Erwartungsvolles Gemurmel im Publikum. Der Redner räuspert sich: "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren", beginnt er und hebt den Kopf: "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet."

Solche Sätze hätten am Mittwoch zur Eröffnung der vornehmen und elitären Salzburger Festspiele die weihevolle Stimmung der betuchten Festgäste stören sollen. Hätte die Festspielverantwortlichen nicht im letzten Augenblick der Mut verlassen und hätten sie den vorgesehenen Eröffnungsredner Jean Ziegler, den Schweizer Soziologen und Wanderprediger für eine bessere Welt, nicht flugs wieder ausgeladen und durch den Bürgerrechtler Joachim Gauck ersetzt.

Offiziell wurde die Abfuhr damit begründet, der ehemalige UN-Sonderbeauftragte hätte Kontakte zum libyschen Diktator Muammar al-Gadhafi gehabt. Das will Ziegler nicht gelten lassen. Er vermutet den sanften Druck von Schweizer Großbanken und des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, die das Festival mit hohen Beträgen unterstützen. Denn Zieglers These, für die er seit vielen Jahren streitet, ist ein direkter Angriff auf die kunstsinnigen Sponsoren: Schuld am Hunger auf der Welt, so behauptet er, sei die Raffgier des Finanzkapitals und der Konzerne.

Traditionell bitten die Salzburger Festspiele angesehene und erlauchte Geister um Besinnungsworte, bevor sich der Vorhang hebt. Manche Reden werden noch Jahre später gern zitiert, etwa Eugène Ionescos Diktum vom "göttlichen Lachen Mozarts" oder die Schelte des Regietheaters durch den Bestsellerautor Daniel Kehlmann. Doch darf, bevor Hoffmannsthal, Goethe und Shakespeare aufgeführt und Mozart, Verdi und Richard Strauss erklingen in drastischen Worten daran erinnert werden, was die Fernsehbilder aus den ostafrikanischen Hungerlagern gerade jeden Abend zeigen: Wie verzweifelt und unerbittlich der Hungertod ist? Offenbar wollte das Festspiel-Kuratorium dies der Gästeschar nicht zumuten.

Ganz erspart bleibt es den Kunstfreunden dennoch nicht. Ziegler veröffentlicht am Montag seine nicht gehaltene Rede in einer signalroten Broschüre. Wer von dem Schrecken nicht hören soll, kann nun den Appell um Empathie noch rechtzeitig nachlesen. "Bei unterernährten Kindern setzt der Zerfall nach wenigen Tagen ein", hätte Ziegler berichten wollen: "Der Körper braucht erst die Zucker-, dann die Fettreserven auf. Die Kinder werden lethargisch, dann immer dünner. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau an den Muskeln. Die Kinder können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod."

Verantwortlich dafür, glaubt Jean Ziegler, seien die "Banken-Halunken" und die "Spekulations-Halunken", welche die Milliarden, die für die Welthungerhilfe nötig wären, zur Rettung ihres angeschlagenen Finanzsystems verwendet und anschließend die Agrarrohstoffpreise in schwindelnde Höhen getrieben hätten. Die Folge: Jeden Tag verhungerten 37.000 Menschen.

"Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen", heißt es in Jean Zieglers Redetext: "Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung." Und genau diese Mächtigen gelte es auch in Opern- und Konzertsälen wachzurütteln: "Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung. Sie trifft den Menschen in seinem Innersten, bewegt in ihm ungeahnte Emotionen. Und plötzlich bricht die Defensiv-Mauer seiner Selbstgerechtigkeit zusammen. Der neoliberale Profitwahn zerfällt in Staub und Asche. Ins Bewusstsein dringt die Realität, dringen die sterbenden Kinder. Wunder könnten in Salzburg geschehen: Das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens!"

An dieser Stelle hätte der Eröffnungsredner Jean Ziegler wohl eine gedankenschwere Pause eingelegt. Und wäre dann fortgefahren: "Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen!" Er hätte recht gehabt.