Frage:Thea Dorn und Richard Wagner, Sie haben ein Buch mit dem Titel Die deutsche Seele herausgebracht. Der Dramatiker Arthur Schnitzler hat vor 100 Jahren die Seele jedes Menschen ein "weites Land" genannt. Lässt sich denn in Deutschland eine kollektive, nationale Seele finden?

Richard Wagner: Das kommt auf den Versuch an. Nach der totalitären Barbarei des Nationalsozialismus ist die Frage nach einer tieferen deutschen Identität in Geschichte und Kultur jahrzehntelang entweder verdrängt oder in der Dimension verkürzt worden.

Thea Dorn: Natürlich liegt der Schatten des Nationalsozialismus auf der deutschen Seele. Viele finden es auch schlicht uncool, sich mit diesem vermeintlich altmodischen Ding namens Seele zu beschäftigen. Gerade nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung hat sich aber gezeigt, dass es falsch war, vor allem auf das Materielle zu setzen. Wenn die Deutschen in Ost und West nur das Geld vereinte, dann stünden wir auf hohlem Boden. Man sieht die Probleme jetzt in Europa. Gesellschaften brauchen als Halt eine untergründige Verbundenheit, die wir einfach mal Seele nennen.

Wagner: Bei der Wiedervereinigung spielte die Kulturnation erst mal keine Rolle. Dabei ist das ein Begriff, der den deutschen Seelenhaushalt nachhaltig bestimmt hat. Die Kulturnation war nicht nur am Weimarer Musenhof um Goethe und Schiller der Ersatz für die fehlende politische Nation, sie möbilierte auch die deutsche Innerlichkeit, während man draußen in der Politik nur Zaungast der bürgerlichen Revolution der Franzosen war. Martin Walser bezeichnete die Kulturnation 1988 noch barsch als "Abfindungsformel". Aber was sie ausmacht, wäre jetzt von stärkstem Interesse für die aktuelle Integrationsdebatte.

Frage: Ist der 9. November, der beim Mauerfall 1989, in der Pogromnacht 1938, bei der Ausrufung der Republik 1919 und schon bei der gescheiterten bürgerlichen Revolte 1848 ein Tag der Freude oder der Schande war, so etwas wie der deutsche Allerseelentag?

Richard Wagner © Arno Burgi/dpa

Wagner: Es hat Symbolkraft, dass ein Tag wie dieser mit so unterschiedlichen Gesichtern durch unsere Geschichte geistert. Symbole dienen der Selbstvergewisserung. Alle Identitätsdebatten, die nach 1989/90 in der "Berliner Republik" geführt wurden, kreisten jedoch um den Holocaust, die NS-Diktatur oder den Stasi-Staat. Davor gähnt ein riesiges Loch.

Dorn: Das 20. Jubiläum des Mauerfalls in Berlin war doch blamabel. Da hatte die Bundesregierung die Festveranstaltung vor dem Brandenburger Tor an das ZDF und eine Eventproduktionsfirma verkauft. Es wurde eine von Thomas Gottschalk moderierte x-beliebige TV-Show, schlechter als "Wetten, dass...?" auf Mallorca, schon wegen des Wetters. Was für eine Selbstvergessenheit ist am Werk, wenn wir an ein so zentrales Ereignis, der eigenen Geschichte, an einen ursprünglich utopischen Aufbruch nach 20 Jahren nur noch in banalsten Formen zu erinnern wissen. Das hat auch mit unserer Scheu vor dem Pathos zu tun.