11. SeptemberTerrorbilder wie im Film

Können Bilder das Trauma vom 11. September 2001 heilen? Wie die künstlichen Welten des Kinos mit dem realen Terror umgehen. von Jan Schulz-Ojala

Ein Feuerwehrmann in der Nähe des zerstörten World Trade Centers in New York

Ein Feuerwehrmann in der Nähe des zerstörten World Trade Centers in New York  |  © Peter Morgan / Reuters

Heute also. Der Tag. Der Jahrestag, zum ersten Mal rund. Um 14.46 Uhr unserer Zeit, um genau zu sein. Auf die Minute genau, mit der es anfing.

Zehn Jahre. Zehn Jahre? Oder eine erste ernsthafte Gelegenheit, in erneutem Gedenken Abstand zu proben? Seit Tagen, Wochen üben wir uns lesend, fernsehend, websurfend ein. Wissen wieder die Namen der Fluggesellschaften, der Flugnummern. Wissen, von wo die Flugzeuge aufstiegen und welche Ziele sie nie erreichten. Wissen die Minutenzahl vom ersten Einschlag in die Twin Towers bis zu ihrem Einsturz: hundertzwei. Wissen die Zahl der Toten an allen vier Ab- und Einsturzstellen: zweitausendneunhundertsiebzig.

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Mit Zahlenwissen mag sich Erinnerung einfrieden lassen, mit bewegten Bildern kaum. Die Bilder von 9/11, die uns jetzt wieder überall umgeben, sind nicht etwa besser auszuhalten, weil wir sie kennen, nein, sie entfalten nahezu unverbrauchte Wucht. Der Schrecken, als das erste Flugzeug von Norden in den Nordturm einschlug. Die existenzielle Angst, als das zweite vom Süden her den Südturm traf. Das Entsetzen über die furchtbar grandiose Choreografie dieser menschengemachten Katastrophe. Der Feuerball um die Türme und die gefühlte Ewigkeit bis zu ihrem Untertauchen im Rauch.

Soviel Böses kann der Mensch nicht erfinden

Sie sahen und sehen aus wie Kinobilder, aber sie waren nur für die Furcht gemacht, nicht für Mitleid und erst recht nicht für die Katharsis. Bilder, wie sie das Kino, sonst durchaus zuständig für die Halluzination des Bösen, noch nie hervorgebracht hatte, wohl weil sie die Vorstellungskraft selbst des erfahrensten Filmfantasten überstiegen. Vier entführte Flugzeuge, zu Waffen verwandelt. Ein perfektes Timing. Perfide perfekte symbolische Ziele. So viel Böses kann der Mensch nicht erfinden, so viel Böses kann er nur tun.

Seither ist das Kino mit dieser Schmerzerfahrung nicht wesentlich anders umgegangen als seine Zuschauer überall auf der Welt: Es versuchte, sie zu bannen, zu verdrängen, zu umstellen, zu bewältigen – in dieser Reihenfolge. Es begann mit dem totalen Tabu, und manches davon gilt bis heute. Zwar hat Hollywood damals nur wenige Wochen lang auf Eis gelegt, was an die Ikonografie von 9/11 hätte erinnern können. Aber brennende Hochhäuser wie einst im Flammenden Inferno (1974)? Oder gar einstürzende Türme? Unfilmbar. Und wenn New York noch nahezu ausgelöscht imaginiert werden darf, dann nur durch in ihrer Substanz moralische Naturgewalten – wie in Roland Emmerichs Science-Fiction-Öko-Drama The Day After Tomorrow (2004). Seine Aliens dagegen, die noch acht Jahre zuvor in Independence Day das Empire State Building und das Weiße Haus zerstörten, sind irgendwie Lebewesen, also strukturell böse.

Am Anfang war Empfindlichkeit, und sie war enorm. Wer das Unfassbare kinematografisch zu verarbeiten suchte, beschwor nur wieder den Schock herauf. Und wagte sich zudem an das Thema lieber nicht allein. Die Kurzfilm-Kompilation 11'09''01 von elf Regisseuren, 2002 in Venedig uraufgeführt, war ein Essay im Wortsinn, ein Denkstück, ein erster gemeinschaftlicher Bewältigungsversuch in Bildern. Bezeichnenderweise blieb der von Stimmengewirr grundierte Schwarzfilm des Alejandro González Iñarritu am stärksten im Gedächtnis. Und in September (2003) verknüpfte Max Färberböck fünf von Schriftstellern durchaus sensibel erfundene Episoden – doch kaum jemand wollte sich dem ersten deutschen Versuch der Individualisierung des Schreckens aussetzen.

Zu früh das alles, immer noch zu früh. Und wer erinnert sich noch daran, dass Spike Lees 25 Stunden ( 25th Hour ), ebenfalls 2003 ins Kino gekommen, in erster Linie von einem New Yorker Drogenhändler handelte und seinem letzten Tag in Freiheit? Alles darin wurde von einer Dialogszene an einem Fenster überstrahlt, und der Blick aus diesem Fenster zog unmittelbar hinab in die Wunde von Ground Zero. Spike Lee wagte den Angriff der Realität auf die übrige Fiktion. Und wappnete sich, indem er seinem Film die Form eines bleiernen Albtraums gab. Vier Jahre später wirkte Mike Binders Die Liebe in mir ( Reign Over Me ), die Geschichte eines New Yorkers, der durch den Anschlag seine Familie und jeden Halt verlor, gegen diese erste große Trauerarbeit wie ein Zitat. Zudem trug er schwer an seiner Versöhnungsmission, während Spike Lee eine unerhörte Wahrhaftigkeit erwischt hatte.

Leserkommentare
    • paul12
    • 12. September 2011 0:19 Uhr

    Hollywood hat es garnicht fertig gebracht in ihren Filmen die Änderung der Welt von 9/11 in einer Art und Weise darzustellen, das sinnvoll wäre. Stattdessen wurde der Fokus auf Patriotismus und Voruteile gelegt.

    Reiner schwachsinn....

    MFG

    Eine Leserempfehlung
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    • tom1972
    • 15. Februar 2012 16:00 Uhr

    Mir ist es ein Bedürfnis, dies nicht Kommentarlos stehen zu lassen.

    Der Text, den Sie kommentieren, haben Sie nicht gelesen. Denn er gibt Ihnen einen Hinweis darauf, dass Sie falsch liegen. Oder zumindest darauf, dass Ihre Sichtweise unvollständig ist. Es mag sein, dass Hollywood zu oft den 911 genommen und verhunst hat. Sicherlich. Aber da es auch Filme wie "Reign Over Me" oder "Thy Guys" gibt, kann ich Ihr Urteil nicht nachvollziehen.

    • checki
    • 12. September 2011 0:55 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf provozierende Äußerungen. Danke. Die Redaktion/vn

    • tom1972
    • 15. Februar 2012 16:00 Uhr

    Mir ist es ein Bedürfnis, dies nicht Kommentarlos stehen zu lassen.

    Der Text, den Sie kommentieren, haben Sie nicht gelesen. Denn er gibt Ihnen einen Hinweis darauf, dass Sie falsch liegen. Oder zumindest darauf, dass Ihre Sichtweise unvollständig ist. Es mag sein, dass Hollywood zu oft den 911 genommen und verhunst hat. Sicherlich. Aber da es auch Filme wie "Reign Over Me" oder "Thy Guys" gibt, kann ich Ihr Urteil nicht nachvollziehen.

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