MoMa in BerlinAngriff der Gegenwartskunst

Das nächste große Ding: Im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt das MoMA fulminante Zeichnungen unter anderem von Beuys, Rauschenberg, Twombly und Immendorff. von Nicola Kuhn

Die Welt als Welle und Vorstellung: Mischtechnik von Amélie von Wulffen, 2003

Die Welt als Welle und Vorstellung: Mischtechnik von Amélie von Wulffen, 2003  |  © 2011 Amelie von Wulffen

Das MoMA und Berlin – das weckt gigantische Erwartungen. Nicht zuletzt an eine Wiederholung des Erfolgs von vor sieben Jahren. Damals pilgerten 1,2 Millionen Besucher zur Neuen Nationalgalerie, um die Meisterwerke des New Yorker Museums of Modern Art zu sehen. Mindestens ebenso legendär wie die Publikumszahlen war die dazugehörige Warteschlange, die sich mit jedem weiteren Monat Ausstellungsdauer noch länger um den Mies-van- der-Rohe-Bau wand.

Der damalige Triumph – 6,5 Millionen Euro Einnahmen – dürfte einmalig bleiben. Und doch besitzt die Sentenz "Das MoMA in Berlin" weiterhin einen magischen Klang für Marketingstrategen. Um für den großen Ansturm gewappnet zu sein, bietet der Martin-Gropius-Bau schon seit Wochen Online-Vorbestellungen für Eintrittskarten an. Für eine Schlange wie damals gäbe es heute kein Verständnis mehr. Starker Andrang ist dennoch in der ab morgen eröffneten Ausstellung erwünscht, die in großen roten Lettern das Stichwort MoMA im Titel trägt, deutlich kleiner die Einschränkung "Zeichnungen" und nochmals verkleinert darunter der Hinweis auf die Judith Rothschild Foundation.

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Eine Mogelpackung also? Das gewiss nicht. Die 250 ausgestellten Werke befinden sich alle im Besitz des Museums of Modern Art und sind mithin nobilitiert. Und wie von dem berühmten Haus nicht anders zu erwarten, wird wieder mit den Stars geprunkt: Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Cy Twombly, Joseph Beuys, Georg Baselitz, David Hockney. Trotzdem ist diesmal der Spieß umgedreht. Nicht sprichwörtliche Meisterwerke erwarten den Besucher, sondern ganz bescheiden Papierarbeiten, dazu eine ganze Reihe Namen, die man kaum kennt.

Für das MoMA selbst war die Annahme der insgesamt 2600 Arbeiten von 600 Künstlern umfassenden Schenkung der Judith Rothschild Foundation vor sechs Jahren eine kleine Revolution. Von einem Tag auf den anderen erhielten dadurch über 300 Künstler den Ritterschlag, zur prestigeträchtigsten Kollektion der Kunstwelt zu gehören. Konservativen Geistern ging diese En-bloc-Adelung viel zu schnell. Museen zeichnen sich schließlich dadurch aus, dass sie auf dem Hochstand warten, die Kunstgeschichte erlegt für sie das Wild. Doch die Zeiten des Zum-Jagen-Tragen sind für Museen vorbei. Die Rothschild-Schenkung bescherte dem MoMA die seit vielen Jahren benötigte Verjüngungskur. Künstler wie Kelley Walker, Johannes Wohnseifer, Marcel van Eeden, Mark Grotjahn gehörten plötzlich zum erlauchten Kreis und dockten damit die ehrwürdige Institution wieder stärker an die Gegenwart an.

Berlin, wo das MoMA alter Schule mit seinen van Goghs, Monets, Picassos 2004 eine ganze Stadt in Kunstbegeisterung versetzte, mag für eine Demonstration dieser Revision der beste Standort sein. Wie eine Stromzufuhr hat damals die Schenkung des gigantischen Zeichnungskonvoluts das ganze Museum erfasst und eine völlig neue Debatte über zeitgenössische Kunst entfacht, berichtet Kurator Christian Rattemeyer, der die Sammlung am MoMA betreut. Das Lehrstück für Berlin besteht nun nicht unbedingt darin, die Bedeutung aktueller Kunst zu erleben, sie lässt sich ohnehin allenthalben in den Galerien der Stadt erfahren. Nein, hier dürfte die denn doch meisterliche Zeichnungsausstellung imponieren, die (Wieder-)Entdeckung eines Mediums, das bei heutigen Künstlern zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.

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