ZEIT ONLINE: Vor einigen Tagen war Jom Kippur. Haben Sie gefeiert?

Yoram Kaniuk: Ich war nicht in der Synagoge. Ich persönlich feiere Jom Kippur nicht, aber das Fest gefällt mir, weil es so ruhig und friedlich ist und eine großartige Tradition hat.

ZEIT ONLINE: Kürzlich hat ein Gericht in Tel Aviv Ihnen erlaubt, als erster Israeli die Bezeichnung "ohne Religion" in Ihren Papieren zu führen. Warum war das so wichtig für Sie?

Kaniuk: Schon seit vielen Jahren widersetze ich mich der Idee, dass man nur über die Religion Teil der israelischen Gesellschaft werden kann. Ich bin der Meinung, dass Staat und Religion voneinander getrennt sein sollten. Im Judentum ist das eine sehr problematische Sache, weil man seit Hunderten von Jahren religiös zu sein hatte, wenn man jüdisch sein wollte. Und dagegen wehre ich mich. Ich liebe Israel und auch die jüdische Kultur und möchte ein Teil davon sein. Ich will nur nicht gezwungen werden, das in einer ganz bestimmten Art und Weise zu tun. Daher will ich, dass in meinem Pass "ohne Religion" steht.

ZEIT ONLINE: Das Innenministerium hat Ihr Anliegen zunächst abgelehnt. Wie hat man diese Entscheidung begründet?

Kaniuk: Sie haben gesagt, ich könne zum Islam übertreten oder Christ werden, aber es sei nicht möglich, das Judentum zu verlassen. Jüdisch zu sein bedeutet für sie, dass man als Jude geboren wird und auch als Jude stirbt, da gibt es keine Wahl.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Entscheidung des Gerichts in Israel aufgenommen worden?

Kaniuk: Es hat mich überrascht, dass mein Schritt so wichtig für so viele Menschen hier ist. Ich bekomme ständig Telefonanrufe. In den vergangenen Tagen habe ich mehr Interviews gegeben als in meinem ganzen Leben zuvor. Letzte Woche versammelten sich vier- bis fünfhundert Menschen in einem Gebäude in der Nähe unseres Wohnhauses. Sie wollten eine Petition an das Innenministerium unterschreiben, in der sie verlangen, dass in ihren Papieren auch "ohne Religion" stehen soll. Ich weiß natürlich nicht, wie viele von ihnen das dann tatsächlich weiterverfolgen werden. Aber es sieht so aus, als hätten die Menschen nur darauf gewartet, dass jemand macht, was ich getan habe. Der Schritt war überfällig.