Der Hip-Hop trägt Trauer im Herbst des Jahres 1996. Gerade ist Tupac Shakur erschossen worden, das Genre hat einen seiner wichtigsten Künstler verloren. Doch schon drei Tage nach dem Tod des legendären Westcoast-Rappers bringt ein junger Musikproduzent namens Josh Davis sein Debütalbum heraus, das dem Hip-Hop völlig neue Dimensionen eröffnet. Er nennt es Endtroducing..... und sich selbst DJ Shadow. Der Geniestreich eines Mannes, der nicht mehr alle Platten im Schrank hat.

Zu diesem Zeitpunkt hat der damals 24-Jährige aus dem Silicon Valley schon einige Jahre als DJ hinter sich. Schwer beeindruckt von Public Enemy, die bei einem Konzert Isaac Hayes' Song Hyperbolicsyllabicsesquedalymistic sampeln, beginnt Davis Ende der Achtziger, mit neuen Formen des Hip-Hop zu experimentieren. Lässt Funk, Jazz, Soul und Ambient in seinen Sound einfließen. Und veranlasst Musikjournalisten neue Begriffe wie "Trip-Hop" zu erfinden, um seine Klangcollagen zu beschreiben. Sehr zutreffend schlägt der Pop-Kritiker Karl Bruckmaier 1997 vor, dass man DJ Shadow statt als "Jimmy Page" – wie es der New Musical Express tut –, lieber als "Ry Cooder des Samplers" bezeichnen solle. Schließlich geht es beiden um das Aufsaugen unterschiedlichster Stile, vor allem aus der afroamerikanischen Musik.


Das Debüt des Kaliforniers ist ein riesiges Mosaik. Als Steine dienen Samples aus mehr als 500 Alben, die er mit einem Akai-MPC-60-Sampler und zwei Plattenspielern zusammenmischt. Einen Computer besitzt er damals nicht. Natürlich ist Sampling damals schon lange üblich, doch sein Album ist das erste, das komplett aus Samples besteht. Das Prinzip der Postmoderne – verdichtet auf 63 Minuten und 27 Sekunden.

Dabei sind die Zitate kaum mehr als solche zu identifizieren, weil sie fließend ineinander übergehen: Beastie Boys, Metallica und Giorgio Moroder. Björk, T. Rex und Grandmaster Flash. Gesprächsfetzen aus dem Horrorfilm Die Fürsten der Dunkelheit, aus Twin Peaks und Blade Runner. Ein hypnotisches Album, das man so noch nie gehört hat und das bis heute unerreicht ist.

Nach zwei Platten, mit denen Davis ganz bewusst alle Fans enttäuschte, die ein zweites Endtroducing..... verlangten, legt der 39-Jährige aus San Jose nun sein viertes Studioalbum vor. Darauf geht es wieder ausgesprochen eklektisch zu. Doch während auf seinem Debüt aus den Einzelteilen ein organisches Ganzes entstand, ist das bei The Less You Know, The Better nicht der Fall. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass es vor allem um das Ausstellen von Stilvielfalt geht – als wolle DJ Shadow mit den Schätzen seiner 60.000 Schallplatten umfassenden Sammlung angeben. Schon im kurzen Eingangsstück scratcht er über eine E-Gitarre, Telefongeräusche, Stimmen und einen klassischen Hip-Hop-Beat.

Das Album ist ziemlich rocklastig. So dominieren etwa in Border Crossing stark verzerrte Gitarren, was kombiniert mit dem elektronischen Schlagzeug fast schon an den Industrial Rock der Nine Inch Nails erinnert. Gastmusiker sind unter anderem Posdnuos von De La Soul und Talib Kweli. In Stay the Course rappen die beiden im Duett zu einem großartigen Basslauf, sogar eine Mundharmonika ist dabei.