Humor-Analyse "Loriot war ein Dichter"
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 "Loriot ist der Parodist der Ratgeberliteratur der fünfziger und sechziger Jahre"

ZEIT ONLINE: Warum lachen wir dann noch heute über ihn? Wir sagen ja nicht: Ach, damals war das lustig.

Stollmann:
Das ist im Grunde die gleiche Frage wie: Warum weinen wir noch über eine Tragödie von Sophokles? Oder warum hören wir heute noch Opern aus dem 16. Jahrhundert? Weil außer der historischen Ebene Loriot immer auch noch eine conditio humana trifft. Auch darin zeigt sich große Literatur.

Rainer Stollmann
Rainer Stollmann

Rainer Stollmann ist Hochschuldozent für Kulturtheorie und Kulturgeschichte an der Universität Bremen. Seine Habilitation schrieb er über "Natur und Kultur des Lachens". Stollmanns beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Literatur und Geschichte des 20. Jahrhunderts und Lachkulturen von den Anfängen bis heute.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel bitte.

Stollmann: Wir kennen alle seine Szenen einer Ehe und seinen Satz: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen." Wenn wir diesen Satz in die Tradition der großen Liebesromane stellen, zu Flauberts Madame Bovary, Fontanes Effi Briest und Tolstois Anna Karenina, dann sehen wir: Diese dicken Schinken beschreiben alle Loriots Satz. Und sie beschreiben ihn nicht rein historisch. Anna Karenina stirbt nicht nur an den russischen Feudalzuständen und dem Patriarchismus, sondern auch an der conditio humana. Große Kunst ist überhistorisch. Das schafft auch Loriot. Er hebt die Komik auf die Höhe von Literatur.

ZEIT ONLINE: Dann hat Dieter Hildebrandt Recht, als er nach Loriots Tod sagte, dass wir auch noch in 50 oder gar in 100 Jahren über ihn lachen werden?

Stollmann:
Ich glaube, ja. Diese Qualität spüren die Leute. Das Interessante an Loriot ist ja auch, dass er überhaupt keine Gegner hat. Helge Schneider spaltet das Publikum. Loriot liebt jeder. Gleichzeitig ist er absoluter Nonkonformist. Er vertritt nie die herrschende oder die Mehrheitsmeinung, sondern ist immer in Opposition.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Stollmann:
Ein schönes Beispiel ist Das schiefe Bild: Die Wohnung, in die der Versicherungsvertreter geht, ist keine individuelle Wohnung, sondern wie aus dem Möbelkatalog, also eine modern-konformistische Wohnung, von Kleinbürgern eingerichtet, die modern sein wollen. Und die bringt Loriot durcheinander. Er hinterlässt ein absolutes Chaos.

ZEIT ONLINE: Loriot beherrschte die Sprechpause. Wie haben wir über sein verzögertes "Ach was!?" gelacht. Wie funktioniert das genau?

Stollmann: Die Sprechpause ist eine Erfindung Loriots – so wie Fontane den Plauderton erfunden hat oder Otto Waalkes den antiautoritären Ton. Ich vermute, er hat sie in der Praxis erfunden, während der Proben für seine Auftritte. Wenn wir zum Beispiel normalerweise eine halbe Sekunde für eine Antwort brauchen, hat er noch eine Viertelsekunde dran gehängt. Es ist ein Spiel mit den Erwartungen.

ZEIT ONLINE: Ein weiteres Loriot'sches Mittel ist das Missverständnis.

Stollmann: Das wiederum ist ein Klassiker der Komik. Der schlichteste Vertreter davon ist der Kalauer, wie ihn Heinz Erhardt pflegte. In Loriots Nudel-Sketch geht es um ein Missverständnis. Er ist der ältere Herr, der einer Frau Avancen macht, sie aber dauernd unterbricht und schon jetzt kontrollieren will. Sie ist das Mauerblümchen, das sich fragt, ob sie wohl überhaupt noch einen Mann abbekommen wird und ob dieser hier wirklich der ist, denn sie haben will. Zwischen diesen beiden hängt nun die Nudel. Sie ist der kleine Rettungsanker, denn sie wird die Frau vor dieser Ehe bewahren! Am Ende sind wir froh, dass sie ihn nicht heiratet.

ZEIT ONLINE: Aber der Mann, der seinen Antrag vorbringen will, rührt uns doch auch.

Stollmann:
Natürlich arbeitete Loriot mit Überspitzung und Groteske. Doch in den entscheidenden Momenten sind seine Charaktere sehr real. Mit realen Problemen wie der Angst vor Zurückweisung. Wir lachen dann nicht über die Figur, denn genau wie sie würden auch wir uns in dieser Situation überfordert fühlen. Wir lachen mit ihr über uns selbst.

 
Leser-Kommentare
    • essilu
    • 24.08.2011 um 17:41 Uhr

    ...die man die "gute Form" nennt. Und dass dies eine Barriere gegen die "Barbarei" ist, das wusste er.
    Was seinen "Humor" betrifft, so kann man vielleicht noch hinzufügen, was er auch wusste: Dass nämlich der Humor erwiesenermaßen "der kleine Schwimmflügel im Strom des Lebens ist"...
    ...und, er regte zum Nachdenken an - mit Stil und Respekt.

    • Kometa
    • 24.08.2011 um 18:11 Uhr

    Loriots Figuren gehen anderen auf die Nerven, drucksen, klügeln, ver- und zerbrechen Formen und Normen des Alltags und seiner Kleine-Leute-Verträge.

    Der Meister selber beweist damit Goethe: "Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist."

    Und man wundert sich, welche Nachrühmeleien veranstaltet werden, wenn man erklären will, dass man irgendwo, -wie, -wann gelacht hat, wenn Loriot seine "schrägen", un-heilen Welten aufführte.

    Alle haben immerzu, immerdar gealcht, pardon: g e l a c h t - und keine(r) hat sich in die Hackseln (und schon gar nicht beim Schnackseln) getreten gefühlt...

    W i r können alles weitermachen. Und der Diogenes Verlag hat sich dumm und dämlich verdient. Wie - auch die von Bülows? Was? ... da ... konnte der Vicco über alle lachend in die Familiengruft - äh: eingrüfteln?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zum Lachen über Loriot _nicht_ in den Keller gehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Man musste nur genau hinhören.
    Er konnte manchmal penetrant sein, ja - aber deshalb hatte er nicht Unrecht bei seiner Betrachtung des Alltäglichen, das nur allzuoft ebenso "normal" wie absurd ist.

    zum Lachen über Loriot _nicht_ in den Keller gehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Man musste nur genau hinhören.
    Er konnte manchmal penetrant sein, ja - aber deshalb hatte er nicht Unrecht bei seiner Betrachtung des Alltäglichen, das nur allzuoft ebenso "normal" wie absurd ist.

  1. zum Lachen über Loriot _nicht_ in den Keller gehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Man musste nur genau hinhören.
    Er konnte manchmal penetrant sein, ja - aber deshalb hatte er nicht Unrecht bei seiner Betrachtung des Alltäglichen, das nur allzuoft ebenso "normal" wie absurd ist.

  2. Sowohl nach flüchtigem Überfliegen als auch gebührendem Studium des oben stehenden Textes verbleiben auch mir nur zwei Äußerungen: Aah ja! und Ach was!?

    Loriot ist nicht tot. Er ist nur gestorben.
    (Zitat aus der FAZ von heute)

  3. 5. Loriot

    hatte, was vielen Komikern heute fehlt: er hatte Stil, einen Humor, der nie unter die Gürtellinie ging und trotzdem die Marotten der Menschheit (total überspitzt) auf die Schippe nahm.

  4. Das besondere am Loriot Humor war, dass er schon als er entstand unzeitgemäß war. Als Ödipussi erschien waren dessen Charaktere schon mindestens eine Generation überholt.

    Dei Höflichkeit ist etwas, was man das 20er Jahre Deutsch nennen könnte. Ohnehin hat ja keiner gemerkt, was nicht von ihm selbst stammte, sondern illustrierter Vintage-Humor, "Auf der Rennbahn" zum Beispiel.

  5. Ein Hochschuldozent, dem während eines Gesprächs über Loriot zu Heinz Erhardt der Kalauer einfällt, der hat sich nach meinem Verständnis als Literatur–Fachmann aus der Verantwortung doziert. Selbstverständlich pflegte Heinz Erhardt den Kalauer, aber er war – im Gegensatz zu Loriot – auch ein Dichter. Ein Gedicht wie „Die Made“ wird auch dann, wenn alle Heinz–Erhardt–Imitatoren ausgestorben sein werden, immer noch einen Interpreten finden, der es als dadaistische Gefühls–Spielerei vor einem Publikum zur Wirkung bringen kann. Von Loriot gibt es nichts Vergleichbares. Seine Sprachartistik ist an Situationen gebunden – und vor allem an ihn. Das ist der Unterschied. Lortiots Texte sind ohne Loriot (wenn man den Versuch machen wollte, sie neu zu interpretieren) kaum etwas wert. Und ich schließe ausdrücklich mit dem Hinweis: Einige Loriot–Sketche sind ihm unüberbietbar gut gelungen! Aber eben auch, weil er mit dabei war. Bei Heinz Erhardts Gedicht „Das Lama“ handelt es sich, so schätze ich es ein, um literarischen Dadaismus auf hohem Niveau, bei Loriots Gedicht „Advent“ handelt es sich, wenn ich es wohlwollend sagen soll, um gelungenes Abituszeitungs–Niveau.

    • essilu
    • 25.08.2011 um 0:36 Uhr

    ...
    YouTube: Loriot - Schöngeistige Literatur (2:15 min.)

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