Eröffnung FilmfestspieleArabellion auf der Berlinale

In "Les Adieux à la Reine" werden die letzten Tage des Ancien Régime 1789 gezeigt. Zugleich ist der diesjährige Eröffnungsfilm der Berlinale hochaktuell. Von W. Husmann von 

Das hat der Festivalleiter Dieter Kosslick klug eingefädelt: Da kündigt er für seine Berlinale in diesem Jahr als Schwerpunkt Historienfilme an, und während man sich fragt, ob es derzeit nichts Naheliegenderes gäbe, zeigt er zur Eröffnung einen Film über eine Revolution, die unsere westliche Welt erschüttert hat.

Der französische Regisseur Benoît Jacquot erzählt uns in seinem Drama Les Adieux à la Reine zwar die ersten drei Tage der Französischen Revolution, vom 14. bis zum 16. Juli 1798. Doch im Grunde ist das, was wir sehen, die Analyse des Endes einer Staatsform, wie es auch heute noch stattfindet. "Alle Untergänge einer Herrschaft ähneln einander", sagt Jacquot, "vor allem ihre letzten Tage."

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Von einer höchst mobilen Kamera lässt er seine Protagonistin durch die Gewölbe, Gänge, Kabinette und Gemächer von Versailles verfolgen. Sidonie Laborde ist die Vorleserin Marie Antoinettes und so was wie deren Groupie. Ihre ganze Existenz richtet sie nach der noch immer jungen Königin aus. Sidonie scheint nie genau zu wissen, wohin sie gerade geht, doch wenn sie zur reine gerufen wird, beschleunigen sich ihre Schritte. Dann eilt sie und rennt. Zweimal stürzt sie.

Am 14. Juli 1789 haben die ausgehungerten und durch Unterdrückung aufgebrachten Pariser die Bastille gestürmt, und Sidonie liest der Königin aus einem Modemagazin vor. Blumenstickereien sind der Trend. In den kommenden Stunden wird Sidonie ein Gutteil ihrer Zeit darauf verwenden, eine prächtige Dahlie zu sticken – mit viel Liebe, wie sie sagt.

Erst am nächsten Morgen gibt es Gerüchte. Widersprüchliche Nachrichten erreichen die Bediensteten über deren Herrschaften, die selbst nichts Genaues wissen. Wie in extremer Slow Motion dringen hier die Ereignisse in das Bewusstsein der Betroffenen. Das ist der raffinierte Trick, dessen sich Jacquot bedient: Weil über kein Netz, keinen Twitter- oder Facebook-Dienst in Sekundenbruchteilen von einem Ende der Welt zum anderen mitgeteilt werden kann, dass die Erde bebt, hat der Regisseur schier unendlich viel Zeit, seine Figuren dabei zu beobachten, wie sie begreifen, was nur wenige Kilometer von ihnen vor sich geht und einige von ihnen umbringen wird.

Léa Seydoux spielt die ergebene Vorleserin, die sich weigert, die neuen grellen Parolen in den Mund zu nehmen, und am Ende sogar bereit ist, für ihre Herrin das eigene Leben zu riskieren. Sie kann nicht anders, denn sie kennt nichts anderes. Sie ist ein Kind des Regimes. Ständig wird ihr auch durch die Regieführung der Weitblick genommen. Sie läuft neben Wänden her, hockt zwischen Möbelstücken, muss in engen Kammern warten.

Einmal, als jemand die Tür zu einer solchen Kammer zumacht, wird es stockdunkel auf der Leinwand. Sekundenlang hört man nur das leise Rascheln des Kleides, während Sidonie atmet und wartet, einfach darauf, dass irgendwer die Tür wieder öffnen wird.

Jacquot nimmt es sehr genau mit der Darstellung der damaligen Verhältnisse, wie dem schwachen Licht von Kerzen. Die Menschen werden von Ungeziefer geplagt, gegen Juckreiz hilft Rosenblütenwasser, gegessen wird oft mit den Händen. Umso erstaunlicher ist es, welche Gegenwärtigkeit Jacquots Figuren ausstrahlen. Diane Kruger spielt Marie Antoinette nur ganz zu Anfang als die verwöhnte und vergnügungssüchtige Königin, als die sie gemeinhin dargestellt wird. Und selbst in diesen wenigen ersten Szenen ist ihr Pomp weniger exaltiert als er es beispielsweise bei Sofia Coppolas Marie Antoinette war.

Danach steigt Panik in der Königin auf. Sie beginnt Fluchtpläne zu schmieden, die der König verwirft. Als eine über alles geliebte Freundin in Gefahr gerät, dem Mob zum Opfer zu fallen, verlangt es ihre Funktion als sorgende Herrscherin, zumindest deren Flucht anzuordnen. Die Freundin geht. Marie Antoinette verzweifelt. In einem höchst menschlichen Moment bricht sie zusammen und bittet darum, dass man sie alleine lasse. Dabei ist sie es längst.

Die Schranzen verlassen den Hof wie Ratten das sinkende Schiff. Sie existierten nur, weil der König existierte. Sein Ende kann auch ihr eigenes Ende bedeuten. Jacquot zeigt uns die Anstrengungen, die diese Menschen unternehmen, das Regime bis zum bitteren Ende zu stützen – oder vor der Revolution zu fliehen. Ihre verbohrten oder angsterfüllten Gesichter sind gemäß der Mode des 18. Jahrhunderts stark gepudert. Dennoch ist die Ähnlichkeit zu jenen kaum zu übersehen, die auch heute alles unternehmen, um die eigene Existenz vor einer unabwendbaren Umwälzung zu bewahren.

Sicher, heute stößt Les adieux à la Reine auf einen besonders gegenwärtigen Resonanzboden, auch wenn sich die Macher des Historienfilms nach der Vorstellung ihres Films auf der Berlinale mit unmittelbaren Parallelen zur Aktualität in der arabischen Welt bedeckt halten. In jedem Fall aber haben sie mit der Figur der Sidonie eindrücklich vor Augen geführt, was es für einen Menschen bedeutet, vor dem Nichts zu stehen, wenn seine Welt verschwindet.

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Leserkommentare
  1. Bitte verzichten Sie auf geschmacklose und polemische Äußerungen. Die Redaktion/fk.

  2. kamen die Revolutionszeit und Napoleon ... und die haben Frankreich und Europa ja bekanntlich unendlich gut getan.
    Die einfachen Leute hatten plötzlich Rechte (und trotzdem nichts zu fressen) und durften in diverse Kriege ziehen.
    Ein richtiger "französischer Frühling" war das.

  3. Der historische Stoff gelingt Jaquot als Parabel auf alle Regimes und ist zugleich eine würdige Antwort auf die Interpretationen der letzten Jahre, die das Ancien Regime vor allem aus einer vermeintlich dem Humanismus geschuldeten Perspektive darzustellen und die Menschen hinter der Macht kennenzulernen suchten. Denn bei Jaquot sind die Herrschenden keine in ihrer gefährlichen Naivität gefangenen, passiven Objekte der Umbrüche wie bei Sofia Coppola, sie sind vielmehr das sinnstiftende Zentrum einer brutalen, menschenverachtenden Ordnung, das auch im Untergang diesen Anspruch noch als sein angestammtes Geburtsrecht selbstbejahend lebt. Die Weltfremdheit, Naivität und Gleichgültigkeit der Herrschenden sind deshalb nicht unglückliche Folge, sondern immanenter Ausdruck ihres Anspruchs einer übergeordneten Stellung.
    Die Not des unterdrückten Individuums ist wiederum abzuleiten von seiner ihm durch Erziehung und existenzielle Abhängigkeit erbarmungslos aufgezwungenen Identität des Unmündigen, aus der es sich nur befreien kann, indem es sich seiner eigenen Rolle bei der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung gewahr wird.
    Ist der Stoff aktuell? Ja, aber nicht nur mit Blick auf die Akteure des Arabischen Frühlings, sondern auch mit Blick auf die „etablierten“ Demokratien. Die Frage lautet immer: Wem gilt unsere Loyalität und warum? Den Wulffs, Guttenbergs, Berlusconis etc. etc. aus Gründen eines fehlgeleiteten Personenkults oder doch den Werten, auf denen ihre hohen Ämter fußen?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Marie Antoinette | Berlinale | Diane Kruger | Dieter Kosslick | Ratte | Regisseur
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