Adolf EichmannIm Angesicht eines Massenmörders

Er galt als das Böse in Person: Adolf Eichmann organisierte die Vernichtung der Juden. Vor 50 Jahren wurde sein Prozess zu einem der ersten weltweiten Medienereignisse. von Ernst Piper

Im Glaskasten: Adolf Eichmann als Angeklagter in Jerusalem am 5. April 1961

Im Glaskasten: Adolf Eichmann als Angeklagter in Jerusalem am 5. April 1961  |  © GPO via Getty Images

Bis zuletzt hatte er noch Tausende von Juden, vor allem auch viele Frauen, auf endlosen Fußmärschen in den Tod getrieben, dann musste er einsehen, dass auch in Ungarn die Voraussetzungen für eine Weiterführung des Vernichtungsprogramms nicht mehr gegeben waren, weil es inzwischen an jeglichen Transportmöglichkeiten mangelte.

Am 24. Dezember 1944 machte Adolf Eichmann der erzwungenen Untätigkeit ein Ende, setzte sich in seinen Mercedes und suchte das Weite. Am 11. April 1961 wurde im Bezirksgericht von Jerusalem der Prozess gegen ihn eröffnet. Diese beiden Daten umspannen eine bewegte Zeit. Ein Teil des Geschehens liegt noch immer im Dunkeln, was auch damit zusammenhängt, dass ein Teil der Akten, etwa beim BND, bis heute gesperrt ist.

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Zunächst hatte Eichmann sich von seiner Familie im österreichischen Altaussee getrennt und sich unter wechselnden Namen als Waldarbeiter, Hühnerzüchter und Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen. 1950 setzte er sich mithilfe katholischer Kirchenmänner über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien ab. Der Reisepass vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Genf wies ihn als den staatenlosen Techniker Ricardo Klement aus. Er ließ sich in der Nähe von Buenos Aires nieder, fand als Elektriker sein Auskommen, zuletzt bei Mercedes-Benz Argentina, und holte auch Frau und Söhne ins Land. Ein vierter Sohn, Ricardo Eichmann, wurde in Argentinien geboren.

Hier gab es ein effizientes Netzwerk geflüchteter NS-Täter. 1949 war der österreichische SS-Standartenführer Otto Skorzeny, einer der engsten Mitarbeiter Eichmanns, ins Land gekommen. Skorzeny machte Eichmann mit den niederländischen SS-Untersturmführer Willem Sassen bekannt. Skorzeny und Sassen arbeiteten als Berater für den argentinischen Präsidenten Juan Perón und seine Gattin Evita, berieten aber auch zahlreiche andere Staatschefs, von dem Ägypter Nasser bis zu Pinochet in Chile. Zu dem Kreis um Sassen gehörte auch der Verleger Eberhard Fritsch, in dessen Dürer Verlag nicht nur die Zeitschrift "El Sendero" (Der Weg) erschien, sondern auch Memoiren ehemaliger SS-Angehöriger, deren Ghostwriter meist Sassen war. Auch mit Eichmann führte Sassen über längere Zeit Gespräche. Die Abschriften der Tonbänder füllten 900 Seiten. Eichmann versuchte die Arbeit der letzten Jahre beschreibend zu rechtfertigen und schwankte dabei zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. Er klagte, dass "durch des Schicksals Tücke" viele der über zehn Millionen Juden in Europa, deren Ermordung zu organisieren seine Aufgabe gewesen war, am Leben geblieben seien. Wenn es gelungen wäre, sie alle zu töten, "dann hätten wir unsere Aufgabe erfüllt".

Adolf Eichmann lebte unbehelligt in Argentinien und fühlte sich so wohl, dass er sogar für seine Familie ein Haus baute. Dies obwohl sein Name auf der Liste der bekannten und gesuchten Kriegsverbrecher stand und auch die Bundesrepublik Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. Der Bundesnachrichtendienst war schon seit 1952 über Eichmanns Aufenthaltsort informiert gewesen, aber die Bundesrepublik hatte an seiner Verhaftung kein Interesse, was man auch die Amerikaner hatte wissen lassen, die eindringlich gebeten wurden, in der Sache nichts zu unternehmen. Unter anderem fürchtete man, ein Prozess gegen Eichmann könnte der DDR neues Material für ihre Kampagne gegen alte Nazis im bundesdeutschen Staatsdienst liefern.

Als Adolf Eichmann im Mai 1960 schließlich von Geheimagenten des Mossad nach Israel entführt wurde, erregte diese Aktion international größtes Aufsehen. Der deutsche Außenminister Heinrich von Brentano zeigte sich irritiert und forderte einen Bericht bei der Botschaft in Buenos Aires an. Botschaftsrat Brückmann schrieb daraufhin, kein Botschaftsangehöriger, auch nicht der Botschafter selbst, hätten "von Adolf Eichmann und seinen Untaten vor den Mai-Ereignissen dieses Jahres jemals etwas gehört". Diese Behauptung war schon per se wenig glaubhaft, aber umso erstaunlicher, als die Söhne nach wie vor den Namen Eichmann führten und bei dem Antrag auf Passverlängerung jeweils den bei ihrer Geburt aktuellen SS-Rang des Vaters angegeben hatten.

Leserkommentare
  1. verstehe ich bis heute nicht, dass es einen Prozess ohne jeden internationalen Anspruch in einem Land geben konnte wo das Verbrechen gar nicht stattgefunden hat und diese Land mit seiner Rechtssprechung zum Zeitpunkt des Verbrechens noch gar nicht existiert hat.

    5 Leserempfehlungen
    • colca
    • 06. April 2011 16:06 Uhr

    Das waren noch Zeiten, als Israel selbst einem solchen Ausnahmeverbrecher wie Eichmann einen rechtsstaatlichen Prozess machte und ihn einem fairen Gerichtsverfahren unterzog. Damals trug das Land den Titel "einzige Demokratie im Nahen Osten" noch absolut zu Recht und verhielt sich auch danach.
    Wären damals Politiker des heutigen Schlages - solche Netanjahus, Liebermanns, Livnis, Baracks usw. - an der Macht gewesen, so hätten die Mossadagenten Eichmann kurzerhand vor Ort ermordet - ähm "gezielt getötet" - Kollateralschäden nicht ausgeschlossen. Heute bringen israelische Geheimdienste und Militärs ihre echten und vermeintlichen Gegner schon für wesentlich weniger um.[...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/ag

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  2. Anscheinend hatte das Vaterland Eichmanns ja auch keinerlei Interesse diesen nötigen Schritt vorzunehmen. Natürlich handelt es sich hierbei um eine Ausnahme und einen Sonderfall in der Justiz - aber das gilt auch für den Holocaust und den Umgang mit den Straftätern. Die historische Einzigartigkeit erforderte einzigartige und einmalige Mittel. Eichmann ist kein Opfer, Eichmann ist einer der prominenteren Tätern, Speerspitze des Heeres Namenlos gebliebener und bundesrepublikanisch unbehelligter, "die nur ihre Arbeit gemacht haben". Von daher ist es moralisch vollkommen legitim, das der jüdische Staat den Prozess über den Mörder seiner eigentlichen Bewohner macht.

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    sind Die Prozesse damals generell eine Ausnahme gewesen, Verurteilungen stattfanden auf einer Grundlage, die erst nachträglich enstand. Der Unterschied ist aber, dass z.B. die Nürnberger Prozesse auf deutschem Boden und international organisiert stattfanden.

  3. 4. @colca

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile moderiert. Die Redaktion/ag

  4. 5. colca

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke. Die Redaktion/ag

    Antwort auf "Das waren noch Zeiten!"
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  6. 7. Sicher

    sind Die Prozesse damals generell eine Ausnahme gewesen, Verurteilungen stattfanden auf einer Grundlage, die erst nachträglich enstand. Der Unterschied ist aber, dass z.B. die Nürnberger Prozesse auf deutschem Boden und international organisiert stattfanden.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "@Nörgler2015"
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    • eras
    • 06. April 2011 18:08 Uhr

    ...formaljuristische Argumente kaum ins Gewicht fallen. Natürlich hatten die Israelis das Recht, diesen Mann anzuklagen. Schon allein, weil man von Westdeutschland keine Anstrengungen in der "Sache Eichmann" erwarten konnte. Das konnte man sehr gut an den Prozessen gegen seine Mitarbeiter sehen. Die bekamen sämtlich lächerlichste Strafen. Darüber hinaus hätte ein Prozess in Deutschland bedeutet, das Recht des Täters über das der Opfer zu stellen. Denn die jüdischen Zeugen, zum grossen Teil hochtraumatisierte Überlebende der KZs, hätten dann zurück ins Land der Täter reisen müssen.

    Wie "behutsam" man Anfang der 60er Jahre mit den Überlebenden umging, konnte man im Auschwitzprozess wenig später verfolgen. Da wurden die Opfer und ihre Peiniger teilweise im gleichen Hotel untergebracht. Im Gericht wurden die jüdischen Zeugen durch die Verteidiger verhöhnt und Medien sowie bundesrepublikanische Öffentlichkeit standen eher auf der Seite der Täter als der Opfer. Denen wurde relativ unverhohlen unterstellt, sie seien vor allem an Geld interessiert. Die Stimmung wandelte sich erst im Verlauf des Prozesses, als man - mit den erschütternden Aussagen der Opfer konfrontiert - die Wahrheit nicht mehr verdrängen konnte.

  7. Es kann überhaupt nicht zur Debatte stehen, dass man Eichmann wegen der üblen Taten, die er beging, rechtlich nicht hätte belangen sollen, wenn man es denn auf einem rechtmäßigen Weg getan hätte, er musste zur Rechenschaft gezogen werden, denn er bürdete grausame Schuld auf sich, für welche er die Verantwortung tragen musste. Diskutiert werden muss jedoch das Vorgehen des israelischen Auslandsgeheimdienstes, ohne damit anzudeuten, der israelische Staat hätte nicht das Recht dazu gehabt, Eichmann vor ein Gericht zu stellen, obwohl dies auf internationaler Ebene hätte geschehen müssen - auf die tatsächlich geschehene Art und Weise legte sich die Annahme eines "nationalen Racheaktes" durch den israelischen Staat nahe; Vergeltung sollte man aber an niemandem üben, sogar nicht an jemandem wie Eichmann - wenn man Eichmann verurteilt hätte zu einer Haftstrafe auf Lebensdauer unter angemessen strengen Bedingungen mit Blick auf die Schwere des Verbechens, wäre das gerecht und gerechtfertigt gewesen. Die Bundesrepublik Deutschland hätte sich bei einem solchen Bestreben hervortun können, indem es einen Prozess initiiert hätte, um Rechtsstaatlichkeit zu beweisen, aber man tat nichts dergleichen, keine Sorgen und keine Mühen des demokratischen Nachfolgestaates des "nationalsozialistischen Dritten Reiches" - wahrlich eine Schande, welche man unter keinen Umständen entschuldigen kann. Anstatt zu handeln, vertat man eine Chance, mit der man sich hätte profilieren wie legitimieren können.

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