NacktprotestKörper der Rebellion

Nackt solidarisch: Menschen unterstützen die Ägypterin Alia al-Mahdi und den Chinesen Ai Weiwei mit eigenen Fotos. Auf einem ist auch das Plakat eines Berliner Künstlers. von 

Zwei Akte erregten die Gemüter in den vergangenen beiden Wochen. Unabhängig voneinander hatten die ägyptische Bloggerin Alia Magda Al-Mahdi und der chinesische Künstler Ai Weiwei Nacktfotos von sich ins Internet gestellt. Danach wurden sie bedroht und verhört. Doch es gab auch eine Welle der Solidarität: User stellten eigene Nacktfotos ins Internet. Die Ägypterin al-Mahdi bekam auch Unterstützung aus Israel: 40 israelische Frauen zogen sich für sie aus. Vor sich hielten sie ein Banner in Arabisch, Hebräisch und Englisch: "Love without Limits. Homage to Aliaa Elmahdi. Sisters in Israel."

Hinter diesen Frauen ist ein Plakat zu sehen: "Show you are not afraid!" – Zeige, dass du keine Angst hast! Dieser Satz ist Kern des Protests. Der Slogan stammt von Rudolph W. Giuliani: Der damalige Bürgermeister von New York City forderte die Amerikaner mit diesem Satz nach den Attentaten vom 11. September 2001 auf, keine Angst zu zeigen. Die Gegenmaßnahme: Sie sollten einkaufen und essen gehen. Der Körper sollte ein Medium der Freiheit und der Rückgewinnung des öffentlichen Raums sein und als solcher präsentiert werden.

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Das Plakat mit dem Slogan "Show you are not afraid!" stammt von Mikael Mikael . Jeder kann es im Internet finden und ausdrucken. Mikael will, dass damit Spuren in der realen Welt gesetzt werden. Wer auch immer sein Plakat in den öffentlichen Raum hängt, soll es mit einem Foto dokumentieren und das Bild auf Mikaels Website hochladen, so seine Idee. Bislang wurden Plakate in Jerusalem in Sichtweite der Mauer fotografiert, auf Wachhäusern von Sicherheitsdiensten in Berlin, auf dem Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin und im Olympiadorf in München. An Orten, die konfliktträchtig scheinen, oder wo es Terroranschläge gab. So kann jeder zum Demonstranten und zum Künstler zugleich werden. Demonstranten wie Künstler versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das tun auch diejenigen, die sich mit eigenen Nacktfotos im Internet mit Alia al-Mahdi und Ai Weiwei solidarisieren.

Denn wer über seinen Körper frei verfügt, macht Herrschenden Angst. Umso mehr, wenn er sich nackt und damit in größter Verletzlichkeit und Intimität zeigt. So wird er zur schärfsten Waffe, zur Intervention gegen Unfreiheit und zum Akt globalisierten Protests. Auf den ersten Blick mag es nichts Neues sein, den nackten oder halbnackten Körper als Medium gegen Freiheitsbeschränkungen einzusetzen. Medien wie Spiegel Online stellen Ai Weiwei und al-Mahdi in eine Linie mit John Lennons und Yoko Onos Protest gegen den Vietnamkrieg, die ein bed-in im Pyjama aus dem sicheren Hotelbett heraus veranstalteten, und dem Protest der ukrainischen Frauengruppe Femen , die nackt auf zentralen Plätzen wie dem Majdan in Kiew gegen Sexismus protestiert. In Lebensgefahr begeben sich diese Menschen aber nicht.

Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Den wollte ich immer schon mal nackt sehen.

    Wir haben die Kunst, damit wir an der Realität nicht zugrunde gehen.
    Friedrich Nietzsche

    4 Leserempfehlungen
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    Die "Realität", die gibt es nicht. Denken Sie darüber nach!

  2. Die "Realität", die gibt es nicht. Denken Sie darüber nach!

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    Antwort auf "Danke"
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    jeder trägt die Verantwortung für seine eigene.

    zwischen Realität und Wirklichkeit, gemäß dem Thomas-Theorem.
    Zwischen konstruierter und selektiver Realität und Fakt.

  3. jeder trägt die Verantwortung für seine eigene.

    Eine Leserempfehlung
  4. wenn auch in China und in der arabischen Welt an allen Orten das nackte Fleisch prangen darf?
    Sind die einschlägigen Heftchen die Boten der Demokratie?

    Das "Show you are not afraid!" zu 9/11 zum Nacktprotest auffordert, dürfte Giuliani übrigens ziemlich wundern.

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    • aadam
    • 02. Dezember 2011 8:15 Uhr

    Vielleicht kein Bote, aber sicher ein Symptom.

    • aadam
    • 02. Dezember 2011 8:15 Uhr

    Vielleicht kein Bote, aber sicher ein Symptom.

    Antwort auf "Sind wir zufrieden,"
  5. .
    ... Nacktheit, Ihr Heftche-Ängstler, sondern um die Stirn, die den Unterdrückern dieser Welt damit geboten wird.

    Mahatma Ghandhi hat das zusammengefasst zu: "... und wenn sie mich töten, haben sie hinterher vielleicht meinen Leichnam, aber meine Würde bekommen sie nicht."

    Die Würde des Menschen ist, ganz entgegen der moralisauren, christlich-ängstlichen Moralvorstellungen, eben gerade NICHT von seiner Bekleidung abhängig.

    Eher sogar im Gegenteil, sonst würde gegen präpotente Uniformierte nicht stets und am besten helfen, sich diese in Unterhosen vorzustellen ...

    3 Leserempfehlungen
    • Calato
    • 02. Dezember 2011 11:06 Uhr

    Es ist mir völlig schleierhaft, warum um die Nacktheit stets so ein Bohei veranstaltet wird.
    Der Mensch ist von Gott nackt geschaffen und so für gut befunden worden. Und wer mit Gott nichts am Hut hat, der muss aber doch erkennen, dass der Mensch von Natur (sic!) aus nackt kreiert wurde. So ist er und nichts anderes. Dies ist sein Normalzustand, und jede Kleidung ist - natürlich neben Schutz - stets auch pure VERkleidung.
    Warum also wird die Nacktheit als derart störend, ja unerträglich und sogar gefährdend (wen und was auch immer gefährdend) wahrgenommen?
    Nun, wie man gerade in obigem Artikel sieht, ist der Umgang mit der Nacktheit bzw. ihre eigentlich sinnlose Tabuisierung ein wunderbares Instrument, den anderen an der kurzen Leine zu halten oder eben auch Repressalien auszusetzen. Das beginnt beim Nachbarn, dem man die Polizei auf den Hals schickt, wenn er sich nackt im Garten sonnt (was er übrigens darf), das manifestiert sich in den Religionen (auch in den christlichen), die die Nacktheit als Teufelswerk anprangern und einen so bestens unter die Fuchtel bekommen, und das findet jetzt eben auch seinen Niederschlag in Staaten wie China, denen alles gefährlich erscheint, was auch nur entfernt nach Freiheit riecht.
    Und der erste Schritt in die Unfreiheit ist eben, sich ohne sachlichen Grund bekleiden zu müssen.
    Das findet schließlich seine Karikatur in der Krawatte. Ein sinnloser bunter Strick, der die einen (guten) von den anderen (armseligen) scheiden soll.

    2 Leserempfehlungen
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    • rosalix
    • 05. Dezember 2011 14:28 Uhr

    da sie auf die absolute Gleichheit aller Menschen ebenso hinweist, wie auf dessen Verletzlichkeit als nacktes, sterbliches Tier. Dass wir Nacktheit als grundsätzlich anstößig definieren sagt etwas zu dem Verhältnis das Menschen zu Ihrem puren Tierkörper haben aus. Wir definieren uns gerne als etwas "anderes" erhöhtes, nehmen uns das Recht ewig leben zu wollen, Tiere zu töten ohne wirkliche Not, Menschen in Klassen verschiedener Wichtigkeit einzuteilen, meist mittels Uniformen, Kleidung genannt. Das Wesen des Menschen wird der Rangordnung geopfert. Wenn das in Frage gestellt wird, bekommen folglich die Herrschenden Angst. Der nackte Kaiser, der nackte Soldat und der nackte Politiker, wer sind sie denn noch?

  6. scheint wenig zu bringen.
    Siehe die ausgeprägte Nackkultur der DDR, demonstriert wurde letztlich mit Inhalten und bekleidet.
    Aber man träume weiter von Naturideal (der edle nackte Wilde, von Gott geschaffen sogar).
    Ghandi ist da auch kein geeignetes Beispiel, der hatte es nicht so mit der Nackheit, er hat sich lieber Kleiderstoff gesponnen, das war Teil seiner Vorstellung von Selbsbestimmung.
    Sex sells, das scheint der ganze Hintergrund zu sein für die Selbsentblätterer.

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