Cary Fukunaga im November in Los Angeles © Kevin Winter/Getty Images

ZEIT ONLINE:Jane Eyre von Charlotte Brontë ist einer der meistgelesenen Romane der Welt und wurde mehrfach verfilmt. Wie erzählt man so eine Geschichte neu?

Cary Fukunaga: Als ich mich entschied, Jane Eyre zu drehen, habe ich nicht an die anderen Verfilmungen gedacht. Nicht mal an die Jane Eyre von Robert Stevenson – obwohl das als Kind einer meiner Lieblingsfilme war. Ich denke nicht darüber nach, sie neu zu erzählen – ich will sie auf meine Art erzählen, auf meine Art visualisieren.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie an Jane Eyre fasziniert?

Fukunaga: Klassische Literatur ist sehr inspirierend, der Stil, die Prosa, der Sinn für Sprache. An Charlotte Brontë mag ich besonders ihren scharfen Humor – und ihre Beobachtungsgabe für Menschen. Manchmal denke ich, sie hat Menschen als Schafe wahrgenommen, als vorhersagbare Persönlichkeiten.

ZEIT ONLINE: Wie adaptiert man eine solch poetische Sprache für den Film?

Fukunaga: Brontë war keine sparsame Autorin, und es ist schwierig, einen 20-Seiten-Dialog auf seine Essenz herunterzukochen, ohne die Schlüssel-Zeilen für das Drehbuch zu verlieren. Um alles zu verstehen, muss der Zuschauer vielleicht ein bisschen aufmerksamer sein als sonst.

ZEIT ONLINE: Der Zuschauer nimmt die Geschichte aus Jane Eyres Perspektive wahr. Er ist ganz nah bei ihr, etwa als sie Rochester trifft, und auch, als sie nach ihrer Flucht aus Thornfield an die Tür des Priesters St. Rivers klopft und sagt, sie wolle sterben.

Fukunaga: Der Roman ist in der ersten Person geschrieben, Jane spricht den Leser direkt an. Und so ist auch der ganze Film aus Janes Perspektive gedreht. Es gibt eigentlich keine Szene, die sie nicht mit ihren eigenen Augen gesehen hat. Nur einmal haben wir damit gebrochen: als Rochester in ihr Zimmer kommt. Falls der Zuschauer fühlt, was sie fühlt, habe ich erreicht, was ich wollte.

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ZEIT ONLINE: In Ihrem Film betonen Sie das Unheimliche. In der ersten Szene öffnet Jane Eyre die Tür, tritt aus der Dunkelheit ins Licht und rennt aufgewühlt in die Natur. Im Hintergrund thront Thornfield wie ein Gespensterschloss.

Fukunaga: Das ist auch im Roman ein Moment, in dem sich einem die Haare sträuben. Er erzählt etwas darüber, wie Jane Sterblichkeit wahrnimmt und die Kontinuität der natürlichen Existenz: Leben und Tod, Leben und Tod. Die Toten sind die ganze Zeit mit uns, zum Beispiel Jane Eyres Mutter und ihre Freundin Helen Burns.

Als Jane durch den Wald geht, kurz bevor sie Rochester das erste Mal trifft, fliegt plötzlich ein Fasan auf. Haben Sie sich als Zuschauerin da nicht auch gefürchtet? Das sind die kleinen Dinge des realen Lebens. Wenn ich als Kind im unteren Stockwerk das Licht ausschalten musste, rannte ich danach die Treppe hoch. Man braucht keine Geister, um Angst zu haben. Es liegt in unserer Natur, die Dunkelheit zu fürchten. Solche beängstigenden Momente wollte ich zeigen, keinen Horror.