Integration Die Komische Oper lernt Türkisch

In Berlin sollen in der Komischen Oper sämtliche Libretti auf Türkisch übersetzt werden. Ein wichtiges Zeichen, kommentiert Deniz Baspinar.

Als erstes Opernhaus im deutschsprachigen Raum startet die Komische Oper Berlin unter dem Motto "Türkisch. Oper kann das!" ein umfangreiches Vermittlungsangebot, das sich gezielt an türkischsprachige Bürger richtet. Die Libretti sämtlicher Stücke werden ab der kommenden Saison ins Türkische übersetzt und sind neben Deutsch, Englisch und Französisch während der Vorführungen abrufbar. Bis vor einigen Jahren konnte man in Deutschland die türkische Sprache im öffentlichen Raum allenfalls auf Hinweisschildern in der Bahn oder in Geschäften ausmachen, auf denen vor Schwarzfahren oder Diebstahl gewarnt wurde. Das war wenig schmeichelhaft, aber es zeigte, wo man als türkischer Bürger dieses Landes verortet wurde.

Die Aktion der Komischen Oper ist sicherlich auch legitimen marketingtechnischen Überlegungen geschuldet, da man diese Bevölkerungsgruppe als Kunde gewinnen will. Andererseits zeigt die sprachliche Öffnung ein verändertes Bewusstsein an. Gewiss, zunächst nicht viel mehr als eine symbolische Handlung. Dessen ist sich durchaus auch der Intendant Andreas Homoki bewusst, wenn er von einem "wichtigen Signal in die Stadt hinein" spricht. Ein türkischer Opernliebhaber wird im Zweifelsfall auch die wichtige Opernsprache Deutsch beherrschen. Aber seit Thilo Sarrazin und andere Zahlenfetischisten die türkischstämmigen Bürger mit Nützlichkeitsrechnungen entsubjektiviert haben, sind solche Gesten wichtig. Sie wirken dem Gefühl entgegen, in diesem Land nicht gelitten zu sein. Dieses Gefühl ist der Nebeneffekt der Sarrazin-Debatte und wird noch lange nachwirken.

Anzeige

Es ist umso bedeutender, dass der Kulturbetrieb ein solches Signal der Zugehörigkeit sendet, da viele türkischstämmige Bürger sich nicht des Eindrucks erwehren können, ihre Sprache und Kultur werde als minderwertig angesehen. Während es bei einem Kind französischer Eltern in Deutschland als selbstverständlich erachtet wird, dass das Kind zunächst seine Muttersprache lernt, wird die Zweisprachigkeit, soweit es die türkische Sprache betrifft, als problematisch, ja als ernstes Integrationshemmnis erachtet. Als sei das Beherrschen der türkischen Sprache ein Defizit und keine Kompetenz.

Dass gerade ein Opernhaus dieses Zeichen setzt, hat einen kulturhistorischen Hintersinn, der nicht ohne Ironie ist. Der türkische Opernbesucher kann etwa in Mozarts Entführung aus dem Serail oder in Rossinis Il Turco in Italia das historische Türkenbild des Westens betrachten. Das Genre der im 18. Jahrhundert sehr beliebten sogenannten "Türkenoper" rückte die Osmanen in den Fokus westlicher Projektionen, welche die geheimnisumwobene Andersartigkeit des Orients thematisierten. Die Figur des Türken auf der Opernbühne war die Chiffre für "das Fremde" schlechthin. In der ihr zugeschriebenen Exotik, Irrationalität und Wildheit kamen abendländische Angst und Faszination zum Ausdruck.

Die "Türkenoper" nun bald auf türkisch – ein interessanter Gedanke. Es wäre ein Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der die Zugewanderten sich aus der Rolle des Projektionsobjektes befreien und zu Akteuren werden. Auch im Kulturbetrieb. Eine neue Generation türkisch-deutscher Kulturschaffender zeigt das schon eindrucksvoll im Theater, im Film und der Literatur.

 
Leser-Kommentare
  1. Immerhin beheimatet Berlin mit gut 300.000 Menschen die größte türkische Community außerhalb Kleinasiens.

    Es wäre also geradezu lächerlich gewesen, wenn man nun Französisch zu den Libretti dazu genommen hätte, ohne Türkisch auch zu berücksichtigen.

  2. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke. Die Redaktion/er

  3. Polnisch, russsich, japanisch, chinsesisch?

    Sind doch alle auch wichtig und wohl für Deutschland und Berlin sogar wirtschaftlich und kulturell zahlenmäßig wichtiger.

    Diese besuchen doch auch die Oper in Berlin. Warum werden diese alle diskriminiert? Was machen die falsch? Zumal alle - bei Polen bin ich mir nicht ganz sicher - echte "Opernationen" mit höchst eigenständiger Musiktradition auf dem Gebiet der Oper sind.

    Mir fällt jetzt grad keine türkische Oper ein...

    Im Gegenzug möchte ich aber von Turkish Airlines dann bitte die "Gnade" erfahren dürfen als ignoranter Dummteutone zumindest beim Anflug auf Berlin mal eine deutsche Ansage hören zu dürfen - und nicht nur Türkisch (Stand 2006).

    Das sit aber sicher alles schon wieder viel zu Sarrazin, denn es sind ja wohl alles "türkischer Bürger dieses Landes" im Sinne des Herrn Erdgan.

    18 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Im Gegenzug möchte ich aber von Turkish Airlines dann ... beim Anflug auf Berlin mal eine deutsche Ansage hören zu dürfen - und nicht nur Türkisch (Stand 2006)."

    Die Berliner Oper ist ein vorwiegend staatlich finanzierter und vor allem ein DEUTSCHER Betrieb, in den auch Steuergelder von den türkischstämmigen Bürgern DEUTSCHLANDS fließen.

    Türkisch Airlines gehört zur TÜRKEI.

    Wenn man Sarrazinsche Trottelfängerei nicht versteht, bleibt einem der Unterschied verborgen. Dies ist symbolische Geste, denn die meisten Türken in Deutschland können eben Deutsch, auch wenn Sarrazin extrem dumm rumschwätzt (siehe Wiki:Deutschland schafft sich ab). Die türkstämmigen Opernbesucher höchstwahrscheinlich besser als viele Deutsche.

    Abgesehen davon, dass es egal ist, wie das Ausland sich verhält, wenn eine Deutsche Oper (Deutscher Staatsbetrieb) für Bürger Deutschlands einen Service anbietet, steht es Ihnen frei, die Airlines zu wählen, die deutsche Ansagen verkündet, wenn Sie schon kein Englisch verstehen. Oder soll ein in der Türkei lebender Pilot für jedes angeflogene Land die Sprache lernen müssen.

    "Im Gegenzug möchte ich aber von Turkish Airlines dann ... beim Anflug auf Berlin mal eine deutsche Ansage hören zu dürfen - und nicht nur Türkisch (Stand 2006)."

    Die Berliner Oper ist ein vorwiegend staatlich finanzierter und vor allem ein DEUTSCHER Betrieb, in den auch Steuergelder von den türkischstämmigen Bürgern DEUTSCHLANDS fließen.

    Türkisch Airlines gehört zur TÜRKEI.

    Wenn man Sarrazinsche Trottelfängerei nicht versteht, bleibt einem der Unterschied verborgen. Dies ist symbolische Geste, denn die meisten Türken in Deutschland können eben Deutsch, auch wenn Sarrazin extrem dumm rumschwätzt (siehe Wiki:Deutschland schafft sich ab). Die türkstämmigen Opernbesucher höchstwahrscheinlich besser als viele Deutsche.

    Abgesehen davon, dass es egal ist, wie das Ausland sich verhält, wenn eine Deutsche Oper (Deutscher Staatsbetrieb) für Bürger Deutschlands einen Service anbietet, steht es Ihnen frei, die Airlines zu wählen, die deutsche Ansagen verkündet, wenn Sie schon kein Englisch verstehen. Oder soll ein in der Türkei lebender Pilot für jedes angeflogene Land die Sprache lernen müssen.

  4. "Das war wenig schmeichelhaft, aber es zeigte, wo man als türkischer Bürger dieses Landes verortet wurde."
    Wo hätte man sonst anfangen sollen? Bei DSDS? Weiß der Autor vielleicht, dass so ziemlich alle öffentlichen Ämter auch Übersetzungen ins Türkische anbieten, auch bei Themen die keinen herabstufenden Charakter haben? Ist ja nicht so dass gewisse schlitzohrige türkischen Mitbürger sich so manches Kavaliersdelikt erlaubt haben und bei einer Verwarnung groß tönten, dass sie eben genau dass Hinweisschild nicht lesen konnten.

    "Aber seit Thilo Sarrazin und andere Zahlenfetischisten"
    Wenn man die Fakten die diese Zahlen liefern nicht akzeptieren kann, beschimpft man dann die rechnenden als fetischisten. Ich sage ja selbst, dass Sarrazin diese Statistiken zu einseitig sieht, aber sie geben sehr wohl in einigen Bereichen ein aktuelles Bild wieder.

    "Während es bei einem Kind französischer Eltern in Deutschland als selbstverständlich erachtet wird"
    Wo? Quelle? Mit Sicherheit nicht, wenn das Kind bei seiner Einschulung keinen einzigen fehlerfreien deutschen Satz hinbekommt.

    "Als sei das Beherrschen der türkischen Sprache ein Defizit und keine Kompetenz"
    Es IST ein DEFIZIT wenn das über Jahre die deutlich EINZIGE Sprache ist, die hierzulande einigermaßen sicher beherrscht wird.

    Nichts gegen die Aktion der Oper in Berlin, aber es hat wieder so einen schäbig linken Beigeschmack, dass solch ein Thema für 'Gutmenscheritis' ausgenutzt wird.

    19 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wenn man die Fakten die diese Zahlen liefern (Sarrazin) nicht akzeptieren kann, beschimpft man dann die rechnenden als fetischisten."

    Die richtig Rechnenden haben die angeblichen Fakten Sarrazins schon mehr als genug als Trottelfängerei erklärt und dies wurde sorgfältig auf Wikipedia zusammengetragen.

    Oh, sie wollen Zahlen? Ja sicher, können Sie sich von einer empirischen Studie schlau machen.
    http://www.heymat.hu-berl...
    In dem Dossier waren wenigstens schlaue Köpfer dran, nicht wie ein gewisser Ex-Finanzminister, der sich selbst zum Professor erkürt hat.

    "Wenn man die Fakten die diese Zahlen liefern (Sarrazin) nicht akzeptieren kann, beschimpft man dann die rechnenden als fetischisten."

    Die richtig Rechnenden haben die angeblichen Fakten Sarrazins schon mehr als genug als Trottelfängerei erklärt und dies wurde sorgfältig auf Wikipedia zusammengetragen.

    Oh, sie wollen Zahlen? Ja sicher, können Sie sich von einer empirischen Studie schlau machen.
    http://www.heymat.hu-berl...
    In dem Dossier waren wenigstens schlaue Köpfer dran, nicht wie ein gewisser Ex-Finanzminister, der sich selbst zum Professor erkürt hat.

  5. "Die Libretti sämtlicher Stücke werden ab der kommenden Saison ins Türkische übersetzt und sind neben Deutsch, Englisch und Französisch während der Vorführungen abrufbar."

    Ich verstehe leider nicht was dies konkret bedeutet - um Obertitel kann es sich ja wohl nicht dabei handeln.
    Aber alles was nicht in 'sarrazinsches' "Marsch! Marsch! Marsch! trollt euch fort" wirkt, dies soll mir recht sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @ Severolus

    Wer schon einmal in der Oper war, und das nicht vor hundert Jahren, der weiss, dass jedes hehre Haus mittlerweile den Standard bietet, dass auf einem Display an der Rückseite des Vordersitzes ein Display angebracht ist. Bei der Komischen Oper in Berlin sieht das so aus: http://j.mp/libretto-display ... komisch, dass ich das weiss, bin ich doch Türkin.

    Doch, es geht um die Übertitelung.
    Die Komische Oper besitzt eine in die Sitze integrierte Übertitelungsanlage, was es eben jedem Einzelnen möglich macht, zwischen den unterschiedlichen Sprachen bzw dem Abschalten zu wählen.

    @ Severolus

    Wer schon einmal in der Oper war, und das nicht vor hundert Jahren, der weiss, dass jedes hehre Haus mittlerweile den Standard bietet, dass auf einem Display an der Rückseite des Vordersitzes ein Display angebracht ist. Bei der Komischen Oper in Berlin sieht das so aus: http://j.mp/libretto-display ... komisch, dass ich das weiss, bin ich doch Türkin.

    Doch, es geht um die Übertitelung.
    Die Komische Oper besitzt eine in die Sitze integrierte Übertitelungsanlage, was es eben jedem Einzelnen möglich macht, zwischen den unterschiedlichen Sprachen bzw dem Abschalten zu wählen.

  6. Stand 2008 - Quelle http://www.google.de/imgr.......

    Türkei - 1.739.00, Italien - 535.000, Serbien/Montenegro - 482.000, Polen - 362.000, Griechenland - 304.000, Kroatien - 228.000, Russland - 188.000, Bosnien/Herzegowina - 157.000, Ukraine - 129.000, Niederlande - 124.000, Portugal - 115.000, Spanien - 107.000, Frankreich - 104.000, USA - 100.000

    Insgesamt 4.674.000, Türkei 37,2%

    Warum werden keine Übersetzungen für Italien, Serbien/Montenegro und Polen angeboten? Geht man davon aus, dass die anderen Migranten alle Deutsch sprechen und verstehen und ohne Probleme Opern besuchen können?

    Nur mal so am Rande ....

    16 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Na ja, ich habe auch Stunden dafür gebraucht, aber dann hatte ich einen Geistesblitz. Vielleicht fangen sie ja chronologisch an?
    Ich hätte gerne auch erst eine Übersetzung für die paar Mongolen, die in Berlin leben.

    • th
    • 25.03.2011 um 22:26 Uhr

    Es sind weit mehr Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion bei uns, als in solchen Statistiken auftauchen.

    Und wenn man Librettos auf Türkisch übersetzt, sollte man natürlich die kurdische Sprache nicht vergessen - schon um ein Zeichen gegen die Unterdrückung des Kurdischen im NATO-Partnerland zu setzen (Claudia Roth sollte hier begeistert zustimmen...). Hebräische Libretto-Übersetzungen verstehen sich natürlich von selbst.

    Was ist dann eigentlich mit unseren nationalen Minderheitensprachen:
    Dänisch, Sorbisch, Friesisch und Romanes?

    Im Ernst:
    eine schöne Geste - aber ich würde gerne mal über die Angelegenheiten anderer Einwanderer- und Minderheitengruppen diskutieren, und den Türken ein wenig Ruhe können. Das ist mir alles zu raumgreifend ...

    Na ja, ich habe auch Stunden dafür gebraucht, aber dann hatte ich einen Geistesblitz. Vielleicht fangen sie ja chronologisch an?
    Ich hätte gerne auch erst eine Übersetzung für die paar Mongolen, die in Berlin leben.

    • th
    • 25.03.2011 um 22:26 Uhr

    Es sind weit mehr Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion bei uns, als in solchen Statistiken auftauchen.

    Und wenn man Librettos auf Türkisch übersetzt, sollte man natürlich die kurdische Sprache nicht vergessen - schon um ein Zeichen gegen die Unterdrückung des Kurdischen im NATO-Partnerland zu setzen (Claudia Roth sollte hier begeistert zustimmen...). Hebräische Libretto-Übersetzungen verstehen sich natürlich von selbst.

    Was ist dann eigentlich mit unseren nationalen Minderheitensprachen:
    Dänisch, Sorbisch, Friesisch und Romanes?

    Im Ernst:
    eine schöne Geste - aber ich würde gerne mal über die Angelegenheiten anderer Einwanderer- und Minderheitengruppen diskutieren, und den Türken ein wenig Ruhe können. Das ist mir alles zu raumgreifend ...

    • TDU
    • 25.03.2011 um 17:12 Uhr

    Wenn das jetzt woanders nicht gemacht wird, ist das dann ausländerfeindlich?. Ich hab nichts dagegen, aber wenn es wieder heisst, wer nicht der..., dann doch.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. Ich finde, man sollte Türkisch in Deutschland als erste Amtssprache einführen. Als geschlechtsunspezifische Sprache wäre es ein unermesslicher Beitrag für die Geschlechtergleichberechtigung.

    12 Leser-Empfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service