Klassik StiftungDer immer größere Geist Weimars

Von der Kleinstadt zur Eventcity der Denker: Die Klassik Stiftung Weimar steht in der Kritik. Was sagt ihr Präsident Hellmut Seemann dazu? B. Schulz hat ihn besucht.

Weimar ist kein ICE-Halt mehr. Der schnittige Zug von Frankfurt nach Dresden fährt vorbei, auch die künftige Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Erfurt, Thüringens Landeshauptstadt, und Leipzig wird die Stadt an der Ilm erst recht links liegen lassen. Zwar hatte es gegen die vorzeitige Aufgabe der ICE-Anbindung im vergangenen Dezember Proteste gegeben. Die sind jedoch erfolglos verhallt.

"Weimar", sagt Hellmut Seemann trocken, "ist für Thüringen ein bisschen zu groß. Der Präsident der Klassik Stiftung Weimar hat da so seine Erfahrungen. Auf Betreiben des thüringischen Kulturministers Christoph Matschie (SPD) war Seemann aus dem Amt gedrängt worden; Matschie verlangte von Weimar "mehr Strahlkraft". Doch dann wurde Seemann unter Mithilfe von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) im April erneut ins Präsidentenamt gewählt: Neumann vertritt den bei weitem größten Geldgeber der Stiftung, den Bund.

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So ist es nun erneut Seemann, der sich mit der Evaluierung seiner Einrichtung durch den Wissenschaftsrat zu befassen hat. Nach 2004 ist es bereits das zweite Mal, dass der Rat die Stiftung begutachtet hat. In dem 92-seitigen Papier, das seit Ende Mai vorliegt, mahnte das Beratungsgremium der Bundesregierung in Wissenschaftsfragen gleichfalls ein Mehr an, allerdings ein Mehr an wissenschaftlichen Leistungen. Und setzte einen kühnen Vorschlag drauf: Weimar solle mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel unter ein Dach kommen, um national und international "hohe Sichtbarkeit" zu erzeugen.

Dieser Gedanke dürfte inspiriert sein von der gemeinsam herausgegebenen Zeitschrift für Ideengeschichte, die Marbachs bestens vernetzter Direktor Ulrich Raulff 2007 ins Leben gerufen hatte. Die aktuelle Ausgabe vereint unter dem Titel Abgrund Beiträge zu Nietzsche, Hollywood und Czeslaw Milosz, aber auch einen Essay des scheidenden Merkur-Herausgebers Karl Heinz Bohrer zu Baudelaire.

Das Problem: Was der Wissenschaftsrat und was thüringische Landespolitiker erwarten, ist gewiss nicht das Gleiche. Seemann, der trotz aller Stürme, die er in seiner zehnjährigen Amtszeit erlebt hat, erstaunlich gelassen wirkt, erklärt den Unterschied. "Was der Kulturminister meint, ist folgendes: Dem Seemann ist es noch nie gelungen, hier eine richtig erfolgreiche Ausstellung zu machen, so richtig viele Besucher anzulocken." Die Übernachtungszahlen der städtischen Hotellerie seien der Maßstab. Hingegen sähe der Wissenschaftsrat auf die geisteswissenschaftliche Forschungslandschaft und überlegt, "wie unsere diesbezüglichen Leistungen verbessert werden können".

Weder das eine noch das andere wird der Klassik Stiftung gerecht. Sie umfasst seit der Fusion der Archive, Bibliotheken und Museen im Jahr 2004 neben dem Goethe- und Schiller-Archiv sowie der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit ihren knapp eine Million Büchern nicht weniger als 21 Schlösser, Museen, Gedenkstätten und sechs Parkanlagen in Weimar und Umgebung. Eine dreiviertel Million Besucher zählen die Einrichtungen pro Jahr, davon sind laut Seemann "vielleicht fünf Prozent Wissenschaftler".

Überfüllt wirkt der Komplex der Anna Amalia Bibliothek nicht gerade, der seit 2005 auf der gegenüberliegenden Straßenseite um einen wunderschönen Neubau erweitert ist. "Unsere Strahlkraft", sagt der Stiftungspräsident, "beruht darauf, den 'Kosmos Weimar' als einzigartige Verdichtung deutscher Kultur zugänglich zu machen." Ein gewinnendes Motto: Nur fragt man sich, warum es das vom Wissenschaftsrat angemahnte Gesamtkonzept nicht gibt, das die Forschungs-, Bildungs-, Sammlungs- und Öffentlichkeitsarbeit integriert. Nun soll so ein Grundsatzpapier geschrieben werden, und man ahnt den Aufwand, den es brauchen wird, um "den auf die Stiftung gerichteten Erwartungen zu entsprechen" und zugleich "niemanden vor den Kopf zu stoßen", wie Seemann es nennt.

Leserkommentare
  1. "Weimar ist kein ICE-Halt mehr. Der schnittige Zug von Frankfurt nach Dresden fährt vorbei, auch die künftige Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Erfurt, Thüringens Landeshauptstadt, und Leipzig wird die Stadt an der Ilm erst recht links liegen lassen. Zwar hatte es gegen die vorzeitige Aufgabe der ICE-Anbindung im vergangenen Dezember Proteste gegeben. Die sind jedoch erfolglos verhallt."
    Nach meinem Wissensstand endet die ICE-Strecke von Erfurt her schon eher und nicht in Leipzig. Leipzig wird vom 1-Stundentakt,spätestens wenn die Neubaustrecke in Betrieb geht, abgehängt. Leipzig wird dann nur jede 2.Stunde vom ICE Dresden-Köln bedient. Die traditionelle Nord-Süd Trasse
    Berlin/München führt dann nicht mehr über Leipzig sondern Halle-Erfurt-Würzburg.

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