Er galt als eine Art Dinosaurier der Klassik-Szene, als Letzter seiner Art. Kurt Sanderling, der am Samstag, einen Tag vor seinem 99. Geburtstag in Berlin gestorben ist, gehörte zu den großen Männer der alten Dirigentengarde. "Er ist friedlich im Kreise der Familie eingeschlafen", sagte sein Sohn, der ebenfalls Dirigent ist.

Sanderling, der als junger Korrepetitor an der Städtischen Oper Berlin noch Dirigenten wie Leo Blech, Wilhelm Furtwängler, Erich Kleiber und Otto Klemperer in Opernaufführungen und Konzerten erlebt hat, war in den letzten Jahrzehnten seiner immer weiter ausgreifenden Karriere selbst zu einem Dirigenten von einer fast schon legendären musikalischen Bedeutung aufgestiegen.

Sicherlich verströmte er stets eine sympathische Autorität, eine Aura, wie sie heutzutage nur noch ganz wenigen Dirigenten eigen sind. Aber selbst in allerletzter Zeit, bei den von ihm mit geistvollem Elan und großer Altersweisheit geleiteten Konzerten "seines" Berliner Sinfonie-Orchesters, des Deutschen Symphonie-Orchesters, der Philharmoniker oder der Staatskapelle, hatte man nie das Gefühl, dass er sich ein Denkmal setzen wollte. Er griff auch im neunten Lebensjahrzehnt beherzt ins Berliner Musikleben ein und setzte markante Akzente.

Befreundet mit Schostakowitsch

Allein aus seinen letzten Jahren sind Aufführungen in Erinnerung geblieben, die in ihrer Unmittelbarkeit, Tiefe und Sorgfalt einen ganz eigenen Rang besaßen. Wie brachte er bei der letzten Eroica, die er im Konzerthaus dirigierte, das BSO in Fahrt und überraschte mit einem bedrängend plastischen, restlos entschlackten Beethoven-Bild. Der Trauermarsch ging ohne peinliche Theatralik über die Bühne und fesselte durch die empfindsame Ausformung, den weiten Spannungsbogen.

Eine besonders ergreifende, geradezu vollendet geformte Interpretation gelang ihm auch in der Philharmonie mit der letzten Sinfonie von Schostakowitsch, die er zusammen mit den Philharmonikern im Gedenken an Yehudi Menuhin musizierte. Mit Schostakowitsch verband Sanderling eine tiefe Freundschaft und Seelenverwandtschaft. Vor allem das Finale von dessen von vielen Zitaten und Anspielungen durchsetzter Sinfonie Nr. 15 op. 141, das wie ein Mahlersches Kinderlied verhallt, sich aber als Ausklang eines kleinen musikalischen Welttheaters entpuppt, wird man nicht vergessen.