MusikszeneWarum Heavy Metal lebendig bleibt

Musikalisch hat sich Heavy Metal in 40 Jahren nur wenig gewandelt. Doch die Klischees von harten Männern und willigen Frauen bröckeln. von Michael Custodis

Helden der Metalgeschichte: Bruce Dickinson von Iron Maiden und Rob Halford von Judas Priest  (Archivbild)

Helden der Metalgeschichte: Bruce Dickinson von Iron Maiden und Rob Halford von Judas Priest (Archivbild)  |  © Jo Hale/Getty Images

Die Stars der achtziger Jahre sangen im androgynen Falsett – und betonten ihre Potenz. Kaum ein anderer Stil der jüngeren Musikgeschichte hat im Laufe seiner Entwicklung so viele Anhänger und Gegner gefunden wie der Sound des Metal, um leidenschaftlich über den Sinn und die Qualität, die Besonderheit und die Gefahren dieser Musik zu streiten. In den über vierzig Jahren, die seit der Entstehung des britischen Heavy Metal vergingen, haben viele der Klischees von Horden ungepflegter, asozialer und unmusikalischer Jugendlicher ihre Brisanz verloren und werden höchstens noch als Anekdoten aus der guten alten Zeit gepflegt.

Im Vergleich zu den rapiden, marktorientierten Stilwechseln im Pop und vor dem Hintergrund der digitalen Umwälzungen seit der Jahrtausendwende und den davon ausgelösten veränderten Konsumgewohnheiten werden die Besonderheiten des Metal deutlich. Wie konnte diese Musik die eigene Attraktivität über die Jahre erhalten und sukzessive ausbauen? Wie transportiert sie allen Veränderungen zum Trotz noch immer das Lebensgefühl von Musikern und Fans, Bestandteil einer alternativen nonkonformistischen Subkultur zu sein, ohne einen Widerspruch zu ihrem globalen Multimillionenpublikum zu verspüren?

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Der Autor

Michael Custodis ist Professor für Musikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein Buch Klassische Musik heute. Eine Spurensuche in der Rockmusik, Bielefeld 2009, enthält Kapitel über Metallica und Manowar.

Auf musikalischer Ebene liegt der wesentlichste Grund in der Präsenz des Metal als Live-Erfahrung. Musiker, die ihre Stücke selbst schreiben und im Tonstudio ausarbeiten, verbinden sich im Konzert mit ihren Fans zu einer Glaubensgemeinschaft. Mit ausgiebigen Tourneen und lauten, intensiven Shows bauten sich viele Bands über die Jahre eine treue und loyale Anhängerschaft auf. So ließen sich auch die Dürrezeiten der neunziger Jahre überstehen, als der mit Nirvana kurzzeitig zum Massenphänomen stilisierte Grunge den Markt für harte Rockmusik tiefgreifend veränderte.

Ein anderer Erklärungsansatz betrifft das besondere Verhältnis von Kontinuitäten und Veränderungen. Im historischen Rückblick zeigt sich dies bereits in der Frühphase von Black Sabbath Anfang der siebziger Jahre, als sie den Blues von Jimi Hendrix und den Hard Rock von Deep Purple und Led Zeppelin roher, rauer und härter spielten, wofür sich bald die Stilbezeichung Heavy Metal durchsetzte. Entscheidend dabei war die Herkunft der männlichen Musiker und ihrer ebenfalls rein männlichen Anhänger aus dem ärmlichen britischen Arbeitermilieu, die ihre Frustration und Perspektivlosigkeit musikalisch kanalisierten und damit Jahre vor der Entstehung des Punk den Nerv der Zeit trafen. Die Wut gegen das Establishment und die Ablehnung des intellektuellen Progressive Rock von Yes, Pink Floyd oder Emerson, Lake and Palmer verselbstständigte sich zu einer Bewegung junger Nachwuchsbands, die mit der sogenannten Neuen Welle des britischen Heavy Metal in den frühen achtziger Jahren die Vereinigten Staaten erreichte und insbesondere in der Bay Area um San Francisco mit Slayer, Exodus, Testament und Metallica legendäre Formationen hervorbrachte.

Im Zuge dieser Verbreiterung der Fanbasis zeigten sich auch erstmals Musikerinnen in Metalbands, fast ausschließlich in der Rolle der Frontfrau. Von der Metal-Community wurden sie ohne große Debatten schnell akzeptiert und entsprachen mit ihrer Stimmlage dem Geschmack der Zeit, der von Ikonen wie Geddy Lee (Rush), Rob Halford (Judas Priest) und Bruce Dickinson (Iron Maiden) geprägt wurde, die bevorzugt im Falsett sangen. Doro Pesch, die mit ihrer deutschen Band Warlock vielen jüngeren Musikerinnen den Weg ebnete, berichtete aus den achtziger Jahren von großen Schwierigkeiten mit den Strategen der internationalen Musikkonzerne. Denn für den US-amerikanischen Markt sollten genau jene Geschlechterklischees von harten Männern und lasziven Groupies bedient werden, mit denen der Glam Metal von Poison, Mötley Crüe, den frühen Bon Jovi, Twisted Sister und W.A.S.P. große Erfolge feierte. Die Ironie daran war, dass diese Musiker sich mit Schminke, engen Latexhosen und toupierten Löwenmähnen provokativ androgyn inszenierten und als Kontrapunkt zu ihrem femininen Äußeren ihre sexuelle Potenz betonten.

Leserkommentare
  1. "Wer nur solche Musik ständig hört, wird eine Wirkung auf seine Psyche erleben. Nicht DER Metal ist gefährlich oder satanistisch, aber es gibt Black Metal, der solch dissonante Wellenlängen verströmt, dass der Dauerkonsum nicht harmlos ist."

    Das ist blanker Unsinn. Bitte bleiben Sie sachlich.

    Antwort auf "Tendenz zu mehr Härte"
  2. Im Artikel ist erst von "Heavy Metal" die Rede, dann werden Thrash Metal-Bands wir Testament und Slayer genannt, dann wird wieder ganz allgemein von "Metal" gesprochen.
    Also was jetzt?
    "Heavy Metal" war früher ein Sammelbegriff für alles mit langen Haaren und E-Gitarren, aber schon lange ist der "Heavy Metal" ein eng begrenzte Stilrichtung innerhalb des Oberbegriffs "Metal".
    Der "Metal" konnte nur deshalb überleben, weil es eben nicht nur "Heavy Metal" gibt, sondern der "Metal" sehr viele Richtungen unter sich vereinigt, u.a. den "Heavy Metal".

    Soviel "Grundwissen" sollte man bei jemandem, der einen Artikel darüber schreibt, schon voraussetzen dürfen.

  3. Ich bin mit Metallica, Slayer und anderen Bands aufgewachsen. Genauso mit Pop, Techno, Grunge, HIP, Soul, Jazz und anderen Richtungen. ICH MAG VIELES DAVON! Was ich absolut nicht mag, sind Leute die sich nur über eine Musikrichtung definieren und nur Metal hören oder nur Hip Hip usw. Davon gibt es aber auch kaum noch welche und wenn [...]
    Metal war nie das Klischee von harten Männern und willigen Frauen. Genausowenig wie bei Hip Hop und anderen Richtungen. Klischees und Verallgemeinerungen dienen keinem, die Geschichte der Musik ist übrigens so vielschichtig, dass man sie an der Uni studieren kann. Nur so als Tip ;)

    Gekürzt. Verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Die Redaktion/mo

  4. Metal ist pure Leidenschaft, alles zu haben, was qualität hat ist das Ziel. Die Musiksammlung eines etwas fanatischerem Metalheads umfasst meist mehrere 100Gb... Metaller sind nunmal Extremisten.

    Allerdings spiegelt sich mehr und mehr der Charakter eines jeden in der Musik die er hört wider...

    ...und die, die keine Ahnung haben sind alle gleich: ohne irgendeinen einblick gehabt zu haben zerreißen sie sich die Mäuler ...
    ...durch Medien zB ist Black Metal entstanden wie es heute ist: satanistisch
    ...ursprünglich war es heidnisch

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    "...durch Medien zB ist Black Metal entstanden wie es heute ist: satanistisch
    ...ursprünglich war es heidnisch"

    Tut mir leid, leider falsch. First Wave: Venom - satanisches Image. Bathory bis "Under the sign of the black mark" - satanisch. Hellhammer - satanisch. Celtic Frost - satanisch. Second Wave: Von Mayhem über Emperor, Thorns, später Marduk und Konsorten - alles satanisch. Was "satanisch" jenseits der Imagepflege für die einzelnen Bands bedeutete, sei einmal dahingestellt, genau wie die Rolle der Medien in den frühen 90ern. Aber: Von Heidentum keine Spur.

  5. "...durch Medien zB ist Black Metal entstanden wie es heute ist: satanistisch
    ...ursprünglich war es heidnisch"

    Tut mir leid, leider falsch. First Wave: Venom - satanisches Image. Bathory bis "Under the sign of the black mark" - satanisch. Hellhammer - satanisch. Celtic Frost - satanisch. Second Wave: Von Mayhem über Emperor, Thorns, später Marduk und Konsorten - alles satanisch. Was "satanisch" jenseits der Imagepflege für die einzelnen Bands bedeutete, sei einmal dahingestellt, genau wie die Rolle der Medien in den frühen 90ern. Aber: Von Heidentum keine Spur.

    Antwort auf "Leidenschaft"
    • Nyuto
    • 07. September 2011 20:04 Uhr

    Ja, ist es wirklich Unsinn, dass Black Metal z.T. nicht harmlos ist ? Jon N. hat sich erschossen, Varg V. hat einem Bandkollegen ein Messer in die Stirn gerammt, viele Holzkirchen in Skandinavien wurden abgebrannt. Der Bassist von Svart. saß wegen Leichenschändung im Gefängnis. Das ist nicht nur Show. Und es gibt nachweisbare psychische Störungen, bei manchen Konsumenten dieser Musik

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    Die Frage ist doch, ob die von Ihnen postulierten Kausalitäten zutreffend sind! Jonni und Vikernes waren bzw. sind totale Soziopathen, Rassisten und Schlimmeres, allerdings glaube ich nicht, dass dies von ihrer Leidenschaft für den Black Metal herrührt. Woher wollen Sie das wissen? Die haben beide wahrscheinlich häufig Butterbrote zum Frühstück gegessen, dennoch würden Sie dann wohl kaum behaupten, dass die Stullen Schuld am Brand der Svantoft-Kirche waren. Merken Sie eigentlich nicht, dass Sie genau wie die Gegner des Heavy Metal zu Beginn der Achziger argumentieren, nur dass Sie den Black Metal ins Zentrum der Kritik stellen? Das ist so bigott! Nach dem Muster macht Gangsta-Rap kriminell und Techno dumm. Musik ist und bleibt subjektiv in der Wahrnehmung - ich höre seit zwanzig Jahren verdammten Schwarzmetall, bin weder depressiv noch mordlüstern. Freiheit für die Kunst!

  6. "Manche Träume werden war \m/"

    Ha!

    Diesen Traum hatte ich schon vor 20 Jahren aufgegeben.

    Danke für den Link

    Antwort auf "Ergötzung"
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    Gerne geschehen ; )

    Und ich habe noch einen, zwei Songs sind schon vor ein paar Jahren entstanden, und das hörte sich schon an wie damals:

    http://itunes.apple.com/d...
    oder
    http://www.amazon.de/Twis...

  7. Gerne geschehen ; )

    Und ich habe noch einen, zwei Songs sind schon vor ein paar Jahren entstanden, und das hörte sich schon an wie damals:

    http://itunes.apple.com/d...
    oder
    http://www.amazon.de/Twis...

    Antwort auf "John Arch!!!"

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