Fall Ai Weiwei "Das Schwarz-Weiß-Denken muss ein Ende haben"
War die deutsche Ausstellung in Peking ein Fehler? Nein, sagt der Sinologe und Lyriker Wolfgang Kubin. Im Interview fordert er eine differenziertere Debatte im Fall Ai.

Wolfgang Kubin, geboren 1945, ist Professor für Sinologie an der Universität Bonn sowie Übersetzer und Schriftsteller. Für sein wissenschaftliches, übersetzerisches und literarisches Werk erhielt er diverse Preise, Auszeichnungen und Honorarprofessuren. Er bekam 2007 den Pamir International Poetry Price, den bedeutendsten Literaturpreis des chinesischen Sprachraums.
ZEIT ONLINE: Herr Kubin, heute treffen sich Vertreter von Politik und Kultur in Berlin, um über den Fall Ai Weiwei und die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung im Pekinger Nationalmuseum zu sprechen. Hätte man die Ausstellung von deutscher Seite überhaupt in China planen dürfen?
Wolfgang Kubin: Ja, warum denn nicht? Wir müssen zusammenarbeiten. Wir leben ja nicht mehr in Zeiten des Kalten Krieges. Wir müssen unter allen Umständen Gespräche führen, ob uns das Gegenüber und die Argumente passen oder nicht. Aus jedem Abbruch eines Gesprächs ergeben sich bloß noch größere, unnötige Komplikationen. Die Beziehungen zwischen Deutschland und China sind traditionsgemäß sehr gut, das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann.
ZEIT ONLINE: Ai wurde unmittelbar nach der Eröffnung der Ausstellung Die Kunst der Aufklärung in Peking verhaftet. Warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Wollte die Regierung ein Zeichen setzen?
Kubin: Ich gehe nicht davon aus, dass der Zeitpunkt bewusst gewählt worden ist. Eher dass die chinesische Staatssicherheit, die ein Staat im Staat ist, macht, was sie will. Und nicht mehr kontrollierbar ist. Für China ist es sehr wichtig, das Gesicht zu wahren. Die Verhaftung Ais ist ein großer Gesichtsverlust – und vollkommen unnötig. Man hätte die Dinge auch anders lösen können. Wenn er wirklich Steuern hinterzogen hat, dann muss man ihn befragen, aber darf ihn nicht einfach verschwinden lassen.
ZEIT ONLINE: Für 2012 plant China ein Kulturjahr in Deutschland. Sollen wir das zulassen, gerade in Anbetracht der öffentlichen Meinung, die sich derzeit in China bildet?
Kubin: Es ist ja nicht so, als gäbe es die politische Zensur nur in China – die gibt es bei uns ja auch so. Nur reden wir nicht darüber oder sie wird anders verpackt. Das Schwarz-Weiß-Denken, das hier in der Presse und auch in Diskussionen immer mehr um sich greift, muss ein Ende haben.
ZEIT ONLINE: Wie nimmt man die deutsche Debatte in China wahr?
Kubin: Die Debatte ist von China aus betrachtet absurd. Und zwar deswegen, weil wir uns als Retter aufspielen. Es ist im Grunde genommen eine Unmündigkeitserklärung der chinesischen Intelligenz. Wir geben den Künstlern und Literaten im Lande gar nicht die Möglichkeit, die Dinge, die sie klären müssen, selbst zu klären. Das ist etwas, das mich gewaltig stört. Können die Intellektuellen in China nicht selbst protestieren? Dort wird aber niemand tätig. 90 Prozent und mehr schweigen in der Öffentlichkeit.
ZEIT ONLINE: Äußern sich die Intellektuellen aus Angst nicht, oder weil es ihnen nicht wichtig ist?
Kubin: Ich weiß, was Sie gerne hören wollen: aus Angst. Aber die Sache ist komplexer. In China herrscht gegenüber denjenigen, denen es nicht so gut geht, eine gewisse Nachlässigkeit, ein gewisses Desinteresse, eine fehlende Bereitschaft, sich zu engagieren. Was zu wenig berücksichtigt wird, ist die chinesische Geschichte und Kulturgeschichte. Es gibt so gut wie keinen chinesischen Intellektuellen, Künstler, Schriftsteller, der über einen chinesischen Kollegen etwas Positives sagt. Und das hat eine lange Tradition.
ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?
Kubin: Als der Literaturnobelpreis 2000 an Gao Xingjian ging, rief ein Freund des chinesischen Dichters Bei Dao, den ich übersetze, aus Deutschland in Peking an, um den Leuten dort eine Stunde lang klar zu machen, wie glücklich er sei, dass Bei Dao die Auszeichnung nicht bekommen habe. Das ist für uns völlig unvorstellbar. So etwas würde hierzulande nie jemand machen. Und das ist die Situation, in der sich die chinesische Intelligenz befindet.
ZEIT ONLINE: Trotzdem lebt diese chinesische Intelligenz in einem autoritären Regime.
Kubin: Es gibt ja nicht nur in China Chinesen, sondern auch in Taiwan, Hongkong, Singapur und Amerika. Warum gibt es denn da keine ähnliche Presse wie bei uns? Warum gibt es da keine Protestaktionen? Dort würde niemand dafür bestraft werden. Der Grund ist ganz einfach: Weil sich viele Chinesen grundsätzlich mit dem Staat, mit der Nation identifizieren – und zwar insbesondere dann, wenn sie daraus materielle Vorteile ziehen. Die andere Seite, die geistige Freiheit, scheint nicht so ein hohes Gut zu sein wie bei uns. Es sieht so aus, als wäre man bereit, Opfer zu bringen. Das ist für uns kaum nachvollziehbar. Aber es scheint eine Tatsache zu sein, über die hier zu wenig nachgedacht wird.
- Datum 26.04.2011 - 11:15 Uhr
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Die Deutsche Politik hat sich darauf eingelassen, Unrecht (Steuerhinterziehung) mit Unrecht (Datenklau und Hehlerei) zu verfolgen. Offenbar mit mehrheitlicher Zustimmung der deutschen Meinungs-Besitzer-Szene.
Aber deutsche Politik und Meinung schaffen es immer wieder, sich in Sachen Moralvorschriften für andere Länder selbst zu übertreffen.
... eine Stimme, die nicht nur nachbloeckt sondern drueben auch mal zugehoert hat.
Ein Schock fuer Gutmensch-Jurnalisten.
Ich habe Familie in China. Obwohl mich der enorm starke, unrefelktierte Patriotismus, den man selbst bei chinesischen Akademikern oft beobachten kann und mit dem die KP den Sozialismus als ideologische Rechtfertigung ihres Systems zu erstetzt haben scheint, stark beunruhigt, finde ich die Diskussionen im Westen geradezu abstrus.
Zum einen hat es in China in den vergangenen Jahren atemberaubende Fortschritte gegeben, auch in Sachen Pressefreiheit. Man bedenke, dass etwa in der Schweiz das Wahlrecht fuer Frauen erst in den 70ern eingefuehrt wurde und unsere (Gross)eltern Hitler gewaehlt haben. Da kann man doch von China nicht erwarten, in einer Generation zur Musterdemokratie zu werden.
Zum anderen zeigen viele, die sich hier zu Wort melden, nicht das geringste Verstaendnis fuer die Kultur Chinas, die nun mal eine andere ist als unsere - das derzeitige politische System dort ist unakzeptabel, aber auch nach einer Reform muss es nicht notwendigerweise mit unserem identisch sein.
Letztlich finde ich es beschaemend, in welchem arroganten Tofall oft ueber Demokratie und Menschenrechte in China geredet wird, waehrend westliche Regierungen diese Werte durch ihre Handelsbeziehungen mit afrikanischen Diktatoren inklusive Gaddafi und Angriffskriege mit Fuessen treten. Kein Wunder, dass mir in China diverse Leute begegnet sind, fuer die Menschenrechte=Kulturimperialismus heisst.
Ich kenne niemanden in China, der einen Abbruch der Ausstellung nur ansatzweise nachvollziehen koennte.
"Zum einen hat es in China in den vergangenen Jahren atemberaubende Fortschritte gegeben, auch in Sachen Pressefreiheit."
nein.In der letzten Zeit hat es in China eher atemberaubende Rückschritte in Sachen Pressefreiheit gegeben.Ein Beispiel:Früher unterlagen zwar die Medien der strengen Kontrolle der Propagandaabteilung der KPCh der eigenen Provinz, aber Medien aus ANDEREN Provinzen, hier insbesondere die Medien der Zentralregierung, genoßen durchaus gewisse Freiheit, kritisch über die Regierungen der anderen Provinzen zu berichten.Durch diese Möglichkeit wurden viele Korruptionsskandale von Medien aus anderen Provinzen bzw aus der Zentralregierung aufgedeckt.Auf diese Welse umgingen einige Journalisten die örtliche Zensur, indem sie Informationen über Korruptionen örtlicher kader an Medien aus anderen Provinzen weitergaben.Aber seit einiger Zeit müssen sogar Medien der "Zentralebene" (große Parteizeitungen der KPCh) der Führung der Propagandabeilung der KPCh der Provinzen gehorchen, wenn sie dort recherchieren oder interviewen wollen.Ein herber Rückschlag für die Korruptionsbekämpfung und ein riesiger Rückschritt in Sachen Pressefreiheit.
"Man bedenke, dass etwa in der Schweiz das Wahlrecht fuer Frauen erst in den 70ern eingefuehrt wurde und unsere (Gross)eltern Hitler gewaehlt haben. Da kann man doch von China nicht erwarten, in einer Generation zur Musterdemokratie zu werden."
ich gehe davon aus, dass Sie sich mit der chinesischen Geschichte nicht besonders auskennen.Denn:Bereits 1947 wurde das Wahlrecht für Frauen in China eingeführt.Schon in den 20er jahren wurde das Wahlrecht für Frauen in einigen Südprovinzen Chinas eingeführt.
1947 wurde auch das chinesische Parlament direkt vom Volk gewählt.Wohlgemerk:Vor der Machtergreifung der Kommunistischen partei Chinas.
Deshalb: Die Zustände der Wahlen im heutigen China sind geschichtlich betrachtet eher ein Rückschritt.Denn heute wird nur auf der alleruntersten Dorfebene der sogenannte "Leiter des Dorfkomitees" vom Volk gewählt, der jedoch der Parteizelle bzw dem Parteisekretär der KPCh des jweiligen Dorfes unterliegt.
"Zum einen hat es in China in den vergangenen Jahren atemberaubende Fortschritte gegeben, auch in Sachen Pressefreiheit."
nein.In der letzten Zeit hat es in China eher atemberaubende Rückschritte in Sachen Pressefreiheit gegeben.Ein Beispiel:Früher unterlagen zwar die Medien der strengen Kontrolle der Propagandaabteilung der KPCh der eigenen Provinz, aber Medien aus ANDEREN Provinzen, hier insbesondere die Medien der Zentralregierung, genoßen durchaus gewisse Freiheit, kritisch über die Regierungen der anderen Provinzen zu berichten.Durch diese Möglichkeit wurden viele Korruptionsskandale von Medien aus anderen Provinzen bzw aus der Zentralregierung aufgedeckt.Auf diese Welse umgingen einige Journalisten die örtliche Zensur, indem sie Informationen über Korruptionen örtlicher kader an Medien aus anderen Provinzen weitergaben.Aber seit einiger Zeit müssen sogar Medien der "Zentralebene" (große Parteizeitungen der KPCh) der Führung der Propagandabeilung der KPCh der Provinzen gehorchen, wenn sie dort recherchieren oder interviewen wollen.Ein herber Rückschlag für die Korruptionsbekämpfung und ein riesiger Rückschritt in Sachen Pressefreiheit.
"Man bedenke, dass etwa in der Schweiz das Wahlrecht fuer Frauen erst in den 70ern eingefuehrt wurde und unsere (Gross)eltern Hitler gewaehlt haben. Da kann man doch von China nicht erwarten, in einer Generation zur Musterdemokratie zu werden."
ich gehe davon aus, dass Sie sich mit der chinesischen Geschichte nicht besonders auskennen.Denn:Bereits 1947 wurde das Wahlrecht für Frauen in China eingeführt.Schon in den 20er jahren wurde das Wahlrecht für Frauen in einigen Südprovinzen Chinas eingeführt.
1947 wurde auch das chinesische Parlament direkt vom Volk gewählt.Wohlgemerk:Vor der Machtergreifung der Kommunistischen partei Chinas.
Deshalb: Die Zustände der Wahlen im heutigen China sind geschichtlich betrachtet eher ein Rückschritt.Denn heute wird nur auf der alleruntersten Dorfebene der sogenannte "Leiter des Dorfkomitees" vom Volk gewählt, der jedoch der Parteizelle bzw dem Parteisekretär der KPCh des jweiligen Dorfes unterliegt.
...endlich hat jemand trotz der offensichtlich vorgefertigten Meinung des Interviewers eine objektive Anwort gegeben und sich nicht beinflussen lassen.
Viele Leute hier in Deutschland bilden sich eine Meinung über China und die dortigen Verhältnisse ohne irgendwelche Hintergrundkenntnisse.
Deutsche Medien und auch , durch deren einseitigen Berichte, beinflussten Politiker sollten sich vorab mehr mit dieser Sorte Menschen unterhalten.
Sachliche und kluge Leute...ohne Vorurteile mit Blick für die Realität.
"Es ist ja nicht so, als gäbe es die politische Zensur nur in China – die gibt es bei uns ja auch so. Nur reden wir nicht darüber oder sie wird anders verpackt."
Dieser Gedanke kommt mir bei der Aufgeregheit hierzulande auch immer wieder, wenn es um die Zensur in China geht. Zumal die Bundesrepublik Deutschland mittlerweile echt ein bekannter Fall ist, wenn man mal in internationalen Foren liest.
Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass sich die Zensur hier ja vor allem gegen Feinde der "FDGO" richtet. Aber letztendlich kann jeder Staat behazpten, dass es ja nur darum geht, sich vor seinen Widersachern zu schützen ;).
Ein informatives Gespräch.
Ich bin mit einem chinesischen Mitarbeiter einer europäischen Kulturinstitution in China befreundet. Er hat an der Universität der Künste in Berlin studiert und sein Studium abgeschlossen. Dieser Freund versteht weder die Aufregung noch die Diskussion über Willkür und Zensur, die in China angeblich grenzenlos herrschen. Er weist mich immer wieder darauf hin, dass viele Berichte über staatliche Übergriffe stark übertrieben, oft sogar frei erfunden seien, dass manche Künstler und Intellektuelle, die sich als verfolgt darstellen würden, nicht verfolgt, sondern in Peking eher nicht beachtet würden, was sie dazu führe, sich als Dissidente darstellen zu lassen, die sie gar nicht seien.
Natürlich kann ich die Aussagen meines Freundes nicht auf Faktennachweis hin überprüfen. Ich kann kein Mandarin. Nur: Wer von all den "Menschenrechtsvorkämpfern" hier zu Lande beherrscht es?
Was ich aber feststellen kann: Mein Freund bewegt sich in einem Kreis, in dem genau so offen diksutiert und auch gegen "oben" gehandelt wird, wenn man es für notwendig erachtet, wie das hier in Berlin auch geschieht.
Mit anderen Worten: Wenn man ständig mit dem Zeigefinger auf angebliche chinesische Parteidiktatur und Willkür hinweist, sollte man die drei Finger, die sich bei Zeigefingerschwingen gegen einen selber richten, nicht übersehen:
Stichworte aus dem zur kritischen Verfügung stehenden Katalog:
-Guttenbergs gefakte Biografie und BILD
-Sarrazins Hetze und ebenfalls BILD
-Steuerhinterziehungspraxis vieler derjenigen, welche Begriffe wie "Leistung muss lohnen" im Mund führen, aber den Steuerzahlern und dem Staat die Kosten ihrer "leisutngen", Infrastruktur, Bildung usw., schuldig bleiben.
...Allerdings sitzt keiner der von ihnen genannten in irgendeinem dunklen gelass, die bild publiziert munter weiter, guti macht wahrscheinlich irgendwo urlaub und zu sarrazin kann mann nur sagen : Die Gedanken sind frei !
Freiheit ist immer das recht des anderen, ob ihnen also gefaellt was die bild schreibt - voellig sekundaer...
Sie erscheint.
...Allerdings sitzt keiner der von ihnen genannten in irgendeinem dunklen gelass, die bild publiziert munter weiter, guti macht wahrscheinlich irgendwo urlaub und zu sarrazin kann mann nur sagen : Die Gedanken sind frei !
Freiheit ist immer das recht des anderen, ob ihnen also gefaellt was die bild schreibt - voellig sekundaer...
Sie erscheint.
Das die Sinologenfraktion sich fast alles ueber China schoen schreiben kann ist ja nichts neues...
Kubin erwaehnt hier zum Beispiel " die chinesische Staatssicherheit, die ein Staat im Staat ist, macht, was sie will" und fragt " Können die Intellektuellen in China nicht selbst protestieren?"
Laut Kubin wollen sie nicht, von wegen materielller Vorteile...
Selten so einen einseitigen, goennerhaft von oben geschriebenen Artikel in der zeit gelesen, Das letzte mal war es Britta Heidemann, die fechterin, die an dieser stelle ihre zukuenftigen wirtschaftsverbindungen ins land der mitte verbessern wollte - dieses mal ein in china publizierender elfenbeintuermler.
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