Dschungelcamp : Der Widerspenstigen Zähmung im Wald

Im Dschungelcamp treffen Silikon, Botox und Affektkontrolle auf ihre natürlichen Feinde: Ekel, Angst und Hunger. Welch erhebendes Theater!
Angst und Ekel: Das Fotomodell Micaela Schäfer während seiner ersten Dschungelprüfung © RTL/Stefan Menne

Lady Gagas Kopfhaut brennt, wenn sie sich die Haare blondiert. Paris Hilton stolpert, wenn sie betrunken ist. Beyoncés Bauch wird rund, wenn sie ein Baby erwartet. Damit hätte wirklich niemand gerechnet, leben doch diese Show-Frauen so weit entrückt von aller Normalität, dass schon ihre Essensaufnahme medial begleitet werden muss.

Sie haben Körper und Geist diszipliniert, sich für jeden Auftritt schöne Kleider und nette Worte zurechtgelegt, lächeln, winken, lächeln, winken. Kunstvolle Exponate auf dem roten Teppich. Das Publikum freut sich an dem hübschen Theater, aber noch mehr an den Momenten, da sich das Menschliche Bahn bricht. Wir alle lieben es, wenn das Künstliche vom Natürlichen entblößt wird. Als kürzlich eine Dortmunder Raumpflegerin eine Installation von Martin Kippenberger wegwischte : große Erheiterung (außer bei den Erben des Künstlers)! Die reine, respektive reinigende, Vernunft obsiegte die Inszenierung.

Dasselbe Prinzip sichert dem Dschungelcamp alljährlich seine Einschaltquoten. Wobei hier das Fernsehpublikum solche Momente der Entzauberung sogar selbst ungestraft herbeiführen darf. Die Zuschauer entscheiden, welches der freiwilligen Exponate dem Realitätstest unterzogen wird. Keine Frage, zuallererst müssen die besonders kunstfertigen Exemplare untersucht werden: Wer im Verdacht steht, seine Gefühlsströme profitbringend zu kanalisieren oder seinen Körper abnormal zu modellieren, wird in die Dschungelprüfung gewählt. Silikon, Extensions, Botox, Kreisch und Zick begegnen ihren natürlichen Feinden Ekel, Angst, Hunger, Schmerz. Was bleibt, wenn die Würmer kommen? Bricht der Wille zur Selbstinszenierung wie die Plastikfingernägel?

Es ist die Rache der Natur an ihren Bezwingerinnen. Oder andersherum: der Widerspenstigen Zähmung mit den Mitteln des Waldes. Aber was wäre die Welt ohne Maskenspiel und Theater? Liegt die Künstlichkeit zitternd in ihrem Erbrochenen, kann sich das Publikum edelmütig erheben und in seiner neuen Rolle aufgehen: Wie herrlich, so ein Dschungelabend! , denkt sich das bürgerliche Exponat in seinem Fauteuil vor der Bücherwand.

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Kommentare

84 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Ehrlich gesagt...

...kann ich gut verstehen, dass manche Leute gern zuschauen, wie sich B- und C-Promis systematisch dekonstruieren.

Was ich nicht verstehe, ist dass es B- und C-Promis gibt, die das machen, nachdem sie schon ausführlichst das (unvorteilhafte) Schicksal ihrer Vorgänger inspizieren durften. Sind die alle jung und brauchen das Geld?

Ehrlich gesagt...

Bei mir ist es genau anders herum. Ich kann nicht verstehen, wie man seine wertvolle Zeit mit so einem Blödsinn vertrödeln kann. Ich kann aber sehr wohl verstehen, dass die Y und Z Promis, die ihre besten Tage weit hinter sich gebracht haben, die Chance nutzen, um ihr leeres Konto noch mal aufzubessern. Ist scheinbar leicht verdientes Geld. Und ihr Ruf ist eh schon ruiniert. Evt. reicht es dann noch mal für ein Kurzcomeback, bevor es dann endgültig vorbei ist mit der Karriere. Aber wenigstens wissen sie, das Geld muss solide angelegt werden, denn danach kommt nichts mehr.

Haben sich jetzt die Zuständigkeiten geändert?

War nicht die Bild, RTL&Co für diese Idiotie zuständig. Warum muss man das auch noch hier schreiben. Studiert man Heute Journalismus nur, um dann so etwas zu schreiben? Man muss sich ja nicht jeden Tag "Krieg und Frieden" antun, aber muss es den gleich so flach sein.

Das können Sie sich jetzt nicht vorstellen, aber

...manche Leute sehen auch fern, ganz ohne etwas lernen zu wollen. Aber ganz nebenbei erfahren sie beim Dschungelcamp mehr über Menschen als aus so manchem Tatort, oder wie die biederen Formate sonst so heißen.

Letztes Staffel konnte man beobachten wie ein hochangesehener Schauspieler (gerade kein C-Promi) einen charakterlichen Totalzusammenbruch erlebte und zum aggressiven Mobbing-Täter mutierte. Das war tatsächlich mal ein Stück wahres Leben im Fernsehen.

Doch, natürlich kann ich mir das vorstellen.

Ich gucke auch ab und zu Fernsehen nur zur Unterhaltung. ;-)
Das Problem, das ich in der Sendung hier sehe, ist nicht, dass die Sendung nicht lehrreich ist, sondern dass sie ja gerade die Natur (zu der nun mal auch Krabbeltiere gehören) äußerst schlecht darstellt und leider nicht alle Zuschauer wissen, wie schön sie wirklich ist.

Ebenso ist es ja auch auf anderen Sendern, wo Privatermittler Schusswaffen tragen. Natürlich, verboten ist diese Darstellung nicht, nur realitätsfern. Aber es fördert Klischees, die manche Leute ernsthaft verärgern könnten. Dasselbe auch zu den Landwirten in "Bauer such Frau", die anfangs eher dümmlich und sehr... robust gebaut dargestellt wurden. Da gab es schon ernsthafte Kritiken.

Ich selbst betreibe Kampfsport (Karate), und jedes Mal wenn man einem Laien davon erzählt, fängt er an mit gestreckten Händen rumzufuchteln und "Hai ja hu ha" zu schreien. Verletzen tut mich das nicht, aber es zeigt, welchen klischeebildenden Einfluss die Medien z.B. auf das Ansehen dieses Sports haben.

Gääähn

Wo wollen Sie bitte schön ihre Medaille angeheftet haben?

Wenn es um "Realismus" im Fernsehen ginge, würden Polizisten ständig zu Fehlalarmen und Betrunkenen fahren und anschließend stundenlang im Kämmerlein Berichte schreiben.

Lächerlich, wie sich mancher aufspielt und im Olymp wähnt, nur weil er vermeintlich "anspruchsvolle" Gazetten wie die ZEIT, SPIEGEL und FAZ liest - die allesamt meist nur Durchschnittliches leisten - und auch angeblich nur 3SAT, ARTE und die Tagesschau schaut.

Sog. "E" und "U"-Kultur ist bei einigermaßen hellem Kopf durchaus vereinbar. Diese ständige Scheindebatte ist unerträglich. Die zahnlosen Kritiker solcher Sendungen leiden an Minderwertigkeitskomplexen und sollen sich sich ruhig in ihren schweinsledernen Folianten vergraben...