Büchner-Preisträger Delius Ein Chronist deutscher Geschichte

Für allzu Gefühliges ist er nicht zu haben: Der Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius ist ein kühler, ironischer Beobachter.

Im April 1970 schreibt Friedrich Christian Delius an Nicolas Born, dass der gemeinsame Freund Hans Christoph Buch demnächst in einer "grundsätzlichen Rezension klären" werde, wie die "grundsätzlichen Dinge" zwischen den Bornschen und den Deliusschen Gedichten lägen. "Die grundsätzliche These", so Delius, "soll sein, Born fehle es an Objektivität und Delius an Subjektivität, und damit wären unsere grundsätzlichen Probleme ja wohl geklärt."

Der kleine Schriftverkehr, um den sich noch viele weitere Einlassungen gruppieren, zeugt nicht nur von der heimeligen Enge, die das Westberliner literarische Leben einmal ausmachte und zwischen dem Buchhändlerkeller in der Görresstraße, dem Bundeseck am Friedrich-Wilhelm-Platz und der Dickhardtstraße aufzuspüren war. Er trifft auch etwas von den Fliehkräften, die mal in Richtung Agitprop, mal in Richtung Neue Subjektivität gingen, im Angesicht der allzu schlichten Frage nach Individuum oder Gesellschaft jedoch alle Beteiligten schwindeln lassen mussten.

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Delius, Born und Buch kannten einander schon vom "Wahlkontor Deutscher Schriftsteller", das 1965 im Auftrag der SPD Wahlkampfslogans für Willy Brandt ersann. Sie hatten wie viele andere gegen den Vietnamkrieg protestiert und verabscheuten das Monopol von Axel Springer. Den kühlsten Kopf behielt dabei immer Delius. In diesem Sinn war er tatsächlich ein "objektiver" Schriftsteller: für Inwendiges und Gefühliges nicht zu haben, dafür der ironischen Analyse sprachlicher Fertigteile zugeneigt.

Er blieb für alles Politische bis weit in die 70er Jahre aufgeschlossen, weil er damit auch als klassenkämpferischer Geist so frei umgehen konnte, wie es größeren Hitzköpfen verwehrt blieb. Die Lässigkeit, mit der er 1965 in seinem Lyrikdebüt Kerbholz die Stimmung der Zeit verdichtete, muss man erst einmal hinbekommen: "Höflich tritt ein / der Feuerwehrmann / und fragt, ob es brenne. / Nein, sage ich, vielen Dank, / aber vielleicht / versuchen Sie’s morgen noch einmal.” Sie wurde im Jahr darauf ergänzt von einer fulminanten Dokumentar-Polemik unter dem Titel Wir Unternehmer, die ihn als Person jedoch unbeteiligt ließ.

Was hatte er getan? In einer versifizierten Fassung von Protokollen des CDU/CSU-Wirtschaftstages 1965 zitierte er die Phraseologie der Redner in ihrer ganzen Dumpfheit - mit dem ausdrücklichen Verweis, dass "Stellen, die besonders bösartig entstellt scheinen, durchweg originalgetreu wiedergegeben" seien. Ob es um die "Redressierung des sozialen Übermuts" geht oder um die Sehnsucht nach einer "ethischen Kraft für das Volksganze": Er häufte Beleg auf Beleg, um sich das Verfahren der dokumentarischen Selbstentlarvung in der fiktiven Festschrift "Unsere Siemens-Welt" (1972) satirisch anzueignen und nur noch so zu tun, als handle es sich um die Gratulationen führender Siemens-Manager. Das Buch trug ihm einen jahrelangen Prozess ein, der zwar mit einem Vergleich und der Schwärzung einiger weniger Stellen endete, aber den Rotbuch Verlag, der ihn führte, fast ruiniert hätte.

Das alles scheint lange her zu sein, aber der Erzähler, der aus dem Lyriker und Dokumentarsatiriker wuchs, ist noch aus demselben Holz. Delius macht bis heute den Eindruck, als sei er von allzu heftigen Affekten verschont. Sein Talent liegt im stofflich Vorgefundenen, nicht im Visionären – und in der nüchternen Ausformung einer Sprache, die zwar die Pointe kennt, nicht aber das Pathos.

Friedrich Christian Delius, der in diesem Jahr den mit 50.000 Euro dotierten Büchner-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung erhält, ist bei allem revolutionären Impetus, der in seiner bürgerlichen Abgeklärtheit vielleicht noch wohnt, von den Finsternissen und Erregungspotenzialen, den halsbrecherischen Wirklichkeitsimaginationen seines hessischen Landsmannes doch weit entfernt.

Die Begründung ordnet ihn deshalb auch ein wenig anders ein. "Als kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter", heißt es darin, "hat er in seinen Romanen und Erzählungen die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erzählt – von der Vorgeschichte der NS-Zeit über die Zeit der Teilung bis in die unmittelbare Gegenwart. Seine politisch hellwachen, ideologieresistenten und menschenfreundlichen Texte loten die historischen Tiefendimensionen der Gegenwart aus. Seiner souveränen Erzählkunst gelingt es, eine manchmal satirische Beobachtungsschärfe zu verbinden mit einer humanen Sensibilität, die seine Figuren oft decouvriert, aber nie denunziert."

Außerdem charakterisiert ihn die Akademie wegen des Spaziergangs von Rostock nach Syrakus (1995) als Nachfahren Seumes durch die rhythmische Phrasierung von Zeit und Geschichte in den Erzählungen Die Birnen von Ribbeck (1992) und Bildnis der Mutter als junge Frau (2006) als einen von Wolfgang Koeppen. Ein Vergleich, der Delius’ Temperament bei allen Sympathien, die er für den von Faulkners Bewusstseinsströmen inspirierten Kollegen in dieser Zeitung einmal bekundet hat, nicht gerecht wird.

Leser-Kommentare
  1. ... denn wer kennt und verehrt ihn nicht, den Herrn - ähm - Friedrian Christrich Delius. Klingt auch sehr spannend, was der da schreibt. Kühl, distanziert, ironisch. Mal ganz was Neues in der deutschen Literatur.

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