohls ist.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Eva Horn
Eva Horn

ist Jahrgang 1965 und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Professorin an der Universität Wien. Von ihr erschien im Jahr 2007 die Studie Der geheime Krieg – Verrat, Spionage und moderne Fiktion (S. Fischer Verlag)

Horn: Das Geheimnis eröffnet eine Grauzone, eine Zone, in der man sich nicht mehr rechtfertigen muss und nicht mehr kontrolliert werden kann. Es kann auch die Tür für illegitime Gewalt öffnen, etwa in den Folterpraktiken des amerikanischen Militärs, aber auch für persönliche Bereicherung, für Korruption und Mauscheleien, oder eben für explizite Lügen der Regierung. Dieser Verlust an öffentlicher Kontrolle und rechtlicher Belangbarkeit ist es, was das Geheimnis so gefährlich macht.

ZEIT ONLINE: Wann muss ein Geheimnis an die Öffentlichkeit?

Horn: Wenn der Staat Geheimnisse vor den Bürgern hat, deren Veröffentlichung fundamentale Auswirkungen auf die staatliche Legitimation hat. Wenn es dem zuwiderläuft, was wir als Gemeinwohl erachten. Die Art und Weise, wie etwa der Vietnamkrieg geführt wurde, und welche Lügen zu seiner Rechtfertigung gebraucht wurden, war etwas, das unbedingt aufgedeckt werden musste. Aber pauschal zu sagen, eine Demokratie darf keine Geheimnisse haben, ist nicht möglich. Es ist viel komplizierter.

ZEIT ONLINE:Julian Assange befürwortet eine umfassende Transparenz.

Horn: Totale Transparenz ist auch totale Überwachung. Das kann doch kein Mensch wirklich wollen. Das beträfe nicht nur die Politik, sondern auch die Privatsphäre aller. Es ist ungeheuer naiv. Assange inszeniert sich als Freiheitskämpfer gegen die konspirative Struktur von Staaten überhaupt. Er glaubt, dass man jedwede Geheimstruktur von Regierungen zerstören muss, und dass Regierungen grundsätzlich konspirativ operieren. So etwas glauben Verschwörungstheoretiker. Seine Idee von dieser Plattform ist zweifellos gut, aber er fokussiert sie einzig auf sich. Ehrlich gesagt finde ich die Debatte um die Person Assange unendlich uninteressant.

ZEIT ONLINE: Warum konzentriert sich die Debatte aber so auf ihn?

Horn: Wie Assange sich in den Vordergrund spielt und plötzlich maskierte Demonstranten Freiheitsparolen rufen, sind typische Effekte einer medialen Öffentlichkeit, die sich eher für das Bekannte interessiert als für komplexe und wirklich neue Sachverhalte. Assange hat eines kapiert: Wenn ich bekannt werden will, muss ich Dinge erzählen, die alle erwarten. Da ist es sehr viel effektiver, die USA anzuprangern oder zum hundertsten Mal vorzuführen, dass die Kriege im Irak und in Afghanistan irgendwie schief laufen. Das wussten wir doch längst. Die Innovation, die Wikileaks tatsächlich darstellt, geschieht auf dem Rücken von Nachrichten, die alle schon kennen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Horn: Als Wikileaks Dokumente über Korruption in Kenia oder über Scientology online gestellt hat, interessierte das kaum jemanden. Dieser Hype ist doch erst entstanden, als sie an die klassischen Medien herangetreten sind, die investigativ arbeiten. Die Aufmerksamkeit, die Wikileaks bekommen hat, lief nur über die Aufbereitung durch diese Medien. Die haben bestimmte Nachrichten aus den kryptischen Depeschen herausgefiltert – leider auf ungeheuer langweilige Weise.

ZEIT ONLINE: Was hätten Sie denn gerne gewusst?

Leserkommentare
    • Haunebu
    • 03. Februar 2011 16:29 Uhr

    ist genau das was wir brauchen..ja..

    13 Leserempfehlungen
  1. muss sich nicht wundern, wenn immer mehr in diesen Grauzonen abläuft. Ja ich will die totale Transparenz und zwar für jede Person die meint, dafür qualifiziert zu sein, für mich zu entscheiden. Dafür werden diese Leute von mir indirekt bezahlt. Folglich will ich auch wissen was die treiben und welchen Einflüssen sie nachgeben. Für einen Demokraten sollte es eine Sache der Ehre sein, keine Geheimnisse gegenüber seinen Wählern zu haben. Wenn doch ist es eine geschlossenen ehrenwerte Gesellschaft. Hat aber mit Demokratie nichts zu tun.

    17 Leserempfehlungen
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    • N.F.
    • 04. Februar 2011 10:14 Uhr

    Die ganze Wikileaks Diskussion hätte nie stattgefunden, hätten die traditionellen Medien nicht von dieser Plattform berichtet. Und bitte erläutern Sie mir doch, was eine totale Transparenz bringen soll? Dann kann es gleich eine Volksherrschaft geben, was nicht so super funktioniert hat, schauen wir uns die Jakobinerherrschaft in Frankreich zum Beispiel mal an....
    Ein Staat BRAUCHT Geheimnisse, damit er Geschäfte abwickeln kann. Es gäbe so viele außenpolitische Konflikte, wenn jeder alleinige Plan eines Schachzuges der Regierung veröffentlicht werden muss. Natürlich ist es wichtig, dass ein "Verrat" am Volk aufgedeckt wird, dafür haben wir ja das Internet, Twitter ect. Denn inzwischen denkt anscheinend jeder, dass er einen totalen politischen Durchblick hat. Schade, dass sich dann nicht auch jeder dieser Nörgler für ein politisches Amt bewirbt..
    Herrn Assange geht es nicht um Transparenz. Das hat er bewiesen, indem er sich selbst als Mysterium in den Mittelpunkt der Diskussion stellt und die von ihm so hoch gelobte Transparenz bei siner eigenen Internetseite nicht einhält.

    • Elite7
    • 03. Februar 2011 16:59 Uhr
    3. [...]

    Wie diese Frau diese ganze Bewegung herunterspielen will. Natürlich hat sie recht, dass Medienpräsenz eine große Rolle gespielt hat, aber ich denke einen so großen Drang nach Freiheit und Transparenz hat es lange nicht mehr gegeben in dieser Spaßgesellschaft. Endlich wachen mal Leute auf und sie bezeichnet das ganze schon fast als größenwahnsinnige Spinnerei. Ist so jemand noch bei Trost? Die Pressefreiheit ist auch nur auf dem Papier real bzw. es ist von Journalisten abhängig was wir erfahren und ob wir erfahren. Weltfrieden kann nur durch maximale Transparenz erreicht werden. Was kann ein Staat denn bitte für Geheimnisse haben? Außer er hat Dreck am Stecken, ich lasse mich gerne belehren. Damit meine ich jetzt auch nicht den gläsernen Bürger, sondern den gläsernen Staat.

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    7 Leserempfehlungen
  2. Frau Horn hat absolut Recht: "Totale Transparenz ist auch totale Überwachung"

    In Muster-Polizeitstaaten Demokratien wie Deutschland ist Transparenz daher sehr wichtig: Die Bürger müssen für den Staat maximal transparent, der Staat für den Bürger hingegen maximal intransparent sein.

    7 Leserempfehlungen
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    opak noch besser ;) Weil teilweise schon nebliger als London im Herbst.

  3. Totale Transparenz ist auch totale Überwachung

    Was ist leichter? Ein paar Politik-Gurus total zu überwachen, oder das ganze Volk. Wohin die Reise geht, zeigen immer neue Gesetzesvorlagen zur Bürgerüberwachung.

    5 Leserempfehlungen
    • Artus-2
    • 03. Februar 2011 17:09 Uhr

    Wikilakes tot zu machen! Dem nach sagt einem der normale Menschenverstand, läuft Politik wohl nur ohne Demokratie und mit Schmiergeldern und Eigeninteressen. (Rohstoffquellen erobern).
    Wären unsere demokratisch gewählten Politiker nicht käuflich (Schmiergelder/Posten u.s.w.) wären die Bürger zufrieden und nicht auf wikilakes angewiesen!

    6 Leserempfehlungen
    • ZDFchen
    • 03. Februar 2011 17:10 Uhr

    kann sich ein vernunftbegabtes, gar vernünftiges Wesen auch ohne Internet zusammenreimen.

    Beispiele: Niemand wünscht sich Krieg in seinem eigenen Lande.
    Aber eine vom Volke gewählte Regierung glaubt für Krieg stimmen zu müssen, obwohl es das Volk nicht will.
    Schon lange nicht mehr.

    Regierungen waren schon immer über Fluss und Kontrolle von Informationen besorgt. Aus diesem Grunde beschlossen Regierende Beschlüsse zur Kontrolle des Informationsflusses.
    Aber nun wundern sie sich, daß auch sie dem gemeinen Volke angehören können.

    3 Leserempfehlungen
    • clubby
    • 03. Februar 2011 17:16 Uhr

    Es hat NIE jemand bestritten, dass gute Journalisten weiterhin benötigt werden. Sie werden GERADE in Zeiten von Wikileaks benötigt. Ihre Interpretation ist aber aufgrund der öffentlichen Sourcen im Zweifel nachprüfbar...was zu besserem Journalismus führt. Jeder kleine Lokalredaktuer kann nun zeigen was er journalistisch drauf hat. Nicht Geldmacht großer Verlage , sondern Intelligenz und Knowhow entscheiden dann.

    Und Teflon-Merkel? Davon mal abgesheen, dass das sehr wohl etwas aussagt über die Durchsetzungsfähigkeit deutscher Interessen auf internationalem diplomatischen Parkett, ist es nicht Wikileaks vorzuwerfen, dass genau dies zuerst gehypt wurde. Vielmehr hat Wikileaks damit inidirekt die aktuelle Medienwelt geradezu in ihrer erschreckenden Oberflächlichkeit und Nichtigkeit demaskiert. Unsere 4-Gewalt ist keine...das ist nun mal klar.

    Dass Diktaturen, nicht so attraktiv sind...dürfte klar sein. Was sollen wir da rausfinden....? Das sie doch keine sind? Hä? Neine, aber UNSERE Syteme wollen uns mit dem Versprchen nach Freiheit und dem Segen unseres StatusQuo einkaufen bzw. Bürgerrechte zu Schutze abkaufen. Hier wird Wikileaks interessant, denn es zeigt die Illusion auf in der viele von uns leben, wenn sie unser System bewerten.

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  • Schlagworte Julian Assange | Carl Schmitt | Demokratie | Korruption | Pfizer | Scientology
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