Jeden Morgen legte sie sich ihren Panzer an. Eine blonde Perücke und fingerdickes Make-up, dazu ein Lächeln, auch wenn ihr eher zum Schreien zumute war. Niemand sollte sehen, wie es ihr wirklich geht. Niemand soll ahnen, was sie erlebt hat. Hannelore Kohl, Ehefrau des Bundeskanzlers Helmut Kohl, blieb trotz ihres Lebens in der Öffentlichkeit jahrelang ein Rätsel nicht nur für die Journalisten in der Bonner Republik. Nur einen von ihnen hat sie in ihre Seele blicken lassen und ihm sogar ihr dunkelstes Geheimnis verraten: Heribert Schwan, früher Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Autor zahlreicher politischer Biografien, hat über viele Jahre Hannelore Kohl begleitet, auch kurz vor ihrem Selbstmord im Juli 2001 war er noch an ihrer Seite. Mit seinem Buch Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl hat der 66-Jährige jetzt eine Biografie veröffentlicht, die bisher unbekannte und teils tragische Details aus dem Leben der Politikerehefrau erzählt.

Genähert hat sich Schwan Hannelore Kohl über ihren Mann, den Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden. 1985 schrieb er eine erste Biografie und drehte fürs Erste einen Film über Helmut Kohl und interviewte dafür auch dessen Ehefrau. "Sie hat es mir angerechnet, dass ich mehr erzählen wollte als die übliche Geschichte von der Birne und der Barbie aus der Pfalz. Deshalb hat sie sich mir gegenüber geöffnet", sagt Schwan. 1987 habe sie deshalb auch eingewilligt, dass Schwan ein Porträt für den WDR über ihr Leben drehte. Damals deutete sich nur an, was Hannelore Kohl ihm später in langen, wegen ihrer Lichtallergie nur nachts möglichen Spaziergängen anvertraute: Dass sie als Zwölfjährige auf ihrer Flucht in den letzten Kriegstagen 1945 aus dem sächsischen Döbeln in den Westen von russischen Soldaten mehrfach vergewaltigt worden ist. Das ist jetzt erstmals offen bei Schwan nachzulesen.

Die Männer hätten sie nach der Vergewaltigung einfach aus dem Fenster geschmissen, ein Wirbel wurde dabei gequetscht, wie der Spiegel in einem Vorabdruck schreibt. Die Verletzung bereitete Hannelore Kohl noch lange körperliche Schmerzen, die seelischen Schmerzen sei sie nie los geworden, sagt Schwan. Auch deshalb sei die Politikerfrau depressiv gewesen, habe immer Tabletten genommen, daraus habe sich sogar eine Sucht entwickelt. Ihr Mann, der mit sich und der Politik beschäftigt war, habe ihr nicht helfen können. Psychologische Hilfe wollte sie nicht, "weil sie niemandem vertraute und Angst hatte, ihr Leben mit all ihren Erinnerungen erläutern zu müssen", sagt Schwan.

1993 entwickelte Hannelore Kohl als Folge einer Penicillin-Unverträglichkeit eine Lichtallergie. Beim kleinsten Sonnenstrahl rötete sich ihre Haut, sie bekam Quaddeln, Juckreiz, später schmerzten sogar ihre Schleimhäute und ihr Zahnfleisch. "Tatsächlich hat sie wohl keine Lichtallergie gehabt, aber subjektiv war sie krank und hat deshalb auch entsprechende Symptome gezeigt", sagt Schwan.

Als nach dem Ende von Kohls Kanzlerschaft 1998 die Spendenaffäre aufgedeckt wurde, verschlechterte sich Hannelore Kohls Zustand stetig, wie Schwan in den Gesprächen mit ihr erleben musste: "Sie hat es nicht mehr ertragen, von den Leuten als Ehefrau von Kohl angespuckt und als 'Spendenhure' bezeichnet zu werden." Damals ging er fast täglich bei den Kohls ein und aus, denn der Politiker hatte Schwan gebeten, ihm beim Verfassen seiner Memoiren zu helfen. Tagsüber saß Schwan mit dem Exkanzler im wegen der Lichtallergie abgedunkelt Keller, nachts ging Schwan mit Hannelore Kohl stundenlang durch die dunkle Nacht und führte lange Gespräche über ihr Leben und Leiden, erzählt Schwan. Auch von ihren Eheproblemen und ihrer Trauer darüber, dass sie sich nicht nur von ihrem Mann, sondern auch von ihren beiden Söhnen Peter und Walter allein gelassen gefühlt habe. Am 5. Juli 2001 starb Hannelore Kohl an einer Überdosis Tabletten.

Lange habe er es vor sich hergeschoben, die Geschichte der Kanzlergattin aufzuschreiben, sagt Schwan. Erst jetzt, zehn Jahre später, habe er dafür Luft gehabt. Mit Helmut Kohl habe er für die Biografie keine Gespräche geführt. Die Verbindung zu ihm sei nach den langen Jahren der Zusammenarbeit abgebrochen.

Aus dem Tagesspiegel