800 Jahre Thomanerchor Eine Kindheit für die Musik

Der Leipziger Thomanerchor feiert sein 800-jähriges Bestehen. Ein Dokumentarfilm und viele Veranstaltungen begehen das Jubiläum.

Für die Jungs vom Thomanerchor aus Leipzig wird das Leben 2012 noch aufregender und anstrengender, als sie es ohnehin schon gewohnt sind. Denn die Thomana, also die Thomaskirche, die Thomasschule und der Chor selbst, feiern in diesem Jahr ihr 800-jähriges Bestehen. Im März wird der neue Campus Forum Thomanum eingeweiht, außerdem haben die Thomaner ihre schärfsten Knabenchorkonkurrenten zu einer Festwoche eingeladen: die Regensburger Domspatzen, den Dresdner Kreuzchor, die Wiener Sängerknaben, den King's College Cambridge und St. Thomas Boys Choir New York.

Rivalität herrscht zwischen Dresdner Kreuzchor und Thomanerchor übrigens nicht nur beim Singen, sondern auch auf dem Fußballplatz, wie ein Dokumentarfilm zeigt, der am 16. Februar in die Kinos kommt. Ein Jahr lang haben Paul Smaczny und Günter Atteln den Chor begleitet. In stimmungsvollen, ruhigen Bildern zeigen sie, was es heißt, ein Thomaner zu sein: Vor allem geht es um den Zusammenhalt zwischen den Jungen, die neben dem üblichen Schulstress auch noch täglich proben. Der Leistungsdruck ist hoch, denn der Chor tritt weltweit auf. Der straffe Zeitplan im Internat, der für das Mittagessen nur 15 Minuten vorsieht, erlaubt kaum Freizeit. Jungen im Alter von neun bis 19 Jahren leben im Alumnat zusammen, und besonders die Jüngsten haben oft mit Heimweh zu kämpfen.

 

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Die Pracht ihres Hauptarbeitsplatzes, der barocken Thomaskirche, steht dabei in starkem Kontrast zur nüchternen Ausstattung des Alumnats, durch dessen Gänge zum Weck auch schon mal Heavy Metal dröhnen kann. Das Alumnat, in dem der Chor wohnt, wird zurzeit umgebaut, da die Jungen heutzutage mehr Platz bräuchten als früher. "Eine Situation, nicht immerzu der Choröffentlichkeit ausgeliefert zu sein", soll geschaffen werden, sagt der Kantor Georg Christoph Biller.

Wie eine Kindheit im Zeichen der Musik für die Thomaner im Laufe der Jahrhunderte aussah, zeigt ab dem 19. März die Ausstellung Jauchzet! Frohlocket! im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. Im Februar und März sind die Thomaner auf ihrer Jubliäumstournee durch Asien und Europa. Thomaskirche und Thomasschule begehen das Jubiläum dann mit Festwochen im September und Anfang November.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Auch eine Möglichkeit die Kinder abzuschieben und sich später mit den Errungenschaften eben dieser Kinder zu brüsten.

    Besser wäre eine Kindheit mit Musik, statt eine für die Musik...

  2. jungs...ich verzichte auf spekulationen und unterstellungen weil ich keine quellen habe dafür, was vielleicht auch diesen buben hinter geschlossenen mauern widerfährt. aber tradition geht über alles.

    • js.b
    • 17.01.2012 um 0:30 Uhr

    Na, da haben sich ja offenbar zwei Experten gefunden.

    Man könnte aber auch ausnahmsweise mal Herrn Nuhr beherzigen.

  3. für diesen - wie ich finde - gelungenen Artikel. Zu ergänzen wäre (was aber sicher den Umfang ihres Artikels gesprengt hätte),dass es bei den "den Thomanern" nicht nur um das Alumnat an sich geht, sondern natürlich ebenso um die uralte Tradition der Thomasschule, einem, abgesehen von Musik, humanistisch-altsprachlich geprägten Gymnasium, dessen Name auf den Apostel Thomas zurück geht. Diese wurde im Jahre 1212 gegründet und ist somit mit ihrem diesjährigen 800jährigen Jubiläum DIE (!!) älteste öffentliche Schule D'land's ÜBERHAUPT.

    Sie zählt zu einer der leistungsstärksten und traditionsreichsten Bildungseinrichtungen Mittel-D'land's. Mit 5 Einserkandidaten brachte der Abgangsjahrgang 2010 den deutschlandweit besten Abiturdurchschnitt hervor.

    Zu den mehr als 200 berühmten und z.T. heute noch bekannten Persönlichkeiten, die als Schüler dort waren, gehören, um nur wenige zu nennen:

    der Barockdichter Fleming
    der Komponist Carl Phillip Emanuel Bach
    der bekannte Enzyklopädie-Herausgeber Alfred Brockhaus
    der Physiker Baedeker
    der Widerstandskämpfer gegen Hitler, Carl Cramer

    u.v.m.

    Die Thomasschule gab und gibt ihren Schülern einen stark ausgeprägten christlich-ethischen Wertekanon mit in's Leben.
    Weshalb viele "Ehemalige" ihrer Schule ihr ganzes Leben lang durch die Mitgliedschaft im sogenannten Thomanerbund in Dank und Treue verbunden bleiben.

  4. Geschichtlich interessant ist, das von 1935 - 1945 Alfred Jentzsch Rektor der Schule war und Goerdeler, der damalige Bürgermeister Leipzig's, sich für diesen einsetzte. Dieser vertrat eine ausgeprägt christl. Erziehung und versuchte, die Weltanschauung der Hitlerjugend vom Thomanerchor abzuwenden.

    Nach dem Krieg wurde bekannt, dass einige ehemalige Schüler der Thomasschule dem konservativ-militärischen Goerdeler-Kreis um den Widerstandskämpfer Karl Friedrich Goerdeler nahe standen.

    Fünf (!!!) dieser ehemaligen Schüler waren in die Umsturzpläne des 20. Juli 1944 eingeweiht, beteiligten sich aktiv und wurden nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

    Alles in allem also eine sehr geschichtsträchtige Schule.

    Und in unserem von Kaugummikauen, Zigarettenrauch, Cyberspace, I-pods, Mobilephones, Internetmobbing, Hyperindividualismus und Jeansjackentragendem Ellenbogengehabe unter Teenies durchwirkten Zeitalter vielleicht so etwas wie eine der letzten "Bastionen" gegen die "coole" "Moderne".

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