Generationendebatte Immer auf die Kleinen

Führungskräfte, Politiker – alles Dilettanten! Früher waren alle klüger, nicht wahr? Was pauschale Generationenschelte über die Meckerpötte aussagt.

Frankfurter Studenten protestieren vor einem besetzten Haus im März 1973.

Frankfurter Studenten protestieren vor einem besetzten Haus im März 1973.

Es gibt – gefühlt – diese Phasen der gesteigerten Gegenwartskritik. Wenn alle Medien gleichermaßen den Niedergang von fast allem zu beschwören scheinen. Aus verfehlten Präsidenten werden verfehlte Generationen, aus einer schwierigen Zeit das Versagen derer, die in ihr leben.

Aber der Reihe nach rückwärts: Gerade parlierten im ZDF-Nachtstudio ein Philosoph, ein Publizist und ein Kulturwissenschaftler unter dem Motto "Avanti Dilettanti!" darüber, ob die allgemeine Misere darauf zurückzuführen sei, dass heute, so die Ankündigung der Sendung, "selten die Experten und Wissenden, sondern sehr häufig die Dilettanten und Stümper" Schlüsselpositionen besetzten.

Anzeige

Alle drei Diskutanten hatten Bücher veröffentlicht, die sich im weiteren oder engeren Sinn mit dem Dilettantismus als Problem der Gegenwart auseinandersetzen. Alle präsentierten ein schlüssiges Bild derselben – und wurden sich doch nicht ganz einig: darüber, ob etwa die Finanzkrise nun tatsächlich, wie es der Publizist Thomas Rietzschel anführte, das Produkt von Dilettantismus sei. Oder ob sie nun, wie der Philosoph Michael Schmidt-Salomon konterte, im Gegenteil das Werk "debiler Experten" sei. Der Antwort auf die drängendste Frage kam die Runde, die damit vielleicht sogar selbst dilettierte, nicht einmal nah: wie er denn aussehen müsste, der nicht dilettantische Umgang mit den großen Systemfragen dieser Zeit.

Zuvor hatte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in der FAS den Sturz der Babyboomer verkündet, jene – zumindest in Westdeutschland – "erste Generation, die im klassischen Sinne nichts 'durchsetzen' musste" und darob, als politische Generation, marktgläubig und ideenlos wurde. Damit nutzte Schirrmacher den Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten, um gleich im Februar die zweite Generationsbefindlichkeitsdebatte des Jahres loszutreten. Nachdem Anfang Januar die ZEIT-Autorin Nina Pauer ihren Schmerz über hypersensible "Schmerzensmänner" in der "jungen" Generation ins kollektive Gerede einspeiste, rückt Schirrmacher nun auch deren Väter und ältere Brüder ins Blickfeld.

Das alles fügt sich nur zu gut zu einem Panorama der Unfähigkeit: Da sind die schwächlichen Babyboomer, Dilettanten allesamt, die nicht anders konnten, als ihre Söhne zu verweichlichten Grüblern zu erziehen. Die selbst finden eh keine Antworten auf gar nichts mehr; weder auf die Euro-, noch auf ihre eigenen Sinnkrisen. Die Occupybewegung, gründend auf der Gesellschaftsschelte eines Greises, glänzt seit bald einem Jahr öffentlich durch das Fehlen einsichtiger Lösungsvorschläge. Die Piraten bleiben am Ende eine technikgläubige Minderheit, deren Markenkern bezeichnenderweise weniger durch politische Forderungen als durch Anregungen für neue politische Verfahrensweisen konturiert wird. Eine Partei ohne Wirtschaftsprogramm in Krisenzeiten? Prost Mahlzeit.

Wer kann uns noch retten? Die Intellektuellen? Bereits 2006 beklagte Schirrmachers Doktorvater, der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, in seinem Cicero-Essay Keine Zeit für Genies das Aussterben der bedeutenden Theoretiker mit umfassenden gesellschaftlichen Konzepten. Dass etwa in Frankreich laut Gumbrecht "auf eine weithin leuchtende Pléiade von Meisterdenkern allenthalben fleißige Spezialisten" gefolgt seien, passt zu Schirrmachers Kritik an den deutschen Babyboomern. Aus deren Reihen gibt es, laut Schirrmacher, lediglich in Bereichen wie Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft "staunenswerte" oder gar "brillante Köpfe", nicht aber in der Politik. Gumbrechts Kritik an einer Generation von Theoretikern und Schirrmachers Schelte einer politischen Generation haben damit gemein, deren Stärken eher im Nachvollziehen, im Ausdeuten und Füllen eines Anforderungsprofils zu sehen, nicht aber im genuinen Impuls.

Man kann sich mit diesem Befund nun anhimmelnderweise alten oder gar toten Männern zuwenden. Oder man widmet sich noch einmal den Generationen der Versager – und entdeckt sie mit neuem Verständnis neu. In dem Maße nämlich, in dem man fragt, inwieweit die Lebenskonzepte der Alten heute noch umsetzbar, inwieweit große Ideen, Ideale und nicht zuletzt Ideologien zeitgemäß wären.

Dass die Babyboomer, Kinder des Überflusses, als erste Generation nichts mehr durchsetzen mussten, ist ihnen schwerlich zum Vorwurf zu machen. Dass Kinder der Folgegeneration auf eine zunehmend verwirrende Lebenswelt mit Verwirrung reagieren, ist in etwa so folgerichtig wie die Linksideologisierung der 68er, die heute so gern zur letzten "starken" Generation verklärt werden. Dass weder Occupy noch politische Funktionsträger eine systemimmanente Lösung für die Krise der Finanzmärkte haben – das entschuldigt nicht zuletzt die, die sich da wie dort nicht aufgehoben fühlen und trotzdem keine eigene Alternative anbieten können. Zuletzt: Dass statt großer Arbeiten am Überbau Fragenbausteine verhandelt werden, die zu einem bedeutenden Teil das Internet formt – das ist in einem Zeitalter der Netze zumindest folgerichtig.
Das alles rechtfertigt natürlich weder die Mittelmäßigkeit und Pflichtvergessenheit der derzeit mittleren Generation konservativer Politiker, noch die Jämmerlichkeit einiger junger Egozentriker. Es fragt nur nach der Rechtmäßigkeit der wiederkehrenden Generationenschelten im Rahmen von mal mehr, mal weniger latenten Generationenvergleichen.

Man kann sich einen zupackenden Zeitgeist nicht nach Belieben backen. Es lohnt auch nicht, eine Zeit zu ersehnen, in der das Sinnbild des Dilettanten kein überforderter Politiker, sondern das Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe war. Wie man sich zu einem System verhalten soll, dessen wachsende Komplexität es immer schwieriger macht, nach Auswegen aus ihm zu suchen, das scheint aus heutiger Sicht ungleich schwerer als ein Sich-Ausprobieren am Beginn einer neuen Epoche. Wer da nach Lösungen ruft, ist ein Simpel. Wer bei denen, die verwirrt verharren, Kapitulation zu erkennen glaubt, hat selbst längst kapituliert: vor der Komplexität.

Erschienen im Tagesspiegel
 

 
Leser-Kommentare
  1. "die nichts mehr durchsetzen mussten"
    deswegen leben wir ja noch in der selben struktur wie in den 50ern
    ach es giebt unterschiede?
    na die wurden sicher von den vorgänger generationen mit begeisterung begrüßt die - was genau?- durchgesetzt haben
    das ewige gejammer derer die immer noch auf den barikaden ihrer jugendjahre sitzen und sich wundern das niemand mehr eine "aktuele" meinung zu dieser hatt.
    aber "generation doof" lesen und selber zu einer simplen kubikwurzel keine adhocschätzung liefern können

  2. Was die Kritiker nicht realisieren, das ist, dass sie selber mit ihren Einlassungen bloß die ausgelutschten Topoi wiederkäuen, die andere Kritiker vor ihnen geprägt (oder womöglich ihrerseits nur wiedergekäut) haben. - Zur näheren kulturwissenschaftlichen Erläuterung dieser These verweise ich auf das Buch, das mein Doktorvater zusammen mit einem Kollegen immerhin 1997 schon veröffentlich hat: Ulrich Schödlbauer, Joachim Vahland: "Das Ende der Kritik."

    Letztlich erweist sich an solchen "Events" also lediglich das Beharrungsvermögen des Kulturbetriebs sowie die Selbstverliebtheit seiner Protagonisten.

    Und was insbesondere Herrn Schirrmacher angeht: Nimmt er sich selber aus der Generationenkritik aus (und wenn ja, mit welchem Recht) oder darf man seine diesbezüglichen Bemerkungen als Selbstkritik verstehen?

  3. Wenn der Herr das kritisiert, warum ist er denn selbst nicht schon längst als Bessermacher bekannt? Reden können viele. "Früher war alles besser" gehört zum Dümmsten, das man schreiben und sagen kann. So what? Die Politiker des 20. Jahrhunderts haben sich nun wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert, nur würde ich ihnen das nicht vorwerfen, sondern nur mal in diese Runde werfen. Vielleicht leben wir ja auch in einer Zeit, in der die "besseren" sich einfach zu schade sind, ihre Meinungen und Absichten vertrocknen zu lassen und eben nicht in die Politik gehen.
    Ich persönlich glaube, immer mehr Menschen nehmen ihre Eigenverantwortung wahr. Das ist der wahre Zeitgeist, der nur noch nicht erkannt worden ist oder der tabuisiert wird. Und das ist das beste, was man tun kann. Es gab noch nie soviele Möglichkeiten für Menschen wie heute. Theorien führen zu gar nichts, damit lenkt man sich nur ab. Entweder man tut etwas oder man verhält sich still.
    Wer glaubt, wir würden in einer Krise leben, hat noch keine Krise erlebt. Wer allerdings niemanden mehr findet, der ihm für sein Erspartes 8% garantiert bei voller Rückzahlungsgarantie, erkennt einfach eine neue Realität. So jemand hat zuviel verdient, das ist alles. Dass viel Vermögen (privat) gleichzeitig viele Schulden (Staat)bedeuten, ist eine Buchhalter-Binsenweisheit. Dass die, die wg. ihrer überzogenen Zinserwartung Probleme mit ihrer Geldanlage haben, ist nur ein Zeichen dafür, dass sie ihr Geld nicht genug mit anderen geteilt haben.

  4. Ich war ehrlich gesagt ein wenig erstaunt über die Sendung. Sowas erwarte ich vom ZDF nicht mehr, nicht mal nachts. Allein das war schonmal etwas wert.

    Mir gefiel sehr der immer wieder gemachte Blick auf die Geschichte des 18. und 19.Jh.. Sowas ist noch seltener als solch ein Sendung selbst. Vor allem, wenn es dabei um Begriffsgeschichte (Diletant/ismus) geht, von der heute kaum noch jemand weiß, wozu man sich damit eigentlich beschäftigt. Die Selbstreflektion, woher wir eigentlich die Elemente nehmen, nach denen wir die Grenze zwischen Diletanten und Nichtdiletanten ziehen, ist bei der Abflachung der gegenwärtigen Diskurse definitiv keine Selbstverständlichkeit.
    Und auch die Thesen der Schwarmdummheit (der Einzelne ist intelligent, alle zusammen aber dadurch total beschränkt) und der Lähmung durch Schwärme von fachidiotischen Experten - die mit ihren Analysen ihrer Minigebiete völlig richtig liegen, vom Gesamten leider gar nichts wissen wollen - ist alles andere als indiskutabel. Zuletzt ist auch die Begriffswendung eines positiven Dilettantismus - die wirklichen Innovationen kommen von Leuten, die von den Experten absolut verachtet werden - könnte im Zeitalter der Bulimie-Schule und der Bulimie-Universität und der Bulimie-Drittmittel-Gefälligkeitsforschung und HartzIV-Beschäftigungs-Idotie-Kursen definitiv mal wieder lauter in die Welt gebrüllt werden.

  5. ...sondern still und heimlich in Banken und Konzernen.
    Wer heute die Welt regieren will wird Manager.
    Deshalb findet man bestenfalls Dilledanten, schlimmestenfalls "Befehlsempfänger" in Parlamenten dieser Welt.
    Das wird erst die heutigen Jugend ändern, die Dank Internet so global denkt wie die Manager der Macht, daher die Regeln kennen und sie zum Teil neu schreiben.
    Während die Manager jedoch das Parlament als "go between" nützlich betrachteten - und sei es nur als Sündenbock - praktiziert man anderswo schon die gelebte Demokratie.
    Eigentlich ist es der (alte) Konflikt zwischen Geldadel und Bildungsbürger nur eben fürs 21.Jahrhundert.
    Der König, sprich das Parlament, sieht zwar recht gut aus auf seinem Thron, hat aber nicht wirklich was zu sagen und wird von niemanden mehr ernst genommen.
    Ich vermute, heimlich sind beide Seiten froh das es ein Haus voll Dilledanten ist :-)

  6. "Es gibt – gefühlt – diese Phasen der gesteigerten Gegenwartskritik. Wenn alle Medien gleichermaßen den Niedergang von fast allem zu beschwören scheinen. Aus verfehlten Präsidenten werden verfehlte Generationen, aus einer schwierigen Zeit das Versagen derer, die in ihr leben."

    1. gegenwärtig sind die Medien nicht die, die den Untergang mittels viel Gegenwartskritik besingen und erklären, sondern gerade durch ihren politischen Opportunismus sind sie Teil dieses Verfalls und daher immer öfter Objekt von Gegenwartskritik. Ausnahmen, in denen sie selbst gegenwartskritisch sind, bestätigen die Regel. Sonst wäre so ein (zugegeben dilettantisches) Projekt wie Wikileaks gar nicht nötig gewesen. Wenn Zeitungen die Gegenwartskritik kritisieren wollen, dann müssen sie zuvöderst mal ihr eigenes Verhältnis zu dieser Gegenwart, die kritisiert wird, darlegen.

    2. Ist Gegenwartskritik ein Zeichen von Aufklärung, vgl. I. Kant: "Beantwortung der Frage: was ist Aufklärung?" ... zu der "die" Medien gegenwärtig auch nicht übermäßig viel beitragen, außer die anonymen Netzuser zwingen sie dazu. Kant meinte ja durchaus, dass man sich selbst nicht alleine befreien kann, es dazu die Hand von anderen braucht. Wenn man sich die heutigen Medien anschaut, dann kann man fast eine Art paradoxe Umkehrung des Medienprinzips sehen: statt dass die Medien die Leser aus ihrer jeweiligen Nacht holen, ist es zumindest durch das Netz inzwischen umgekehrt und dieses versucht jenen die Nacht zu nehmen.

  7. Das 20. Jahrhundert war in den ersten zwei Dritteln voll mit "Großen Männern" und übergreifenden Gesellschaftskonzepten. Das Ergebnis: zwei Weltkriege, ein Holokaust, und Abermillionen zerstörter Seelen.

    Und jetzt eine Generation, die "lediglich in Bereichen wie Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft 'staunenswerte' oder gar 'brillante Köpfe', nicht aber in der Politik" hervorgebracht habe. "Lediglich" ist ja schon ein Witz. Wichtiger aber, dass unsere Zeit offensichtlich keine Visionäre hervorbringt, da die Zeiten dazu einladen, eine Politik "des Durchwurstelns" (englisch: of muddling through) zu betreiben, eine Politik also, die die Grundlagen für immerhin so akzeptabel hält, dass man darauf aufbauen kann; eine Politik, die Techniker der Politik hervorbringt anstatt Politiker mit Erlöserambitionen.

    Es werden auch wieder schlechte Zeiten kommen. Dann werden wir auch wieder "große politische Persönlichkeiten" haben. Freut Euch nicht darauf.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service