Popmusik und WerbungDie Hofnarren von heute

Früher haben die Plattenfirmen junge Musiker aufgebaut, heute machen das Großkonzerne aus der Lifestyle-Branche: Wie Werbung und Sponsoring den Pop verändern. von Nadine Lange

Die Sängerin Erykah Badu zu Gast bei der Red Bull Music Academy

Die Sängerin Erykah Badu zu Gast bei der Red Bull Music Academy  |  © Red Bull Music Academy

Werbung? Niemals! Derart prinzipienfest gab sich Björk unlängst in einem Interview zu ihrem Multimediaprojekt Biophilia . Ja, Steve Jobs habe sie ein paar Mal überreden wollen, ihre Songs für Werbung freizugeben, aber sie habe immer abgelehnt. "Ich bin eben ein alter Punk. Ich lasse mir ja nicht mal meine Tourneen von Sponsoren finanzieren", sagte die isländische Sängerin. "Mir geht es auch um Integrität. Da bin ich ganz altmodisch. Ich finde es beschämend, wenn ich Musiker, die ich bewundere, in Werbeclips sehe."

Eine solche Einstellung muss man sich leisten können. Björk, deren größte Erfolge in die neunziger Jahre fielen, gehört zur letzten glücklichen Generation, die einen Großteil ihrer Einnahmen noch mit dem Verkauf von Platten erzielte. Im Downloadzeitalter ist der Tonträgermarkt jedoch stark eingebrochen. Allein zwischen 2001 und 2010 ging in Deutschland der jährliche Albenabsatz von etwa 213 Millionen auf 115 Millionen Stück zurück. Die wachsenden Umsätze mit digitalen Angeboten können das nicht ausgleichen.

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In dieser Dauerkrise müssen sich Musiker nach anderen Einnahmequellen umsehen. So spielen sie häufiger live. In Sachen Umsatz hat der Konzertmarkt den Tonträgervertrieb bereits überholt . Als weitere Option etablieren sich seit einiger Zeit diverse Formen des Sponsorings. Die häufigste Variante sind Konzerte, die von Markenartikelherstellern veranstaltet werden . Zuletzt gab es in Berlin eine ganze Reihe solcher Events: Ein Getränkehersteller ließ Mando Diao und Culcha Candela gratis am Brandenburger Tor auftreten, ein Modelabel brachte Uffie, Of Montreal und The Rapture auf die Bühne, und vor einer Woche organisierte ein Wodkaproduzent eine Party mit CSS und Snap.

Diese Auftritte werden sehr gut bezahlt. "Das nimmt jede Band gerne mit. Da geht es nur ums Geld", sagt Johanna Ohrt, beim Berliner Konzertveranstalter Trinity Concerts zuständig für das Booking. Sie sieht die gesponsorten Konzerte nicht als Konkurrenz, weil diese Gigs außerhalb der normalen Tourneen stattfinden. Zudem sei den Bands klar, dass die hohen Gagen Ausnahmen seien.

Eine Pionierin auf dem Gebiet der gesponsorten Konzerte ist die Telekom, die bereits seit elf Jahren ihre Electronic Beats Festivals veranstaltet. In ganz Europa bringt sie Künstler aus der elektronischen Szene auf die Bühnen. Derzeit stehen unter anderem die Apparat Band , Lamb, Buraka Som Sistema , Zola Jesus und The Drums auf dem Programm. Die Line-ups der Festivals sind geschickt auf die Fans des Genres zugeschnitten, wie auch sonst das Popengagement der Telekom einen cleveren Eindruck macht.

Das Unternehmen gibt unter anderem seit sechs Jahren ein englischsprachiges Gratismusikmagazin heraus. Max Dax, früher Spex -Chefredakteur, leitet seit dem Sommer die Geschäfte und hat den etwas hochtrabenden Untertitel Conversations on Essential Issues eingeführt. Eine solche essenzielle Unterhaltung führte das Magazin mit Björk, die auch auf dem Titel der aktuellen Ausgabe zu sehen ist. Ihre antikommerzielle Punkrockeinstellung hat sie offenbar kurzzeitig vergessen, denn rechts über ihrem Kopf schwebt das magentafarbene Logo des Konzerns. Immerhin: Es ist sehr dezent. Auch sonst wird man beim Lesen nicht ständig daran erinnert, dass man es mit dem Marketingtool eines Telekommunikationsunternehmens zu tun hat – so geht Werbung 2.0.

In den Frühzeiten des Popsponsorings sah das anders aus. "Damals war es oft ein Albtraum, wenn Marken und Musik aufeinandertrafen", erinnert sich Tim Renner, einst Deutschland-Chef von Universal Music und heute Inhaber von Motor Entertainment. Schaudernd erzählt er von der peinlichen Werbung, die die Fantastischen Vier in den Neunzigern für eine Saftmarke machten. Das brachte den Stuttgarter Rappern einen Imageschaden und dem Getränkehersteller nichts. Wer sein Produkt durch Musik "emotional aufladen" möchte – wie es im Branchensprech heißt – müsse sehr genau aufpassen, welche Knöpfe er drücke, sagt Renner.

Leserkommentare
    • ikonist
    • 15. November 2011 13:04 Uhr

    die marschmusik des turbo- kapitalismus

  1. Auch wenn das einige Leute wundert: Auch Musiker wollen von Ihrer Arbeit leben. Wo ist das Problem? Es kommt doch einzig und allein auf die Qualität der Musik an. Der Kommentar von Björk ist im Übrigen heuchlerisch.

    • ach_
    • 17. November 2011 11:33 Uhr
  2. Justin Bieber und Co. ist man ja schon froh, wenn die Musik gut ist und die Sänger singen können!!

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  • Schlagworte Tim Renner | Telekom | Werbung | Dax | Popmusik | Steve Jobs
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