Jorge Semprún Ein Fremder, lebenslänglich

Jorge Semprún war erst Häftling in Buchenwald, dann in Deutschland so erfolgreich wie nirgendwo sonst. Zum Tod des Jahrhundertschriftstellers.

Der verstorbene Schriftsteller Jorge Semprun

Der verstorbene Schriftsteller Jorge Semprun

Er bestand wie kein anderer auf seiner Nichtzugehörigkeit. Trotz aller Vertrautheit, die man mit seinem Werk gewinnen konnte, und trotz der Öffentlichkeit, die er in mehreren Ländern fand, blieb Jorge Semprún jener existenziell Fremde, der nach Albert Camus immer einen Anderen in sich trägt. In seinem letzten Lebensjahrzehnt zog er sich, so gut er eben konnte, aus allen äußeren Verpflichtungen zurück: Er wollte sich ausschließlich der Vollendung seines Werks widmen.

Das ergab einen Wettlauf zwischen seinen exakt bestimmten Plänen und der verrinnenden Zeit: Er konnte ihn nicht gewinnen. Am Dienstag ist er mit 87 Jahren in seinem Pariser Haus gestorben.

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In seinen Büchern hatte er sich einem erzählerischen Zeremoniell verschrieben. Sein Werk strahlt das Vertrauen aus, Erinnerung aus den Kältezonen des Vergessens zurückholen zu können. Es ist die symbolische Rettungstat eines Einzelgängers, der sich vor allem auf jene bezieht, die in Rauch aufgegangen oder in Sibirien verscharrt worden sind. Über viele Passagen hinweg sind diese Bücher als Totenwache zu verstehen.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nahm Semprún Abschied von Hegel und Marx, den Göttern seiner Jugend; er setzte sich mit Proust und Kafka auseinander, entzifferte seine Erfahrungen im Spiegel Goethes. Semprún hat als Buchenwald- Häftling Nr. 44 904 und schon zuvor unter der Folter in Auxerre mit den Deutschen die schlimmsten Erfahrungen in der Wirklichkeit und die strahlenden in ihrer Literatur gemacht.

Nach Buchenwald kehrte er seit dem ersten großen Roman "Die große Reise" (1963) immer wieder zurück. Bis zu seinem zuletzt erschienenen "Der Tote unter meinem Namen" (2001) ergibt sich daraus ein cantus firmus der unaufhörlichen Selbsterforschung des Gedächtnisses, der Verwandlung des Erlebten, der Deutung der Fragmente. Diese Bücher eines Souveräns unter den Zeitzeugen sind von anderen begleitet, die mit Attentätern, Spionen, Funktionären, Helden des Underground, Bildern der Kunstgeschichte, Tarnexistenzen, obsessiven Liebhabern, Schachfiguren der Ambivalenz bevölkert sind.

Der Krimi als intellektuelles Muster war Semprúns zweite Leidenschaft. Das Krönungsspiel in dieser Hinsicht bot der Roman Algarabía oder Die neuen Geheimnisse von Paris, das Dschungelbild einer fiktionalen Wirklichkeit, die sich auf den Mai 1968 in Paris bezieht und dem Kolportageschinken Eugen Sues aus dem 19. Jahrhundert nachgeschrieben ist.

In Semprúns Biografie versammeln sich Grundfiguren: der Exilant, der Illegale, der Häftling, der Widerständler, der Kommunist, zu einem Leben im Ausnahmezustand. Als spanischer Emigrant und vor allem als französischer Schriftsteller, als Ehemaliger der Résistance, des Konzentrationslagers, der Kommunistischen Partei, der Klandestinität ist er, in vielen Masken und Verzeichnungen, Variationen und Reprisenbildern, ein bürgerlicher Repräsentant und ein Apostat zugleich.

Leser-Kommentare
  1. 1. 2.Teil

    „Mein Gott“, sagt der Junge aus Semur, „der tut’s nicht mehr lange.“
    Das Gesicht des Greises ist eine verkrampfte Maske mit leeren Augen. Sein Mund starrt schmerzverzerrt.
    „Was tun wir jetzt?“ frage ich.
    Der Junge aus Semur blickt auf das Gesicht des Alten und antwortet nicht. Plötzlich krampft sich der Körper des Alten zusammen. Seine Augen füllen sich mit Leben und starren in die Nacht vor ihm.
    „Stellt euch das vor!“ sagt er mit leiser, aber deutlicher Stimme. Dann bricht sein Blick, und sein Körper fällt uns kraftlos in die Arme.
    „He, Alter“, sagt der Junge aus Semur, „noch nicht schlappmachen!“
    Aber ich glaube, er hat für immer schlappgemacht.
    „Muß was mit dem Herzen sein“, sagt der Junge aus Semur.
    Als sei es beruhigend zu wissen, woran der Alte gestorben ist. Denn daß er tot ist, daran gibt es keinen Zweifel. Er hat noch die Augen aufgeschlagen und gesagt: „Stellt euch das vor“, und dann war er tot. In unseren Armen hängt nur noch ein Leichnam vor dem Strom kalter Nachtluft, der durch die Öffnung bläst.
    „Er ist tot“, sage ich zu dem Jungen aus Semur.
    Er weiß es ebenso gut wie ich, aber er gibt noch nicht auf.
    „Muß was mit dem Herzen sein“, wiederholt er.
    Ein alter Mann hat es mit dem Herzen, das kommt vor. Wir aber, wir sind zwanzig Jahre alt und haben es nicht mit dem Herzen. Das will er sagen, der Junge aus Semur. Er ordnet den Tod dieses Alten den unvorhergesehenen, aber durchaus logischen Unfällen zu, die bei alten Leuten nun mal vorkommen.

  2. 2. 1.Teil

    ....ein Auszug aus Jorge Semprún`s Buch "Die große Reise":

    Da ist diese zusammengepferchte Masse von Leibern im Wagen, dieser stechende Schmerz im rechten Knie.
    Tage, Nächte. Ich raffe mich auf und versuche, die Tage und Nächte zu zählen. Vielleicht hilft mir das, mich ein wenig zurechtzufinden. Vier Tage, fünf Nächte. Aber nein, ich muss mich verzählt haben, oder es sind Tage darunter, die zu Nächten geworden sind. Mir bleiben zu viele Nächte, Nächte, die ich nicht los werde.
    Wieder eine Nacht. Drei Finger meiner linken Hand. Und der heutige Tag. Vier Tage also und drei Nächte.
    Nun gehen wir der vierten Nacht entgegen, dem fünften Tag. der fünften Nacht, dem sechsten Tag. Aber ist es überhaupt noch richtig zu sagen, wir gingen? Wir sind ja unbeweglich, ineinander gekeilt, die Nacht vielmehr ist es, die über uns reglose künftige Leichen hereinbricht. …
    .....
    Vier bis fünf Reihen hinter uns entsteht plötzlich ein Tumult, man hört Schreie.
    „Was gibt’s jetzt wieder?“ fragt der Junge aus Semur.
    Die eingekeilten Leiber schwanken hin und her.
    „Luft, er braucht Luft“, ruft eine Stimme hinter uns.
    „Macht Platz, zum Kuckuck, bringt ihn ans Fenster“, ruft eine zweite.
    Die eingekeilten Leiber schwanken, öffnen sich, und aus der Schattenmasse stoßen Schattenarme den leblosen Körper eines Greises gegen das Fenster. Der Junge aus Semur auf der einen , ich auf der anderen Seite, halten wir ihn in den Strom kalter Nachtluft, der durch die Öffnung bläst.

  3. ... z. B. Algarabia (1981) das auf meiner Top-Ten-Liste der schlechtesteten Bücher, die ich nicht zu Ende lesen konnte auf Platz
    7 steht.

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