Streit um Star WarsWenn Kunst zum Prozess wird

Moderne Kunstwerke sind nicht mehr einfach fertig, sondern können ständig verändert werden. So geben sie unsere Wirklichkeit viel besser wieder. von 

Der Meister und seine Kunstgestalt: George Lucas

Der Meister und seine Kunstgestalt: George Lucas  |  © Gerard Julien/AFP/Getty Images

Darth Vader hat durchaus etwas Faustisches. Nicht nur, weil er wie der Doktor der dunklen Seite der Macht erlag. Auch sein Schöpfer hört nie auf, ihn weiter zu bearbeiten . Wie Goethe einst an seinem Faust nahm der Filmemacher George Lucas schon etliche Veränderungen an der Science-Fiction-Saga Star Wars vor, seit sie 1977 zum ersten Mal zu sehen war.

Vielen missfällt das gewaltig . Jüngster Auslöser weltweiter Proteste der Star-Wars-Gemeinde ist ein nachträglich eingespieltes " No " von Darth Vader. George Lucas hat es anlässlich der Blue-Ray-Edition auf die Tonspur basteln lassen. Zwar kann man dieses Nein mit guten Argumenten für überflüssig halten, aber rechtfertigt es so viel Häme? Zumal anzunehmen ist, dass die Fans sehr wohl wissen, dass Lucas als Produzent und Regisseur jedes Recht dazu hat.

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Filme und im weiteren Sinne alle Werke von größerer Bekanntheit dienen der Identitätsstiftung ihrer Betrachter. Wir definieren einen Teil unseres Selbst über Bilder, die wir gesehen, Bücher, die wir gelesen, Filme, über die wir uns ausgetauscht haben. Werden sie verändert, verschiebt sich unser Selbstbild, was Ängste hervorrufen kann oder zumindest starkes Missfallen. Aus dem gleichen Grund wird eine Neuübersetzung des Fängers im Roggen abgelehnt, obwohl sie näher am Originaltext ist als die bisherige Übersetzung. Deshalb stoßen Restauratoren alter Gemälde ebenfalls auf Widerstand, wenn sie die Farben wiederherstellen wollen, in denen ein Bild ursprünglich gemalt wurde. Viele haben die Arbeiten eben nie anders gekannt und tun sich schwer damit, ihre Walhalla umzubauen.

Solche Kritiker haben eine sehr klassische Vorstellung davon, wie ein Werk entsteht. Sie denken, ein Kunstwerk entstünde in einem ebenso einmaligen wie unwiederholbaren und damit abgeschlossenen Akt. Diese Auffassung vom Künstlertum, geboren aus dem Individualitätsgedanken der Renaissance, gipfelte im Sturm und Drang in einem wahren Genie-Kult: Der Künstler wird zum Schöpfer und das Werk zum Akt seines Genies. An diesem soll, bitteschön, niemand mehr herumfummeln. Nicht einmal der Künstler selbst.

Einmal abgesehen davon, dass nur ein oberflächlicher Blick davon abhalten kann wahrzunehmen, dass auch Werke wie eben der Faust etliche Male bearbeitet wurden, bevor sich die Fassung herausschälte, in der sie heute der Allgemeinheit bekannt sind, einmal abgesehen davon also werden allein die modernen technischen Möglichkeiten dafür sorgen, dass wir uns künftig noch wesentlich stärker mit Überarbeitungen und Mash-Ups auseinandersetzen werden.

George Lucas beispielsweise nutzt heute völlig neue Werkzeuge der digitalen Filmproduktion, um in einzelne Sequenzen Effekte einzubauen, die er schon längst im Kopf hatte, als er einst drehte, die aber damals als nicht machbar galten. Oder er setzt neue Effekte, die ihm jetzt erst einfallen. Er kann umschneiden ( den Schuss von Han Solo ), neu vertonen (das " No " von Darth Vader), Figuren hinzubasteln (das fettleibige Reptilienwesen Jabba der Hutte), Sets aufhübschen (wie den Weltraumbahnhof Mos Eisley).

Klar, damit will Lucas die Marketingmaschinerie für das Star-Wars -Merchandising in Bewegung halten und Geld verdienen. Aber er will eben auch seine künstlerische Absicht weiterführen. Aus dem Akt wird ein Prozess. Das ist schön. Denn es spiegelt so viel besser unser Dasein wider, in dem das meiste im Fluss ist und wir uns ständig – privat wie beruflich – aktualisieren müssen.

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Leserkommentare
  1. Beim Stein des Anstoßes - in diesem Fall Rückkehr der Jedi-Ritter - wurde ebenso wenig wie bei Das Imperium schlägt zurück von George Lucas Regie geführt; er ist Produzent und einer der Schreiber.

    So gesehen reiht sich Herr Lucas weniger in die erhabene Tradition der nie zufriedenen Autoren ein, sondern eher in die Riege der Urheberrechtsinhaber, die das Werk in ihrem Besitz 'verbessern'.
    Es sei einmal dahin gestellt ob Herr Marquand (leider verstorben) von solchen Änderungen besonders erfreut gewesen wäre.

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    Redaktion

    In der Tat ist es an dieser Stelle so formuliert missverständlich. Dass Lucas der Regisseur war, bezog sich noch auf die weiter oben erwähnte Tatsache, dass Lucas seit der erste Star Wars-Film zu sehen war (1977) Veränderungen vorgenommen hat, wozu er das Recht hat als Produzent und – einst auch – als Regisseur.

    >in diesem Fall Rückkehr der Jedi-Ritter - wurde ebenso wenig >wie bei Das Imperium schlägt zurück von George Lucas Regie >geführt; er ist Produzent und einer der Schreiber.

    Naja wenn schon, dann richtig recherchieren. Lucas hat die Geschichte erfunden und die Drehbücher geschrieben. Ausserdem was er executive(!) Producer. Das ist nicht das gleiche wie im deutschen ein Produzent. Mal recherchieren. :)

    Glaub mir, alles was StarWars betrifft ist auf Lucas' Mist gewachsen.

  2. "Deshalb stoßen Restauratoren alter Gemälde ebenfalls auf Widerstand, wenn sie die Farben wiederherstellen wollen, in denen ein Bild ursprünglich gemalt wurde. Viele haben die Arbeiten eben nie anders gekannt und tun sich schwer damit, ihre Walhalla umzubauen."

    dann möchte ich mal sehen wie der restaurator vom louvre der mona lisa eine neue haarfarbe verpasst und vielleicht einen schicken nerz dazu...

    etwas wieder "original" zu machen oder ein "no" einzufügen oder han solo nicht als erstes schießen zu lassen ist nicht, "alte farbe wieder herstellen" sondern eine verfälschung. 2teres zum beispiel täuscht über wesentliche charakterzüge hinweg. anbei gehört ein werk dem künstler nicht mehr, sobald er es in die öffentlichkeit entlassen hat. es gehört allen.

  3. Selbst im Hinblick auf die künstlerische "Optimierung" des Ausgangsmaterials weist die neu erschienene "Star Wars"-Blu Ray eklatante Schwächen auf.

    - Schon in der "Special Edition" von 2004 haben eifrige (aber begrenzt kompetente) Restauratoren Luke Skywalker in "A New Hope" szenenweise ein grünes Lichtschwert verpasst. Dieser Schnitzer ist in Fankreisen seit Jahren bekannt und hätte in einer Neuauflage ohne weiteres korrigiert werden können.
    Tatsächlich wurde da auch nachgebessert - allerdings nur in einigen Frames, nicht in der ganzen Szene. Jetzt ist das Lichtschwert erst blau, dann grün, dann wieder blau.

    - Lucas befand wohl, dass R2D2 in der Felsnische nicht gut genug vor den Sandleuten versteckt war. Jetzt sieht man ihn hinter einem CGI-Felsen in einer engen Lücke verborgen, die schon rein physisch völlig unzugänglich gewesen wäre. Was noch zu verschmerzen gewesen wäre, wenn- ja wenn der Felsen nicht in der nächsten Szene wieder komplett verschwunden wäre.

    Solche neuen Anschlussfehler sind vermeidbar und zeugen von schlampiger Arbeit.

  4. Ich werde meinen ehemaligen Doktorvater mal fragen, ob er sich nicht die neuste Fassung meiner Arbeit anschauen möchte.

  5. Ich sehe das so:

    Klar hat George Lucas alle Rechte an seinem Werk. Und selbstverständlich kann er jede Fassung herausbringen, die sein Herz begehrt. Warum auch nicht?

    Aber vielleicht wäre allen gedient, wenn er denn auch einmal - nur ein einziges Mal - die ursprüngliche 1977er-Fassung *ebenfalls* auf Blu-ray (bzw. dem jeweiligen Top-Standard-Format) herausbringen würde. Dann hätte unser aller Seele ruh'. Wir Nostalgiker könnten uns an den Erinnerungen der ursprünglichen Fassung erfreuen und die jüngeren Zuschauer an den neu hinzugekommenen CGI-Effekten.

    Ich würde mir auf der Blu-ray-Edition von "Raumschiff Enterprise" z. B. auch niemals die überarbeitete Version anschauen, sondern immer nur die "klassische" Version.

  6. den ich neulich im Netz gesehen habe:
    "A few years ago George Lucas made and ate a sandwich. To this day he's still throwing pepper and mayonaise down his throat to "improve" it."
    Das trifft's doch, oder?

  7. Der Wert eines Kunstwerkes liegt auch in seiner Einbettung in die Gesellschaft und dem Diskurs, den er in ihr auslöst. In sofern kann man durchaus von einer Schmälerung des Werkes sprechen, wenn sein Schöpfer den Diskurs verschiebt und aus einem gemeinsamen Topos innerhalb einer (Sub-)Kulturgemeinschaft über ein Universum in dem ein epischer Kampf zwischen Gut und Böse auf vielen Ebnen ausgetragen wird, eine Diskussion über die Kommerz und Nooooooo macht.

    Befremdete Grüße,

    Sphinxfutter

    • Thongor
    • 27. September 2011 18:24 Uhr

    ...und diesen Prozess als Kunst, dann muss er aber auch dokumentiert werden. Sprich: Alle veröffentlichten Versionen müssen erhalten bleiben, damit man den Prozess nachvollziehen kann. Das gilt umso mehr für die Anfangsversion.

    Aber Lucas verändert seine Filme und zerstört dabei die vorherigen Versionen. Und das ist nicht hinnehmbar.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kunst | George Lucas | Prozess | Film | Filmproduktion | Kunstwerk
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