Yoram Kaniuk : "Es sollte keine nationale Religion geben"

Der Schriftsteller Yoram Kaniuk hat als erster Israeli durchgesetzt, dass in seinem Pass "ohne Religion" steht. Im Interview erzählt er, welche Auswirkungen das in seinem Land hat.

ZEIT ONLINE: Vor einigen Tagen war Jom Kippur. Haben Sie gefeiert?

Yoram Kaniuk: Ich war nicht in der Synagoge. Ich persönlich feiere Jom Kippur nicht, aber das Fest gefällt mir, weil es so ruhig und friedlich ist und eine großartige Tradition hat.

ZEIT ONLINE: Kürzlich hat ein Gericht in Tel Aviv Ihnen erlaubt, als erster Israeli die Bezeichnung "ohne Religion" in Ihren Papieren zu führen. Warum war das so wichtig für Sie?

Kaniuk: Schon seit vielen Jahren widersetze ich mich der Idee, dass man nur über die Religion Teil der israelischen Gesellschaft werden kann. Ich bin der Meinung, dass Staat und Religion voneinander getrennt sein sollten. Im Judentum ist das eine sehr problematische Sache, weil man seit Hunderten von Jahren religiös zu sein hatte, wenn man jüdisch sein wollte. Und dagegen wehre ich mich. Ich liebe Israel und auch die jüdische Kultur und möchte ein Teil davon sein. Ich will nur nicht gezwungen werden, das in einer ganz bestimmten Art und Weise zu tun. Daher will ich, dass in meinem Pass "ohne Religion" steht.

Yoram Kaniuk

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk wurde 1930 in Tel Aviv geboren. Als junger Mann kämpfte er in der jüdischen Untergrundorganisation Palmach, die sich für die Unabhängigkeit Israels einsetzte. Er lebte in New York, wo er in den 50er Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte.
Yoram Kaniuk schreibt Kinder- und Jugendliteratur, Essays, Erzählungen und Romane. Seine Werke wurden in 20 Sprachen übersetzt. 2008 wurde sein Buch Adam Resurrected in Hollywood verfilmt. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. In diesem Jahr erhielt er den Sapir Preis für 1948, ein Buch, das seine Erfahrungen im Unabhängigkeitskrieg schildert.

ZEIT ONLINE: Das Innenministerium hat Ihr Anliegen zunächst abgelehnt. Wie hat man diese Entscheidung begründet?

Kaniuk: Sie haben gesagt, ich könne zum Islam übertreten oder Christ werden, aber es sei nicht möglich, das Judentum zu verlassen. Jüdisch zu sein bedeutet für sie, dass man als Jude geboren wird und auch als Jude stirbt, da gibt es keine Wahl.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Entscheidung des Gerichts in Israel aufgenommen worden?

Kaniuk: Es hat mich überrascht, dass mein Schritt so wichtig für so viele Menschen hier ist. Ich bekomme ständig Telefonanrufe. In den vergangenen Tagen habe ich mehr Interviews gegeben als in meinem ganzen Leben zuvor. Letzte Woche versammelten sich vier- bis fünfhundert Menschen in einem Gebäude in der Nähe unseres Wohnhauses. Sie wollten eine Petition an das Innenministerium unterschreiben, in der sie verlangen, dass in ihren Papieren auch "ohne Religion" stehen soll. Ich weiß natürlich nicht, wie viele von ihnen das dann tatsächlich weiterverfolgen werden. Aber es sieht so aus, als hätten die Menschen nur darauf gewartet, dass jemand macht, was ich getan habe. Der Schritt war überfällig.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ein baustein mehr

Warum habe ich den Artikel gelesen? Ich kenne diesen Mann nicht und bin seit jeher ohne Probleme konfessionslos.
Ich habe ihn gelesen in der Hoffnung, ein weiteres Puzzlestück einem optimistischen Weltbild hinzufügen zu dürfen, in welchem die Menschen im Sinne der Aufklärung handeln und davon ablassen, mit dogmatischer Vehemenz anderen die eigene kulturelle und religiöse Identität überstülpen zu wollen.
Sofern man nicht bedroht ist, handelt es bei jenem respektlosen Bestreben um nichts weiter als eine (kollektive) menschliche Schwäche, die zu einem Verhalten führen kann, welches völlig unnötige Probleme generiert.
Mein Optimismus wird durch Kaniuks Vorstoß, seine Umsetzung und die erfahrene Unterstützung ein klein wenig genährt.
Solche winzigen Bausteine sind wichtig für ein stabiles Weltgebäude. Eine gute Nachricht.

Problemlos? Ja bitte (?)

Sie sind "seit Jahren ohne Probleme konfessionslos"? Oh. Vermutlich sind Sie hier richtig, denn ein atheistisch-humanistisches Weltbild (meinen Sie das, indem Sie sich auf Ihren "Optimismus" beziehen) ist weitgehend kanonisch. Verzichten Sie im Umgang mit entschiedenen Christen auch noch auf missionarischen Eifer, Herablassung und wüste Polemik, so sit das immerhin eine Grundlage...nur um den Kontext herzustellen: ich vermute, der Austritt aus der christlichen Kirche, zugleich der Eintritt in das Zeitalter der AUFKLÄRUNG, kostete Sie (hoffentlich) etwas Nachdenken und eine gewisse Verwaltungsgebühr - ein erträglicher Preis für diese wunderbare Freiheit, oder nicht? Wagen Sie, nur um eine Vergleichsmöglichkeit zu haben, folgendes Experiment: richten Sie höflich formulierte Anfragen an die großen islamischen Glaubensgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Erfragen Sie, wie der Islam mit Menschen umgeht, die einen anderen Glauben annehmen wollen (oder auch sich als vollständig säkularisiert ansehen). NIEMAND kann aus dem Islam "austreten"; es handelt sich tatsächlich um eine Buchreligion, während das Christentum längst die Gestalt einer "Entscheidungsreligion" angenommen hat. Erkennen und würdigen Sie diesen Unterschied und genießen Sie Ihre Freiheit. Ein Großteil der Menschheit hat diese Freiheit nicht und wird sie auf absehbare Zeit nicht erhalten.

geistiges Gift

Ein mutiger Mann, aber im letzten Satz irrt er.
Die Unversöhnlichkeit im Nahostkonflikt ist ohne die religiöse Komponente überhaupt nicht denkbar. Gäbe es nicht die Fanatiker auf beiden Seiten, die Absolutheitsanspruch und göttliches Recht auf ihrer Seite aus den angejahrten Schriften des Alten Testaments und des Koran ableiten würden, dann wäre der ganze Schlamassel nichts weiter als der Kampf zweier Völker um ein Stück Land.
Aus unserer europäischen Erfahrung wissen wir, dass sich solche Konflikte ganz gut in Kompromissen lösen lassen, wenn sich beide Seiten bewegen. Kommt aber der Anspruch dazu, Gottes Willen auszuführen, dann kann es keine Verständigung mit der Gegenseite geben. Dann gibt es nur Sieg oder gar nichts.
Die Region krankt nicht in erster Linie an israelischem Rassismus oder arabischem Antisemitismus, sondern an geistiger Vergiftung durch die verderblichen Monotheismen, die uns seit der Antike mit ihren unsinnigen Dogmen heimsuchen. Solang diese Kulte nicht in Private domestiziert sind, werden Israelis und Araber auch nur schwer zur friedlichen Koexistenz finden.
It`s the religion, stupid.

It's the religion, stupid!

richtig. Religionsfreiheit ja, aber bitte im Privaten. Trennung von Staat und Kirche sollte eigentlich in einer aufgeklärten Gesellschaft "normal" sein (auch in Deutschland besteht übrigens ein wenig Nachholbedarf).

"Solang diese Kulte nicht in Private domestiziert sind, werden Israelis und Araber auch nur schwer zur friedlichen Koexistenz finden"

Sie meinen Juden und Moslems, nicht "Israelis und Araber".

Schließlich gibt es israelische Muslime und jüdische Araber.

Das ist schlicht falsch...

und entspricht Wunschdenken.
Wunschdenken deshalb, weil es eine scheinbar einfache Lösung bietet in dem man sich von Religion trennt und auch weil man die wirklichen Ursachen auf Religion und ihre Prinzipien projeziert.

Allein der Nordirland Konflikt und noch viel mehr seine weitgehende lösung beweisen, das Religion nur ein vorgeschobenes Argument ist und letztlich nur als Instrument missbraucht wird.
Aus der Missbrauchsfähigkeit schon Verantwortung abzuleiten ist der Mythos unserer Zeit schlechthin und gerade deshalb sowohl für Freund und Feind gleichermassen die Gelegenheit sich eigener Verantwortung zu entziehen.
Wer solche Missstände auf Religion an sich projeziert muss sich mit den eigentlichen Problemen, schwierigen z.t. konkurrierenden Wahrheiten nicht mehr beschäftigen.
Sowohl radikale Gegner als auch radikale Befürworter von Religion missbrauchen sie in gleicher Weise, weil sie einfache Lösungen wollen und glauben man nur für oder gegen etwas sein.
Die Realität ist jedoch viel komplizierter, man kann sowohl dafür und dagegen sein, gleichzeitig. Weil die Unzulänglichkeiten menschlicher Gesellschaften verschiedene konkurrierende Wahrheiten zur Folge haben.
Und es schlicht eine Anmassung ist die eine Wahrheit zugunsten einer anderen zu negieren.

H.

[...]

"Jüdische Araber?"

Vielleicht werden Sie eines Tages auf eine Hochzeit von z.B. jemenitschen Juden eingeladen. Dann schauen Sie sich die Menschen an und beobachten deren Tradition.

"Entscheidend ist, daß es Menschen gibt, die das Judentum für eine Nation halten, sich selbst als deren Angehörige definieren und daraus bestimmte Sichtweisen ableiten."

Mit solchen Ideologien hätte ich auch kein Problem, wenn es nur bei "bestimmten Sichtweisen" bleiben würde.

Aber leider wenden die Menschen, die diese "bestimmt Sichtweise" haben, Gewalt an und missachten Menschenrechte.

Und da hört dann die Meinungsfreiheit auf. Und dagegen muss man kämpfen.

"Auch Herr Kaniuk sieht sich doch als Jude - wenn auch ohne jüdische Religion."

Herr Kaniuk ist ein Kind seiner Zeit. Daher habe ich ja von einem Grunstein geredet, den er vielleicht gelegt hat.

Denn wenn er faktisch auf die Trennung von Religion und Staat besteht, wendet er sich auch gegen die Idee eines "jüdischen Volkes".

Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Die Redaktion/mak

Ja, da gebe ich Ihnen recht, aber....

"Mit solchen Ideologien hätte ich auch kein Problem, wenn es nur bei "bestimmten Sichtweisen" bleiben würde.

Aber leider wenden die Menschen, die diese "bestimmt Sichtweise" haben, Gewalt an und missachten Menschenrechte."

Was denn nun? Ist nun die Religion die Wurzel des Übels oder die Tatsache, daß Menschen sich für Angehörige eines Volkes halten, und zwar UNGEACHTET der Religion bzw. der Religiösität?

Das sind dann aber sprachliche Fragen

Sie schreiben: "Sie machen es sich zu leicht. Einfach zu sagen "Das Judentum ist Religion" und ergo kann der Zionismus nichts mit Nationalismus zu tun haben, geht an der Wirklichkeit vorbei."

Natürlich gibt es Leute, die Religion und Staat verbunden sehen wollen.

Auf der anderen Seite gibt es aber Menschen (wie auch Herr Kaniuk im Interview), die eine Trennung zwischen Staat und Religion wollen aber trotzdem keine unterschiedlichen Begriffe für israelische Staatsangehörigkeit und jüdische Religion verwenden. Herr Kaniuk spricht ja bei Beidem von Judentum. Das führt dann leicht zu dem Missverständnis, es werde nicht unterschieden.

Ein Bekanntes Beispiel ist auch Albert Einstein, der sich selbst immer wieder als Jude bezeichnet hat, aber auch deutlich gesagt hat, dass er kein Monotheist (überhaupt kein Theist) ist. In der Öffentlichkeit geht Beides noch heute durcheinander.

Dieses Missverständnis trägt sicher dazu bei, dass Verständigung im nahen Osten so schwierig ist: Wer unter "jüdisch" eine Religion versteht, hat als Andersgläubiger (oder allgemein auch als säkular eingestellter Mensch) natürlich ein Problem damit, einen jüdischen Staat zu akzeptieren. Andererseits verwenden auch Menschen den Begriff vom "jüdischen Staat", die durchaus für eine Gleichberechtigung der Religionen sind. Da sehen dann die Unterschiede größer aus als sie, bei Lichte betrachtet, eigetnlich sind.

Damit bleibt die Religion Teil des Problems

"Die Realität ist jedoch viel komplizierter, man kann sowohl dafür und dagegen sein, gleichzeitig. Weil die Unzulänglichkeiten menschlicher Gesellschaften verschiedene konkurrierende Wahrheiten zur Folge haben."

Trotzdem ist es ein Unterschied, ob Menschen bereit sind, ihre "Wahrheiten" in Frage zu stellen und mit Andersdenkenden zu diskutieren oder ob sie (was mit Religion im Allgemeinen einhergeht) ihren Standpunkt unabhängig von Argumenten einnehmen. Wer an die Wahrheit heiliger Bücher und die Existenz eines höheren Wesens glaubt, das konkrete Anweisung an Menschen erteilt (z.B. vor langer Zeit Menschen (und deren Nachfahren) irgendwelches Land zugewiesen hat oder bestimmte Ernährungsweisen vorgibt), kann auf dieser Grundlage schlecht Einigung mit Andersdenkenden erzielen.

Sie machen es sich zu einfach.

Die wohl menschenverachtendsten Regime des 20 Jahrhunderts waren nicht nur areligioes, sondern sogar religionsfeindlich-Nationalsozialismus und Stalinismus.

Eine Abwesenheit von Religion bringt also beiweitem keinen automatischen Frieden.

Weiterhin sollten Sie ausfuehren, was sie mit israelischem Rassismus meinen.

In Israel leben Juden mit jeder ethnischen Herkunft von afrikanischen bis schwedischen ueber indische bis asiatische. Welchen Rassismus also meinen Sie?

Rassismus in Israel...

Abgesehen davon, daß die afrikanischen Juden in Israel natürlich auch ganz normalem Rassismus wegen ihrer Hautfarbe ausgesetzt sind, gibt es natürlich - und tun Sie nicht so, als sei Ihnen das nicht bekannt - den Rassismus gegenüber den nichtjüdischen Arabern.
Araber haben einfach nicht dieselben Chancen in Israel wie Juden. Sie können nicht einfach irgendwo ein Haus kaufen, haben schlechter bezahlte Arbeit, sind vom Militärdienst und damit so gut wie allen Beamtenjobs ausgeschlossen...wer es ganz hart ausdrücken will, könnte auch von faktischer Apartheid sprechen.

Es ist absurd von Rassismus zu sprechen

Selbst wenn - wie Sie meinen- die Araber in Israel Nachteile haben (was niemanden wundert, da viele dem Staat ja feindlich gegenueberstehen und ihn bereits in Kriegen verraten haben, wogegen die zum Staat loyalen Araber bis in die hoechsten Raenge im Militaer gelangen! - aber das wissen sie vermutlich alles und verschweigen es hier aus strategischen Gruenden),

ist es dennoch so, dass man dies wohl nicht als Rassismus bezeichen wuerde, weil die arabischen Juden, ja Ihrer Aussage nach besser behandelt wuerden, als ihre muslimischen Pendants. Das waere dann aber keine Rassismus, sondern vielleicht eine Ungleichbehandlung aufgrund der religioesen Zugehoerigkeit.

Religionen ohne Jenseits

Die wohl menschenverachtendsten Regime des 20 Jahrhunderts waren nicht nur areligioes, sondern sogar religionsfeindlich-Nationalsozialismus und Stalinismus.

Diese waren selbst Religionen, wenngleich ohne Jenseitsvorstellung, sonst wären sie anderen Religionen gegenüber nicht so unduldsam gewesen. Sie ähnelten in mancherlei Hinsicht bestimmten Ausprägungen des Christentums bzw. des Islam. Im Übrigen gab es zumindest unter Hitler eine Art pervertiertes Christentum, und er selbst wurde von vielen seiner Anhänger - sofern sie sich als Christen verstanden - als wiedergekommener Christus angesehen. Außerdem war eine Abart des altgermaischen Polytheismus erlaubt.
Stalin oder Mao duldeten in der Tat keine Götter neben sich.

Nicht sinnvoll...

es so zu sehen( Religion als Teil des Problems).
Das Problem ist grundsätzlich die Beschränktheit menschlicher Erkenntnis.
Letztlich ist jede Art von Erkenntnis mit dem gleichen Problem behaftet.
Natürlich ist es ein Problem, wenn die Kodifizierung von Religion zu eng gerät.
Ähnliches gilt aber auch für die Verfassung von Staaten und dem Rechtssystem.
Deshalb gibt es immer noch Naturreligionen und auch Diktaturen wie in Nordkorea.
Der Islam kämpft derzeit um eine zeitgemäße Interpretation und ist zerissen durch die Versuche einer mittelalterlichen Kodifzierung interessierter Kreise.
Die grundsätzliche Theologie jedoch ist sowohl im Islam als auch im Christentum immer noch modern zu nennen. Es gibt keine Kodifizierungen, die letztlich dem aktuellen Erkenntnisstand wiedersprechen und sie sind damit wissenschaftskonform. Das der Zeitgeist darüber hinaus geht (oder dahinter zurück bleibt (Islam)), ändert nichts an dieser Tatsache.
Auch wenn die vorherrschende Doktrin nicht dem Zeitgeist entspricht, ist sie prinzipiell immer noch anpassbar.

Man darf aber auch nicht vergessen, das der Zeitgeist wissenschaftlich gesehen machmal auf noch viel dünnerem Eis steht, als z.B. das Abtreibungsverbot der katholischen Kirche.
Es wäre auch nicht sinnvoll Wertesysteme die in Religionen verwaltet werden, kurzfristiger Anpassung zu unterwerfen, dafür haben wir staatliche Systeme. Für religiöse Anpassungen müssen sich Erkenntnisse deutlich länger bewähren. Und das ist gut so.

H.

besonders neu?

Im Interview wird der Terminus "Zionismus" null mal erwähnt.
Genau dieser begründete aber die Anwesenheit "jüdischer" Menschen in Palästina in der heute bekannten Form, und die Etablierung des israelischen Staates.
In meiner Schulzeit (DDR) wurde gelehrt, der Zionismus sei eine bürgerlich-nationale Bewegung. Trifft es das etwa nicht?
Selbstverständlich hat die zionistische Bewegung irgendwas mit der Religion zu tun. Kaniuk deutet das ja mit dem Verweis auf die Diaspora an.
Die Religion erzeugte die Diaspora, nur mit dieser gab es "Juden". Die Weltgeschichte dürfte wenige Beispiele haben, wo Migration und Minderheitenstatus über so lange Zeit nicht in den Untergang der kulturellen Identität führten.
Der Jeschuw in Palästina war die Gemeinschaft derer, die woanders die anderen waren. Hat das gezwungenermaßen etwas mit Religion zu tun? Man betrachte die Biografien der Akteure von vor 100 Jahren. Durch besondere Religiosität fallen die nicht auf. Auch im jüdischen Millieu wurde es seit dem 19. Jhd. säkular, als "anders" wurde man trotzdem weiterhin betrachtet. Deshalb die Forderung nach dem "Judenstaat".
Schweinehaltende Kibbuzim waren dann wohl kein Unding. Sozialistische Kibbuzniks waren schon immer mehr oder minder säkular. Die Klärung der nationalen Identität über die Religion war naheliegend - harte Gründe mögen woanders gelegen haben, die wirtschaftliche Nicht-Einheit mit den Arabern wurde ja zunehmend real.
Man schaue, wohin es sich entwickelt.

"Ein jüdisches Volk gibt es nicht.

Das Judentum ist eine Religion aber keine Nation." http://www.fr-online.de/p...

"Genau dieser begründete aber die Anwesenheit "jüdischer" Menschen in Palästina in der heute bekannten Form, und die Etablierung des israelischen Staates."

Das ist nicht korrekt. Die Anwesenheit in der "heutigen Form" ist das Ergebnis einer Strömung innerhalb des Judentums, die (wie Antisemiten) von der falschen Annahme ausgehen, es gäbe ein "jüdisches Volk".

"In meiner Schulzeit (DDR) wurde gelehrt, der Zionismus sei eine bürgerlich-nationale Bewegung. Trifft es das etwa nicht?"

Das trifft es nicht, da das Judentum keine Nation ist, sondern eine Religion.

Ich freue mich, dass es Menschen wie Herr Kaniuk gibt und sich gegen den religiösen Fanatimsus in Israel zur Wehr setzen.

Ein religiöser Fanatismus, der dazu führt, dass die Religion im Pass steht (in welchen Staaten gab und gibt es das auch?), dass der Staat religiöse Fanatiker beschützt, die in völkerrechtswidrig besetzten und annektierten Gebieten siedeln, dass die religiösen Fanatiker Urteile nicht einhalten müssen und an Feiertagen öffentliche Räume zwischen Männer und Frauen aufteilen (Straßen und Busse). http://www.jta.org/news/a...

Menschen wie Herr Kaniuk machen mir Hoffnung. Bravo!

Das zentrale Problem

Das Problem ist nur folgendes: 99,99 % aller jüdischen Israelis und 99,99 % aller Juden weltweit dürften anderer Meinung als Shlomo Sand sein und denken, dass es ein jüdisches Volk gibt. Was machen wir jetzt, geschätzer Mitforist? Alle im Irrtum?
In Wahrheit liegt in der Weigerung der "Israelkritiker", das jüdische Volk anzuerkennen, der wesentliche Grund für den Konflikt:
http://www.theatlantic.co...
Im Grunde ist es skandalös, hier eine solche Leugnung zu betreiben.

Einfach mal lesen

und zwar nicht nur zionistische Propaganda.

Auch wenn natürlich nicht "99,99 % aller jüdischen Israelis und 99,99 % aller Juden weltweit" (einen Beleg für diese putzige Behauptung gibt es natürlich nicht) denken, es gäbe ein "jüdisches Volk", hier ein Auszug aus dem Interview mit Prof. Sand:

Frage: "Die meisten Juden aber sehen sich doch als Mitglied eines Volkes und einer Religion."

Antwort: "Zionistische Historiker haben aus der Bibel, die ein theologisches, literarisches und moralisches Meisterwerk ist, ein Geschichtsbuch gemacht und den Mythos vom jüdischen Volk erfunden. Der Exodus des jüdischen Volkes aus Palästina im ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung hat aber nicht stattgefunden. Die jüdische Diaspora entstand nicht als Folge der Vertreibung von Juden, sondern durch Konversionen." http://www.fr-online.de/p...

Das Volk als Schicksalsgemeinschaft

Das Judentum ist eine Religion aber keine Nation." http://www.fr-online.de/p...

Nationen und Völker sind ganz generell künstliche Gebilde, von indigenen Völkern iUrwäldern oder Wüsten etc. einmal abgesehen. Auch ein palästinensisches Volk gibt es dem Sinne nicht; vor 1948 gab es arabische und jüdische Palästinenser, womit einfach die Bewohner des britischen Mandatsgebietes Palästina gemeint waren; den Begriff des Palästinensers im heutigen Sinn gibt es seit 1964, und dies beruht wohl darauf, dass man sich aufgrund der Nakba (arab. "Unglück", gemeint ist die Vertreibung aus der früheren Heimat im isr. Unabhängigkeitskrieg) als Schicksalsgemeinschaft versteht - wie die Juden (s.u.).

Andererseits bezeichnen sich auch die US-Amerikaner als Nation; wenn Sie den Juden mangels ethnischer Zusammengehörigkeit absprechen, ein Volk zu sein, so müssen Sie dies für die US-Amerikaner oder Kanadier erst recht.

Die Juden haben sich, wie jeder, der mal die Bibel gelesen hat, weiß, immer schon als Volk verstanden, und auch viele Agnostiker jüdischer Abstammung wie Einstein fühlten und fühlen sich zu einem jüdischen Volk zugehörig.
Hinzu kam und kommt die grassierende Feindlichkeit (bzw. Diskriminierung) gegenüber Juden in mehrheitlich nichtjüdischen Gesellschaften, egal ob sie religiös oder "rassisch" begründet wird. Sie hat zweifellos zum Selbstverständnis der Juden als Volk beigetragen (s.o.).

Trugschluss

"Andererseits bezeichnen sich auch die US-Amerikaner als Nation; wenn Sie den Juden mangels ethnischer Zusammengehörigkeit absprechen, ein Volk zu sein, so müssen Sie dies für die US-Amerikaner oder Kanadier erst recht."

Eben:

Sie vermischen die Begriffe "Nation" und "Volk". Es gibt ein us-amerikanisches Staats(!)volk, also eine us-amerikanische Nation.

"Nationen und Völker sind ganz generell künstliche Gebilde, von indigenen Völkern iUrwäldern oder Wüsten etc. einmal abgesehen. Auch ein palästinensisches Volk gibt es dem Sinne nicht"

Ich würde auch die "indigenen Völker" miteinschließen.

Vielleicht werden die Menschen eines Tages eben verstehen, dass es nur Menschen gibt und keine "Völker", "Ethnien", "Rassen", usw.

Diese Denkweise hat zu viel Unglück geführt und tut dies auch heute noch leider.

"Hinzu kam und kommt die grassierende Feindlichkeit (bzw. Diskriminierung) gegenüber Juden in mehrheitlich nichtjüdischen Gesellschaften, egal ob sie religiös oder "rassisch" begründet wird."

Und das ist ja gerade das Absurde:

Wenn sich Menschen jüdischen Glaubens als "andersartig" ansehen begehen sie den gleichen "Trugschluss" wie diejenigen, die Juden diskriminiert haben und diskriminieren.

Oder wie es Prof. Sand etwas zynisch feststellte:

"It is a bitter irony to see the descendants of Holocaust survivors set out to find a biological Jewish identity: Hitler would certainly have been very pleased!"

Hetze

Lieber Mitforist, 1. Wenn es nur "Staatsvölker" gibt: dann gab es vor der "Staatsgründung" Palästinas (die ja bekanntlich auch umstritten ist) keine Palästinenser. Auch gab es vor 1919 kein finnisches Volk, kein polnisches Volk, kein tschechisches Volk. Sehe ich das richtig, ja? Vor 1871 kein deutsches Volk? Alles ok, ja? 2. Shlomo Sand repräsentiert eine Mikrominderheit. Und er bespielt gekonnt die "Israelkritiker", die endlich einen "Kronzeugen" gefunden haben, dass Israel eigentlich ein Nazi-Staat ist. Wenig göaubwürdig ist der Mann.

Realitäten

Sie schreiben hier: "Vielleicht werden die Menschen eines Tages eben verstehen, dass es nur Menschen gibt und keine "Völker", "Ethnien", "Rassen", usw." Ja, das wäre möglicherweise wünschenswert. Aber man sollte doch auch einmal die Realitäten betrachten: wenige Staaten auf dieser Erde behandeln ihre Minderheiten (religiös, politisch, sexuelle Orientierung, etc...) so schlecht wie die arabischen Staaten. Was ist das Schicksal der Christen im Iran, im Irak, in Ägypten? Der Juden? Wie geht es Schwulen? vor diesem Hintergrund ist es etwas seltsam, gerade Israel entgegenzuhalten, es bestünde auf veralteten Ideen und sich zu wünschen, dass es eine "Einstaatenlösung" geben möge. In der Realität wäre eine Einstaatenlösung das Ende des Judentums im NO - oder zumindest die Reduzierung auf einen Helotenstatus. Ist das gewollt?

Irrtum

""In meiner Schulzeit (DDR) wurde gelehrt, der Zionismus sei eine bürgerlich-nationale Bewegung. Trifft es das etwa nicht?"

Das trifft es nicht, da das Judentum keine Nation ist, sondern eine Religion."

Da haben Sie aber den Zionismus nicht sehr gut studiert. Herzls Idee war durchaus die einer eigenen jüdischen Nation, ganz im Zeitgeist des Nationalismus des ausgehenden 19. Jh. Uns hat dieser Nationalismus in 2 Katastrophen geführt, den Israelis steht diese Erkenntnis noch bevor.

Selbstbestimmung

Sie schreiben hier: "Herzls Idee war durchaus die einer eigenen jüdischen Nation, ganz im Zeitgeist des Nationalismus des ausgehenden 19. Jh. Uns hat dieser Nationalismus in 2 Katastrophen geführt, den Israelis steht diese Erkenntnis noch bevor."
Dem kann ich nicht zustimmen: übersteigerter Nationalismus ist sicher eine schlechte Sache (auch wenn es doch etwas gekünstelt aussieht, den NS-Staat unter "Nationalismus" zu packen). Aber das heisst nicht, dass jede Nationalstaatsidee gleich schlecht ist. Alle Staaten in Europa und die meisten Staaten dieser Welt sind Nationalstaaten.
Das Grundgesetz fängt an mit den Worten: "Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben."
Die französische Verfassung: "Le peuple français proclame solennellement son attachement aux Droits de l’Homme et aux principes de la souveraineté nationale (...).La souveraineté nationale appartient au peuple qui l’exerce par ses représentants et par la voie du référendum."
USA: "We the people of the United States..."
CH: "Das Schweizervolk und die Kantone,(...) geben sich die folgende Verfassung"
Man sieht: nationale Selbstbestimmung ist etwas sehr angemessenes, demokatisches.

ja ich kenne noch eins

Also wenn ich mich nicht irre, hat der türkische "Personalausweis" (der erbärmlich aussieht) eine Spalte wo die Religion vermerkt ist. Da steht dann meist "Islam"; egal ob atheist oder ob sunnitisch, schiitisch etc..

Ich hab mich der empirie jetzt bedient anhand der Personalausweise meiner Eltern. Dini(Deutsch: Religion)oben auf der rückseite.

Mein Personalausweis ist irgendwie mit Adlern verziert......