Jazz zur NS-Zeit: Der Sound der Freiheit
Die Nazis wollten Saxofone verbieten und sperrten Jazz-Fans ein. Das Buch "Im Swing gegen den Gleichschritt" erzählt von musikalischer Rebellion in der Hitler-Zeit.
Im Sommer 1941, zwei Jahre nach Kriegsbeginn, gastiert das Attraktionsorchester John Kristel im Hamburger Alsterpavillon. Die holländischen Musiker spielen Swing, eine Musik, die den nationalsozialistischen Machthabern als "entartet" gilt. Am letzten Abend des Gastspiels ist der Saal überfüllt. Die zumeist jugendlichen Zuhörer sind begeistert, es wird heftig getanzt. "Boys und Babys", so erinnert sich ein Zeitzeuge, "treiben ihre Idole mit synkopischen Bewegungen zu immer schrägeren, verrückteren Stopftrompetenkapriolen, Posauneneruptionen, Klarinettenjumps, Saxofonrasereien, Schlagzeugkanonaden an." Doch dann verstummt die Musik, und das Licht geht an. Die Gestapo hat die Eingänge besetzt, alle Gäste werden festgenommen.
Die Aktion im Alsterpavillon ist nur eine von mehreren Razzien, bei denen in diesen Wochen in Hamburg mehr als dreihundert Jugendliche verhaftet werden. Sie landen im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, manche sogar im Konzentrationslager. Einer von ihnen ist der Lehrling Günter Discher. "Wenn man nicht gleich auf eine Frage geantwortet hat, wurde man ins Gesicht geschlagen", erzählt der heute 86-jährige Jazzfan. "Auf die Frage, warum ich nicht in der HJ bin, habe ich geantwortet: Weil ich ein freier Mensch sein will." Die Antwort bringt ihm eine Einweisung ins Jugend-KZ Moringen ein, wo er mit anderen Swing-Fans Granaten montieren muss. In den Arbeitspausen trommeln die Häftlinge auf Holzkisten und singen dazu die Refrains von Swinghits wie A Tisket, A Tasket oder Jeepers Creepers.
Im Swing gegen den Gleichschritt heißt ein Buch, das an eine beinahe vergessene Rebellion erinnert. Die Autoren Wolfgang Beyer und Monica Ladurner haben bereits einen gleichnamigen, preisgekrönten Dokumentarfilm über das Thema gedreht. Auch ihr Buch lebt von den eindringlichen Schilderungen der Protagonisten, die sie dafür vor die Kamera holten. "Widerstand? So weit dachten wir gar nicht. Wir hatten nur diese unbändige Liebe zur Swing-Musik", sagt Coco Schumann, der Auschwitz überlebte und bis heute als Jazzgitarrist auftritt. Und der im letzten Jahr verstorbene Drehbuchautor Oliver Storz erzählt: "Wir waren nicht mehr so ganz des Führers Jugend, irgendwie danebengewachsen, missraten, verkorkst."
Die Nationalsozialisten hassten den Jazz schon deshalb, weil er aus Amerika stammte und viele Musiker Schwarze waren. Bereits 1935 erließen sie eine Verordnung, die es den deutschen Radiostationen verbot, "Negerjazz" zu senden. Das Parteiblatt Völkischer Beobachter feierte den Erlass als wichtigen Schritt im Kampf gegen die "zersetzende Tätigkeit des kulturbolschewistischen Judentums". Allerdings fiel es den NS-Bürokraten schwer, überhaupt zu definieren, was Jazz ist. Propagandaminister Joseph Goebbels sprach unbeholfen von "Musik mit verzerrten Rhythmen und atonaler Melodieführung", für die "die Verwendung sogenannter gestopfter Hörner" typisch sei.
Selbst ein Verbot des Saxofons wurde diskutiert, das für das "hysterische Bläsergejaule" des Jazz verantwortlich gemacht wurde und – so befand die Neue Musik-Zeitung – "wie der Gesang eines kastrierten Negers klingt". Doch Recherchen des Propagandaministeriums ergaben, dass das Saxofon gewissermaßen arisch sei, weil es von "einem Deutschen namens Adolf Sax" erfunden worden sei. In Wirklichkeit hieß der Mann Adolphe Sax und war Belgier. Am Ende nahm die Luftwaffe das Instrument in die Standardausrüstung ihrer Kapellen auf.
Swing war bei den Deutschen beliebt, daran änderten alle Verbote nichts. 1936, als die Machthaber Berlin zu den Olympischen Sommerspielen als moderne Metropole präsentieren wollten, durfte der Schweizer Teddy Stauffer mit seinen Original Teddys wochenlang im Tanzpalast Delphi spielen. Einmal stürmten Polizei und SS die Bühne und stellten ihn zur Rede. Ob er nicht deutsche Tanzmusik spielen könne? "Ich knipste mit den Fingern und rief meinen Musikern zu: 'Los Boys, die Nummer 142!' Auf den Notenblättern des Orchesters erschien der Schlager Bei mir bist du schön." Die SS-Männer waren zufrieden. Was sie nicht wussten: Das Lied stammt aus einem jiddischen Musical.
In Deutschland nannten sich die Jazzfans "Swings", "Swing Boys" oder "Swingheinis", in Österreich wurden sie wegen ihrer aufreizenden Lässigkeit "Schlurfs" oder "Schlurfe" genannt. Ihr Dresscode war strictly british, dazu gehörten Schuhe mit dicken Kreppsohlen, fast bis zu den Knien reichende, doppelreihige Jacketts und lange Stirnhaare. Die Mädchen, in Österreich "Schlurfkatzen" genannt, trugen kurze Röcke und schminkten sich auffällig. "Unsere Musik ist der Jazz", schrieb Wolfgang Borchert. "Denn unser Herz und unser Hirn haben denselben heißkalten Rhythmus: den erregten, verrückten und hektischen, den hemmungslosen." Der Dichter, Jazzfan und Dissident starb 1947 an den Folgen einer Lungenkrankheit, die er sich in einer Strafkompanie an der Ostfront zugezogen hatte.
Erschienen im Tagesspiegel










... lebte und wirkte auch nach 45 noch viele Jahre in der Bundesrepublik in Amt und Würden.
In der DDR hätte er vermutlich auch nochmal seinen Platz finden können.
Naja, ich laß gestern einen Artikel in der ZEIT über Tunesien, in dem national und radikal eher als ein bischen Schick dargestellt wurde. Auf jedenfall eines Diskurses würdig.
In den Vereinigten Staaten wird gerade die Verfassung ausgehöhlt, das Militär erhält Polizeigewalt, die Judikative wird ausgehebelt.
Im Lissabonvertrag der EU wird das Eleminieren von Aufständischen (das können schnell mal Demonstranten sein) nicht mehr als Kapitalverbrechen geahndet, nicht einmal mehr unter Strafe gestellt.
In diesem Sinne, mehr Freiheit wagen, und alle mit gleichem Maße messen. Richten wir die Augen auf die Gegenwart, den der Keim des totalitären wächst derzeit bei uns im Garten.
Ob nun die Nazis Jazz möchten oder nicht, eigentümlich egal.
Also, wenn ich Ihre Zeilen so lese, stellt es sich für mich wie folgt dar: Weil die anderen alle daneben liegen, ist es eigentlich nicht berichtenswert, dass die Nazis den Jazz nicht mochten. Das übliche Relativieren halt.
Ich finde es schon berichtenswert. Einfach, weil ich Jazz gerne höre und weil ein wenig Geschichts"unterricht" nicht schaden kann. Und nur weil A heute die Verfassung beugt, ist es nicht weniger interessant, dass B damals den Jazz nicht mochte.
Sie schreiben; "Ob nun die Nazis Jazz möchten oder nicht, eigentümlich egal."
Sehe ich anders. Jeder solcher Hinweise zeigt immer wieder, dass es jenes bis heute - auch im Geschichtsunterricht - immer noch wiedergekäute "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" so nie gab.
Vielmehr zeigte Deutschland auch während jener schrecklichen zwölf Jahre des Naziterrors ein durchaus vielfältiges, häufig auch sehr widersprüchliches Gesicht. Die Bauersfamilie, die geschlossen in die Partei eingetreten war, behandelte die ihnen von den Behörden zugeteilte polnische Sklavenarbeiterin entgegen allen behördlichen Aauflagen und strafbeweehrten Verboten wie ein Familienmitglied nach dem Grundsatz: Wer mit uns arbeitet, der isst auch mit uns am Tisch.
In der Tat wurde zu dem Thema schon einiges zuvor publiziert, das ändert aber nichts an dessen tieferer Bedeutung.
Einer der wesentlichen Intentionen der braunen Diktatur war es doch, junge Menschen (Heranwachsende) zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Partei zu erziehen. "Führer befiehlt, wir folgen dir" - im Zweifelsfall bis in den Untergang.
Swing hören war damals auch ein Ausdruck dafür, sich der "Gleichschaltung in den Köpfen" zu entziehen, also den Freiraum für eine eigene Identität ausdrücklich über den sehr eng bemessenen Bereich des (von der Partei) erwünschten zu erweitern.
Im Kern geht es also um eine Erziehung zu unbedingter Autoritätshörigkeit / Autoritätsgläubigkeit und dieses Thema ist nach wie vor absolut aktuell.
Wie sehr dies nachgewirkt hat, zeigte sich noch in den sechziger Jahren. Da gab es in so mancher Deutschen Wohnstube höchst erbitterte Auseinandersetzungen darüber, ob den die Rolling Stones im Radio gehört werden durften oder eher nicht...
Also, wenn ich Ihre Zeilen so lese, stellt es sich für mich wie folgt dar: Weil die anderen alle daneben liegen, ist es eigentlich nicht berichtenswert, dass die Nazis den Jazz nicht mochten. Das übliche Relativieren halt.
Ich finde es schon berichtenswert. Einfach, weil ich Jazz gerne höre und weil ein wenig Geschichts"unterricht" nicht schaden kann. Und nur weil A heute die Verfassung beugt, ist es nicht weniger interessant, dass B damals den Jazz nicht mochte.
Sie schreiben; "Ob nun die Nazis Jazz möchten oder nicht, eigentümlich egal."
Sehe ich anders. Jeder solcher Hinweise zeigt immer wieder, dass es jenes bis heute - auch im Geschichtsunterricht - immer noch wiedergekäute "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" so nie gab.
Vielmehr zeigte Deutschland auch während jener schrecklichen zwölf Jahre des Naziterrors ein durchaus vielfältiges, häufig auch sehr widersprüchliches Gesicht. Die Bauersfamilie, die geschlossen in die Partei eingetreten war, behandelte die ihnen von den Behörden zugeteilte polnische Sklavenarbeiterin entgegen allen behördlichen Aauflagen und strafbeweehrten Verboten wie ein Familienmitglied nach dem Grundsatz: Wer mit uns arbeitet, der isst auch mit uns am Tisch.
In der Tat wurde zu dem Thema schon einiges zuvor publiziert, das ändert aber nichts an dessen tieferer Bedeutung.
Einer der wesentlichen Intentionen der braunen Diktatur war es doch, junge Menschen (Heranwachsende) zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Partei zu erziehen. "Führer befiehlt, wir folgen dir" - im Zweifelsfall bis in den Untergang.
Swing hören war damals auch ein Ausdruck dafür, sich der "Gleichschaltung in den Köpfen" zu entziehen, also den Freiraum für eine eigene Identität ausdrücklich über den sehr eng bemessenen Bereich des (von der Partei) erwünschten zu erweitern.
Im Kern geht es also um eine Erziehung zu unbedingter Autoritätshörigkeit / Autoritätsgläubigkeit und dieses Thema ist nach wie vor absolut aktuell.
Wie sehr dies nachgewirkt hat, zeigte sich noch in den sechziger Jahren. Da gab es in so mancher Deutschen Wohnstube höchst erbitterte Auseinandersetzungen darüber, ob den die Rolling Stones im Radio gehört werden durften oder eher nicht...
Hallo
Ohne dem Autor zu nahe treten zu wollen, aber deutsche Rundfunk sendete zur damaligen Zeit sehr Wohl Swing und Jazz aller Art und zwar für die Auslandsprogramme.
Gruß
Heyer Rene
Also, wenn ich Ihre Zeilen so lese, stellt es sich für mich wie folgt dar: Weil die anderen alle daneben liegen, ist es eigentlich nicht berichtenswert, dass die Nazis den Jazz nicht mochten. Das übliche Relativieren halt.
Ich finde es schon berichtenswert. Einfach, weil ich Jazz gerne höre und weil ein wenig Geschichts"unterricht" nicht schaden kann. Und nur weil A heute die Verfassung beugt, ist es nicht weniger interessant, dass B damals den Jazz nicht mochte.
Sie schreiben; "Ob nun die Nazis Jazz möchten oder nicht, eigentümlich egal."
Sehe ich anders. Jeder solcher Hinweise zeigt immer wieder, dass es jenes bis heute - auch im Geschichtsunterricht - immer noch wiedergekäute "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" so nie gab.
Vielmehr zeigte Deutschland auch während jener schrecklichen zwölf Jahre des Naziterrors ein durchaus vielfältiges, häufig auch sehr widersprüchliches Gesicht. Die Bauersfamilie, die geschlossen in die Partei eingetreten war, behandelte die ihnen von den Behörden zugeteilte polnische Sklavenarbeiterin entgegen allen behördlichen Aauflagen und strafbeweehrten Verboten wie ein Familienmitglied nach dem Grundsatz: Wer mit uns arbeitet, der isst auch mit uns am Tisch.
In der Tat wurde zu dem Thema schon einiges zuvor publiziert, das ändert aber nichts an dessen tieferer Bedeutung.
Einer der wesentlichen Intentionen der braunen Diktatur war es doch, junge Menschen (Heranwachsende) zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Partei zu erziehen. "Führer befiehlt, wir folgen dir" - im Zweifelsfall bis in den Untergang.
Swing hören war damals auch ein Ausdruck dafür, sich der "Gleichschaltung in den Köpfen" zu entziehen, also den Freiraum für eine eigene Identität ausdrücklich über den sehr eng bemessenen Bereich des (von der Partei) erwünschten zu erweitern.
Im Kern geht es also um eine Erziehung zu unbedingter Autoritätshörigkeit / Autoritätsgläubigkeit und dieses Thema ist nach wie vor absolut aktuell.
Wie sehr dies nachgewirkt hat, zeigte sich noch in den sechziger Jahren. Da gab es in so mancher Deutschen Wohnstube höchst erbitterte Auseinandersetzungen darüber, ob den die Rolling Stones im Radio gehört werden durften oder eher nicht...
ich finde schade dass der autor jazz und swing hier in einen topf wirft. es wirkt als wäre es das gleich obwohl da ein himmelweiter unterschied besteht.
und ich muss mich den vorrednern anschließen die "bekannt" kritisieren! es passieren schreckliche und mit damals vergleichbare dinge auf der ganzen welt, aber dieses bewusstsein darüber wird doch in uns geprägt durch unsere eigene geschichte. und ich finde den artikel hier auch sehr interessant, eben weil es ein weitaus diffizileres licht auf die deutschen wirft als das was man im unterricht vermittelt bekamm. das nimmt einem auf eine art und weise diesen schweren braunen stein vom herzen, den man hat wenn man sich mit dem thema beschäftigt und der zu widerwillen der auseinandersetzung führt (bei mir zumindestens). es bringt mir die geschichte näher. auf eine art und weise die ich aus heutiger sicht auch noch ohne probleme nachvollziehen kann. ich weiß nicht ob das dumm klingt. ich will die geschichte auch nicht abwerten!!! auf gar keinen fall! es war eine schreckliche zeit und ein schlimmes verbrechen an der menschheit. aber für mich (87 geboren) ist es so weit weg und kaum nach zu vollziehen und so ein artikel erweckt wieder lust und reizt dazu sich mit dem thema wieder näher zu befassen.
Die Bevölkerung dieser Zeit ist durchaus vielschichtig zu betrachten, allein im Spektrum der Swing-Jugend gibt es einige Interessante Anekdoten: "ein Weg an Platten zu kommen, führte über einen befreundeten, in Dänemark stationierten Soldaten. Dort gab es ein vergleichsweise paradiesiches Sortiment. Da der Soldat meine Leidenschaft für Swing teilte, schickte er mir die begehrten Scheiben nach Deutschland. Und weil da "Herespost" drauf stand, durfte die Gestapo das nicht öffnen." (Quelle: http://www.guenterdischer... allgemein ein sehr lesenswertes Interview)
Dennoch sollte man geschichtsverneinenden Meinungen entschieden entgegen treten. Aussagen wie "EinSchelm" sie tätigt, zeigen eine gefährliche Tendenz in der Gesellschaft auf, viele wollen das "schwarze Kapitel" der deutschen Geschichte gern verdrängen und vergessen, eine Beschäftigung mit diesem Thema ist aber essentiell und zeigt welche Verantwortung die Geschichte uns mitgegeben hat.
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