Film "Jane Eyre" Alte Welt, neue Liebe

Cary Fukunaga hat den Romanklassiker "Jane Eyre" neu verfilmt. Im Gespräch erklärt er, wie er die poetische Sprache und die Liebeswirren an die heutige Zeit anpasste.

Cary Fukunaga im November in Los Angeles

Cary Fukunaga im November in Los Angeles

ZEIT ONLINE: Jane Eyre von Charlotte Brontë ist einer der meistgelesenen Romane der Welt und wurde mehrfach verfilmt. Wie erzählt man so eine Geschichte neu?

Cary Fukunaga: Als ich mich entschied, Jane Eyre zu drehen, habe ich nicht an die anderen Verfilmungen gedacht. Nicht mal an die Jane Eyre von Robert Stevenson – obwohl das als Kind einer meiner Lieblingsfilme war. Ich denke nicht darüber nach, sie neu zu erzählen – ich will sie auf meine Art erzählen, auf meine Art visualisieren.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie an Jane Eyre fasziniert?

Anzeige

Fukunaga: Klassische Literatur ist sehr inspirierend, der Stil, die Prosa, der Sinn für Sprache. An Charlotte Brontë mag ich besonders ihren scharfen Humor – und ihre Beobachtungsgabe für Menschen. Manchmal denke ich, sie hat Menschen als Schafe wahrgenommen, als vorhersagbare Persönlichkeiten.

ZEIT ONLINE: Wie adaptiert man eine solch poetische Sprache für den Film?

Der Regisseur: Cary Fukunaga

Cary Joji Fukunaga wurde 1977 in Oakland geboren. Er studierte Geschichte an der University of California in Santa Cruz und Film an der New York University. In seinem preisgekrönten Debütfilm Sin Nombre (2009) erzählte er die Geschichte von Sarya und El Casper und ihrer illegalen Einwanderung von Mexiko in die USA. Während der Recherche und dem Schreiben des Drehbuchs fuhr Fukunaga selbst mit Migranten auf Zugdächern.
Jane Eyre ist sein zweiter Spielflim.

Der Film: "Jane Eyre"

Manchmal muss der Weg zurück in die Zukunft mit einer Flucht beginnen. Enttäuscht von dem dunklen Geheimnis ihres Bräutigams flieht Jane Eyre aus Thornfield, einem gespenstischen Herrenhaus, in dem sie glaubte, die Liebe gefunden zu haben. Jane Eyre findet Unterschlupf bei Pfarrer St. Rivers. Von hier an erzählt der Regisseur Cary Fukunaga Janes Geschichte in Rückblenden. Aufgewachsen bei ihrer kalten Tante, später abgeschoben in ein Internat, tritt Jane Eyre 19-jährig eine Stelle als Hauslehrerin in Thornfield an. Zwischen ihr und dem launischen Besitzer Edward Rochester besteht von Anfang an eine magische Anziehungskraft. Die Hauptrollen spielen hinreißend Mia Wasikowska (Alice im Wunderland) und Michael Fassbender (Hunger, Eine dunkle Begierde).

Fukunaga: Brontë war keine sparsame Autorin, und es ist schwierig, einen 20-Seiten-Dialog auf seine Essenz herunterzukochen, ohne die Schlüssel-Zeilen für das Drehbuch zu verlieren. Um alles zu verstehen, muss der Zuschauer vielleicht ein bisschen aufmerksamer sein als sonst.

ZEIT ONLINE: Der Zuschauer nimmt die Geschichte aus Jane Eyres Perspektive wahr. Er ist ganz nah bei ihr, etwa als sie Rochester trifft, und auch, als sie nach ihrer Flucht aus Thornfield an die Tür des Priesters St. Rivers klopft und sagt, sie wolle sterben.

Fukunaga: Der Roman ist in der ersten Person geschrieben, Jane spricht den Leser direkt an. Und so ist auch der ganze Film aus Janes Perspektive gedreht. Es gibt eigentlich keine Szene, die sie nicht mit ihren eigenen Augen gesehen hat. Nur einmal haben wir damit gebrochen: als Rochester in ihr Zimmer kommt. Falls der Zuschauer fühlt, was sie fühlt, habe ich erreicht, was ich wollte.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film betonen Sie das Unheimliche. In der ersten Szene öffnet Jane Eyre die Tür, tritt aus der Dunkelheit ins Licht und rennt aufgewühlt in die Natur. Im Hintergrund thront Thornfield wie ein Gespensterschloss.

Fukunaga: Das ist auch im Roman ein Moment, in dem sich einem die Haare sträuben. Er erzählt etwas darüber, wie Jane Sterblichkeit wahrnimmt und die Kontinuität der natürlichen Existenz: Leben und Tod, Leben und Tod. Die Toten sind die ganze Zeit mit uns, zum Beispiel Jane Eyres Mutter und ihre Freundin Helen Burns.

Als Jane durch den Wald geht, kurz bevor sie Rochester das erste Mal trifft, fliegt plötzlich ein Fasan auf. Haben Sie sich als Zuschauerin da nicht auch gefürchtet? Das sind die kleinen Dinge des realen Lebens. Wenn ich als Kind im unteren Stockwerk das Licht ausschalten musste, rannte ich danach die Treppe hoch. Man braucht keine Geister, um Angst zu haben. Es liegt in unserer Natur, die Dunkelheit zu fürchten. Solche beängstigenden Momente wollte ich zeigen, keinen Horror.

Leser-Kommentare
  1. Der Film lässt wichtige Punkte des Romans komplett aus. So kommt z.B. nicht zum Tragen, wie das Verhältnis zu Janes Lieblingslehrerin ist. Die überragende Intelligenz von Helen Burns trotz ihrer Unterdrückung wird ausgelassen. Die gute Freundschaft mit den Schwestern von St. John fehlt. Usw.
    Das ist vielleicht auch einfach so, weil man in 90 Minuten eben keinen 700 Seiten Roman packen kann.

    Und ich sehe eins etwas anders als der Regieseur: In ihrer Zeit war sie nicht überdurchschnittlich spirituell. Das wäre sie vielleicht heute: Eine Ausname. Im Gegenteil, sogar im Roman selbst werden einige sehr spirituelle Menschen genannt, wie eben St. John, oder z.B. Helen Burns.

    PS.: Ich glaube im Film hat Mr. Rochester auch am Schluss auch keine Hand verloren.

    • JayJ
    • 29.11.2011 um 12:39 Uhr

    Wird eine Literaturverfilmung auschließlich anhand des Kriteriums Werktreue beurteilt, kann der Film gegenüber der Buchvorlage nur verlieren. Spannender ist vielmehr, wie Filmemacher_innen die Vorlage interpretieren, welche Aspekte sie hervorheben und wie sie diese mit den filmischen Mitteln wie Bild, Dialog, Musik, Kameraführung, Filmschnitt, etc. umsetzten. Letztendlich sind Buch und Film eigenständige Werke.

    Ursprünglich neugierig geworden bin ich auf diese Verfilmung aufgrund der Besetzung mit Mia Wasikowska und Judy Dench. Im Interview mit dem Regisseur Cary Fukunaga kommt auf jeden Fall sein recht eigener Bezug und Auseinandersetzung zum Stoff durch. Ich bin gespannt.

  2. O doch, er hatte eine Hand verloren, daran kann ich mich noch aus dem Buch erinnern.
    Aber seltsam, dass es wieder eine Verfilmung gibt - wahrscheinlich weil heute so viel mehr Bücher geschrieben als damals, aber sehr viel weniger mit so viel Tiefe und Intensität...

    • GretaG
    • 07.12.2011 um 15:29 Uhr

    Die neue Verfilmung hat mir sehr gut gefallen, obwohl der Film zu kurz ist. Meiner Meinung nach hat Fukunaga den Roman sehr gut interpretiert. Was mir besonders gefallen ist, die Dialoge zwischen Eyre und Rochester.

    Vielleicht ist diese Verfilmung kein Meisterwerk aber auf jeden Fall empfehlenswert.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service