Japanische Kultur Die Ruhe im Sturm

Das Wort Katastrophe klingt in japanischen Ohren anders als in deutschen. Die Schriftstellerin Yoko Tawada erklärt die Gelassenheit, mit der Japaner dem Unglück begegnen.

Ein Radfahrer in der zerstörten Stadt Natori

Ein Radfahrer in der zerstörten Stadt Natori

Wir haben als Kind gelernt, im Fall einer Naturkatastrophe Ruhe zu bewahren. Schon wenn ich das Wort "Naturkatastrophe" höre, werde ich ganz ruhig.

Am 11. März, gleich nach dem Aufstehen, rief mich eine deutsche Bekannte an und fragte, ob meiner Familie in Tokyo etwas passiert sei. Ich wusste noch nicht einmal, wovon sie sprach. Ich war im Lauf des Tages immer stärker beeindruckt von den vielen Menschen in Deutschland, aber auch aus Frankreich, Italien, USA und anderen Ländern, die mir ihr Mitgefühl telefonisch oder in E-Mails mitteilten. Was ich dann versuchte, war, von Berlin aus meine Mutter in Tokyo anzurufen, aber sehr bald stellte ich fest, dass man telefonisch nicht durchkommt. So schickte ich meinem Vater und meiner Schwester eine E-Mail, um zu erfahren, ob bei ihnen alles in Ordnung sei.

Yoko Tawada

Yoko Tawada, 1960 in Tokyo geboren, lebt seit 1982 in Deutschland. Sie schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke in deutscher und japanischer Sprache. Im Tübinger Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke erschien zuletzt ihr Gedichtband Abenteuer der deutschen Grammatik.

Mein Vater antwortete sofort, dass die S-Bahn am nächsten Tag wieder fahren werde und er dann zum Antiquariat fahren könne, um ein von mir gewünschtes Buch zu besorgen. Das war das Erste, was er schrieb, und ich musste lachen. Natürlich brauche ich das Buch dringend, aber was ist mit dem großen Erdbeben? Ich erinnerte mich langsam, dass man sich in so einer Situation auf ein konkretes, kleines, alltägliches Ding wie ein Buch konzentrieren muss, statt Sätze mit Ausrufezeichen auszusprechen.

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Es gibt kein Wort im Japanischen, das dem deutschen Wort "Katastrophe" genau entspricht. Dieses deutsche Wort wird für die Natur und in der Politik gebraucht. Das ermöglicht den Menschen, bei einer Naturkatastrophe sofort an die Politik zu denken. Mein Vater schrieb noch, dass er nicht nach Hause fahren könne und deshalb im Büro seiner Buchhandlung übernachten werde. Sieben Bücherregale seien umgefallen und Bücher lägen auf dem Fußboden, aber es sei nichts passiert.

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen

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Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Kleine und etwas größere Erdbeben gibt es häufig in Japan. Daher ist es nichts Besonderes, dass die Regale umfallen.

Seit meiner Kindheit habe ich immer wieder gehört, dass es noch zu meinen Lebzeiten zu einem großen Erdbeben in Tokyo kommen wird. Ich war auf meine Weise innerlich darauf vorbereitet, aber durch die dramatischen Aufnahmen von Tsunami-Wellen und anderen Szenen, die man im Internet sehen kann, bin ich plötzlich mit einer optisch geprägten, überdimensionalen Angst konfrontiert. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Meine innere Vorbereitung war eher prosaisch. Ich dachte immer, selbst wenn das ganze Haus oder die ganze Stadt weggeschwommen sind, muss einer, der überlebt, mit einer Socke oder mit einer Tasse anfangen, das Leben neu aufzubauen. Das Dramatische vermeiden und bei den kleinen Gegenständen bleiben, die man anfassen kann.

Es gibt einige Dinge, über die ich mich gewundert habe. Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, dass man so viel vom Stromausfall berichtet, als wäre er das Hauptproblem. Ich habe sogar den Verdacht, dass bestimmte Leute diesen Zustand nutzen, um die Wichtigkeit der Atomkraftwerke zu demonstrieren. "Leute, wenn das Atomkraftwerk nicht arbeitet, sieht das Leben so dunkel aus! Ist es nicht furchtbar?"

In Japan scheint die Sonne häufiger und stärker als in Deutschland, aber es gibt dort weniger Menschen, die glauben, dass man aus der Sonne Energie gewinnen kann. Natürlich gibt es auch in Fukushima viele Menschen, die gegen den Bau der Atomkraftwerke gekämpft haben. Aber ihre Stimmen sind in der japanischen Presse nicht präsent, und über die Gefahr der Radioaktivität wurde noch nie deutlich gesprochen. Man spricht von Naturkatastrophen, für den Tod durch die Radioaktivität aber ist die Natur nicht verantwortlich.

Aus dem Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. selbst wenn das ganze Haus oder die ganze Stadt weggeschwommen sind, muss einer, der überlebt, mit einer Socke oder mit einer Tasse anfangen, das Leben neu aufzubauen."

    Ich dachte immer im Kapitalismus zählt der, der nichts hat nichts und der, der alles hat alles. In Japan muss das anders sein. Anders kann ich mir nicht erklären, wie man es so weit gebracht hat.

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    • gommel
    • 16.03.2011 um 0:38 Uhr
    2. Danke!

    schöner, irgendwie emotionaler, beruhigender Artikel

  2. ...wurde noch nie deutlich gesprochen."

    Wie kann dies sein in einem Land, das die Bomben von Hiroshima und Nagasaki erlebt hat?

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    wie man den 2. Weltkrieg nie wirklich aufgearbeitet hat.

    In Japan wird verdrängt. Außerdem glaubte man an die eigene Technologie.

    Das Erdbeben wurde auch gut überstanden und die Folgebeben auch. Der Tsunami ist die andere Geschichte.
    Bitte argumentieren Sie differenziert und vermeiden Sie Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/lv

    weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

    Es geht hier um die Gefahr, die von radioaktiver Strahlung generell ausgeht, welche eben nicht bloß absichtlich durch Atomwaffen, sondern eben auch durch eine außer Kontrolle geratene "friedliche Nutzung" freigesetzt werden kann.

    Hier ist ein Link zu einem Artikel von Chikako Yamamoto, der heute in der taz erschienen ist:
    http://www.taz.de/1/polit...

    wie man den 2. Weltkrieg nie wirklich aufgearbeitet hat.

    In Japan wird verdrängt. Außerdem glaubte man an die eigene Technologie.

    Das Erdbeben wurde auch gut überstanden und die Folgebeben auch. Der Tsunami ist die andere Geschichte.
    Bitte argumentieren Sie differenziert und vermeiden Sie Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/lv

    weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

    Es geht hier um die Gefahr, die von radioaktiver Strahlung generell ausgeht, welche eben nicht bloß absichtlich durch Atomwaffen, sondern eben auch durch eine außer Kontrolle geratene "friedliche Nutzung" freigesetzt werden kann.

    Hier ist ein Link zu einem Artikel von Chikako Yamamoto, der heute in der taz erschienen ist:
    http://www.taz.de/1/polit...

  3. Jaja, der besonnene Japaner...

    Es gibt genügend Augenzeugenberichte, die davon berichten, dass die Leute als der Tsunami kam über einander getrampelt sind. Also genau so wie überall sonst, wo Panik ausbricht-der Japaner ist da keine rühmliche Ausnahme.
    [...]

    Teile entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich und differenziert. Danke. Die Redaktion/wg

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    Was Sie als Leichtsinnigkeit bezeichnen, könnte auch einfach die Akzeptanz der Tatsache sein, dass sich der Großraum Tokyo, den es treffen könnte, ohnehin nicht evakuieren lässt.

    [...]
    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass der Originalkommentar inzwischen moderiert wurde. Danke. Die Redaktion/wg

    Was Sie als Leichtsinnigkeit bezeichnen, könnte auch einfach die Akzeptanz der Tatsache sein, dass sich der Großraum Tokyo, den es treffen könnte, ohnehin nicht evakuieren lässt.

    [...]
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  4. wie man den 2. Weltkrieg nie wirklich aufgearbeitet hat.

    In Japan wird verdrängt. Außerdem glaubte man an die eigene Technologie.

    Das Erdbeben wurde auch gut überstanden und die Folgebeben auch. Der Tsunami ist die andere Geschichte.
    Bitte argumentieren Sie differenziert und vermeiden Sie Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/lv

  5. weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

    • tabe
    • 16.03.2011 um 8:28 Uhr
    7. Deiche

    Bei uns macht sich jetzt um den (vernachlässigten) Deichschutz an der Küste auch keiner Sorge, nur Atomaktionismus gegen Atom. Dabei sind derzeit noch nicht einmal die Tokioter betroffen von der Katastrophe. Die Deutschen sind zu empfindlich und atomsensibel.

  6. Was Sie als Leichtsinnigkeit bezeichnen, könnte auch einfach die Akzeptanz der Tatsache sein, dass sich der Großraum Tokyo, den es treffen könnte, ohnehin nicht evakuieren lässt.

    [...]
    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass der Originalkommentar inzwischen moderiert wurde. Danke. Die Redaktion/wg

    Antwort auf "Lachhaft"
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