Film "Ziemlich beste Freunde"Die Lebenslust und nichts anderes

In Frankreich fast schon ein Jahrhundert-Hit: Die Komödie "Ziemlich beste Freunde" versöhnt Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Banlieue und Palais. von David Assmann

Der Pfleger Driss (Omar Sy, rechts) bringt Philippe (François Cluzet) zum Kiffen.

Der Pfleger Driss (Omar Sy, rechts) bringt Philippe (François Cluzet) zum Kiffen.  |  © Senator Film

"Nimm dich in Acht, solche Leute kennen kein Mitleid", warnt ein Freund den schwerreichen Aristokraten Philippe (François Cluzet). Dabei ist es doch genau das, was Philippe am vorbestraften Senegalesen Driss (Omar Sy) so schätzt. Der Querschnittsgelähmte hat das Mitleid satt, mit dem die Leute ihm begegnen, und er kann die Betroffenheit seiner Pfleger nicht mehr ertragen. Warum sollte auch für Menschen, die beruflich Behinderte pflegen, nicht gelten, was für Türsteher, Flugbegleiterinnen und etliche anderen Professionen gilt? Dass es einen bestimmten Menschenschlag zu einer bestimmten Tätigkeit hinzieht? Wer nun, wie Philippe, rund um die Uhr auf die Hilfe von Pflegern angewiesen ist, aber der Menschen überdrüssig ist, die diese Aufgabe ausüben, der hat ein Problem. Und Driss ist die Lösung.

Zunächst aber ist Philippe die Lösung für Driss. Um Sozialhilfe zu beziehen, muss Driss bescheinigen, dass er sich erfolglos um Arbeit bemüht hat. Also spricht er für eine Stelle vor, für die er offensichtlich ungeeignet ist, und zeigt sich deshalb im Vorstellungsgespräch von seiner unverschämtesten Seite, baggert Philippes Sekretärin an und lässt nebenbei auch noch ein Fabergé-Ei mitgehen. Philippe ist von diesem respektlosen Auftritt beeindruckt und stellt Driss für einen Probemonat ein.

Anzeige

Was dann passiert, ist so formelhaft und konstruiert, wie es sich nur ein Film erlauben darf, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Driss weckt Philippes Lebensgeister, macht ihn mit weichen Drogen bekannt und führt ihm die Lächerlichkeit seines elitären Umfelds vor Augen. Er lässt den praktischen Minivan stehen und küsst stattdessen Philippes schwarzen Maserati aus dem Dornröschenschlaf. Philippe vermittelt Driss im Gegenzug manche Sekundärtugend, öffnet ihm die Augen für die Schönheit der Kunst und inspiriert ihn sogar dazu, selbst einen Pinsel in die Hand zu nehmen. Das Ergebnis verkauft Philippe für 11.000 Euro just an den Freund, der ihn so eindringlich vor Driss gewarnt hatte.


Eine solche Geschichte, die Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Banlieue und Palais versöhnt, in der ein Aristokrat einem sozial Benachteiligten zu Anerkennung und ein viriler junger Mann einem Gelähmten zur Lebensfreude verhilft, ist ein höchst dankbarer Stoff für eine Wohlfühl-Komödie. Mehr als einmal schießen die Regisseure Eric Toledano und Olivier Nakache dabei mit Vergnügen übers Ziel hinaus und lassen jegliche Plausibilität fahren – schließlich geht es darum, aus der unwahrscheinlichen Freundschaft noch den letzten kuriosen Kontrast herauszukitzeln. Schamlos trimmen sie die Geschichte auf Publikumsbefriedigung, und alles geschieht zum maximalen Effekt. Der Film ist bis zum Schluss völlig durchschaubar und lässt nichts Vages, Geheimnisvolles, Merkwürdiges zurück.

Trotzdem – oder gerade deswegen – verwundert es nicht, dass Intouchables , so der Originaltitel, in Frankreich nicht nur zum Kinohit des vergangenen Jahres avancierte, sondern mit sagenhaften 17 Millionen Zuschauern dort bereits auf Platz fünf der Top-Hits aller Zeiten steht. Der Film ist handwerklich perfekt produziert, die vorzüglichen Hauptdarsteller harmonieren prächtig, das Timing in den komischen wie in den ernsten Szenen stimmt, und die Formel, die sich früh abzeichnet, wird so originell wie liebevoll mit Leben gefüllt. Vorhersehbar ist Ziemlich beste Freunde , aber keineswegs langweilig. Und: Das oft zutreffende Werturteil "gut gemeint heißt schlecht gemacht" – hier geht es fehl.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Herr Pozzo di Borgo hat darauf bestanden, dass aus seinem Schicksal eine Komödie gemacht wird. Dies ist den beiden Regisseuren hervorragend gelungen. Selten habe ich einen Film gesehen, der perfekt unterhält, Sprachwitz und Situationskomik aufweist trotz schwierigem Thema, und berührt. Auch die deutsche Synchronisation mindert in keiner Weise den Charme der Dialoge . Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden deutschen Komödien hebt sich dieser französische Film besonders hervor.
    Erwähnen sollte man die frz, Presse, die betont, wie weit die Realität, obwohl auf einer wahren Begebenheit beruhend, hier in unserm Nachbarland von diesem Märchen entfernt ist.

  2. Vorab - der Film ist sehr lustig, es gibt wunderbare gute Sprüche - wenn Idriss von "schwarzem Humor" spricht, aber es gibt auch zwei Szenen, die zumindest ein unbewusstes, hohes Maß an Unsensibilität zum Ausdruck bringen. Wenn man mit Freunden diesen Film sieht, welche aus Asien stammen, fragt man sich, aus welchem Grunde in zwei Szenen Frauen gezeigt werden, die entweder selbst oder aber ihre Familien einen familiären Hintergrund in Asien besitzen und die in beiden Fällen als Masseurinnen / Frauen mit "lustvollen Aufgaben" gezeigt werden. Es ist nicht ganz klar, woher diese Mitwirkenden stammen und für wen sie stehen sollen, es ist aber ersichtlich, dass in zwei Fällen ein "asiatischer Migrationshintergrund" ersichtlich werden soll - schade !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...weil es manchmal eben auch so ist, wie es ist. Mir war die Geschichte des Herrn di Borgo neu und daher kann ich nicht beurteilen, ob diese "Frauen mit lustvollen Aufgaben" (!) nun tatsächlich "familiären Hintergrund in Asien" besitzen oder nicht. Wenn dem aber so war, hätte man der political correctness zuliebe selbstredend Pariser Studentinnen daraus machen sollen? Wenn das Ihr Ernst ist, machen Sie ihrem Namen alle Ehre. Im Ernst: die Tatsache, dass einem so etwas auffällt, kann sehr entlarvend wirken. Meine Freunde sind meine Freunde. Wenn ich mit ihnen ins Kino gehe, bleiben sie meine Freunde. Es werden keine Asiaten daraus, für die ich mich peinlich berührt in Rassismusunterstellungen wagen muss, nur weil auf der Leinwand plötzlich fernöstlich gelüstert wird. Ach ja, der Film...absolut empfehlenswert. ;-)

    Weit übers Ziel hinaus, denk ich.

    Hmm... Warum sind da asiatische Masseusen? Vielleicht weil insbesondere Thai-Massagen, aber auch asiatische Massagen allgemein zu den besten der Welt gehören oder zumindest das entsprechende Renommee haben?! Gosh, dass man hinter jeder Ecke Rassismus vermuten muss...
    Ich habe den Film gerade wegen seiner Unsensibilität genossen; er stellt die Verfilmung realer Leben dar, nämlich des querschnittgelähmten Milliardärs Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Yasmin Sellous, und die Realität ist selten politisch korrekt. Der zentrale Esprit des Filmes ist, dass er mit Klischees und Stereotypen spielt und sie gegeneinander ausspielt - hier der bemitleidenswerte Behinderte, der sich als eigenständige Persönlichkeit mit Würde herausstellt, dort der kriminelle Schwarze aus der Banlieue-Vorstadt, der am Ende Dali kommentiert und seinem Arbeitgeber mehr genuines Interesse und Respekt entgegenbringt als dessen übliche Umgebung.

  3. ...weil es manchmal eben auch so ist, wie es ist. Mir war die Geschichte des Herrn di Borgo neu und daher kann ich nicht beurteilen, ob diese "Frauen mit lustvollen Aufgaben" (!) nun tatsächlich "familiären Hintergrund in Asien" besitzen oder nicht. Wenn dem aber so war, hätte man der political correctness zuliebe selbstredend Pariser Studentinnen daraus machen sollen? Wenn das Ihr Ernst ist, machen Sie ihrem Namen alle Ehre. Im Ernst: die Tatsache, dass einem so etwas auffällt, kann sehr entlarvend wirken. Meine Freunde sind meine Freunde. Wenn ich mit ihnen ins Kino gehe, bleiben sie meine Freunde. Es werden keine Asiaten daraus, für die ich mich peinlich berührt in Rassismusunterstellungen wagen muss, nur weil auf der Leinwand plötzlich fernöstlich gelüstert wird. Ach ja, der Film...absolut empfehlenswert. ;-)

  4. Weit übers Ziel hinaus, denk ich.

  5. Ich habe den Film schon zweimal im französischen Original gesehen & bin & war begeistert! François Cluzet & Omar Sy sind fantastische Darsteller, aber auch die Nebenrollen sind sehr gut besetzt! Hoffentlich bringt die deutsche Version auch nur halbwegs die humorvoll-menschliche Atmosphäre des Originals rüber... wenn irgend möglich, den Film aber besser als OmU anschauen! Viel Spaß!

  6. Ich hatte vergessen, zu erwähnen, dass ich den deutschen Titel dieses schönen Filmes ganz grässlich finde... Mit einem bissel guten Willen hätte man sicher etwas Passenderes finden können, das die (gewollte) Mehrdeutigkeit des französischen Titels aufgenommen hätte. (intouchable = unberührbar, aber auch unangreifbar, unverletzlich, unantastbar; als Substantiv auch "Säulenheiliger" etc...) Schade!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    deutsche titel sind oft fürchterlich. Fehlte noch, wenn er "Ein Behinderter zum Knutschen" oder so gehiessen hätte ;-)

  7. Der deutsche Titel ist wirklich nicht entsprechend, die Synchronisation jedoch ist sehr gelungen in Tempo und Esprit.
    Philipp de Borgo, auf dessen Lebensgeschichte "le second souffle" das Drehbuch beruht,sagt zum Titel:
    "Même le titre du film, Intouchables, est le bon. Et vous savez pourquoi? À cause de la lettre S. Vous avez deux intouchables, paria chacun dans son genre, qui, pris séparément, sont infréquentables et, une fois ensemble, sont indestructibles ".
    Philippe Pozzo di Borgo lobt den Titel, 2 Unberührbare, Parias, die eine unzerstörbare Einheit bilden.
    Aber was würde da im Deutschen passen?

  8. deutsche titel sind oft fürchterlich. Fehlte noch, wenn er "Ein Behinderter zum Knutschen" oder so gehiessen hätte ;-)

    Antwort auf " Titel"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Film | Behinderte | Maserati | Vorstellungsgespräch | Droge | Frankreich
Service