Julius von Bismarck peitscht für sein Kunstwerk "Punishment I" die Alpen in der Schweiz.

Wie klein der Mensch ist. In den Auswerfungen der Erde, zwischen Berg und Eis, ist er kaum zu sehen. Die Natur erscheint massiv, gewaltig und unverrückbar. Der Mensch ist das einzige, was sich rührt: Er schwingt den rechten Arm, über die Schulter zurück, dann nach vorne schnellend; in dieser Bewegung geht der ganze Körper mit.

Julius von Bismarck peitscht die Erde. Unter seinen Hieben splittern kleine Körner von der Oberfläche des Eises, wieder und wieder. Schließlich beugt sich der kraftvolle Mann vornüber, erschöpft von den Schlägen und von der Kälte.

Die Peitschenhiebe, der Kampf zwischen Mensch und Natur bis zur eigenen Erschöpfung, sind Teil des Kunstwerks Punishment I von Julius von Bismarck. Die filmische und fotografische Dokumentation und die Peitsche werden bis zum 24. März in der Galerie Alexander Levy in Berlin gezeigt. Von Bismarck aktualisiert in seinem Werk eine Legende aus vorchristlicher Zeit: Der altpersische König Xerxes I. ließ zur Vorbereitung eines Krieges gegen Griechenland zwei Schiffbrücken bauen. Diese Schwimmbrücken überquerten die Meerenge Hellespont, die heutigen Dardanellen. Die Brücken wurden durch Unwetter zerstört; Xerxes befahl, das Meer mit 300 Peitschenhieben zu strafen – und damit zugleich den Meeresgott Poseidon.

Fast 2500 Jahre später reiste von Bismarck mit einer Bullenpeitsche in die Schweizer Alpen , an die Atlantikküste, nach Rio de Janeiro und New York City. "Ich wollte mich an der Natur abarbeiten", sagt er. Er erinnere sich daran, wie Kinder mit einem Stock auf Bäume und Büsche einhacken. Der französische Philosoph Albert Camus habe diesen "Grundtrieb" in Der Mensch in der Revolte gut interpretiert: "Was bedeutet es, wenn der Mensch gegen die Natur revoltiert und sich emanzipieren will?"

Die Arbeiten von Julius von Bismarck sind als künstlerische Forschung zu verstehen, als Versuch und Methode zugleich, die im Allgemeinen als getrennt begriffenen Systeme der Kunst und Wissenschaft zu verbinden. "Ich ziehe meine Inspiration aus der Wissenschaft und arbeite künstlerisch", sagt von Bismarck. Für ihn war es nicht leicht, einen Platz zwischen den Disziplinen zu finden: "Ich wusste nicht, dass ich mit meinen Interessen eine Beschäftigung haben kann."

Von Bismarck, geboren 1983, wuchs die ersten sieben Jahre in Riad in Saudi-Arabien auf. Auf dem Gymnasium in Berlin wählte er Kunst und Physik als Leistungskurse. Während seines Studiums der visuellen Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin (UdK) sei er "für das Maschinenbasteln respektiert worden", das künstlerisch-intellektuelle Feedback aber habe ihm gefehlt. Zur Zeit ist er Meisterschüler bei Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente der UdK.

Mit seinem Vordiplom wurde von Bismarck 2008 bekannt: Er erfand den Image Fulgurator . Äußerlich eine analoge Kamera, funktioniert der "Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotografien" wie ein Projektor. Die Projektion wird ausgelöst durch die Blitzlichter anderer Kameras, und ist nur in den Aufnahmen anderer zu sehen. Von Bismarck nutzte seine Erfindung, um Botschaften in Bilder auf Großveranstaltungen zu schmuggeln .

Beim Besuch des US-Präsidenten Barack Obama im Juli 2008 in Berlin erschien ein Kreuz auf seinem Rednerpult. Bei den Demonstrationen am 1. Mai 2009 projizierte von Bismarck den Bundesadler auf die Brust von Polizisten. In Peking schmuggelte er eine Friedenstaube über das Porträt Maos am Eingang der Verbotenen Stadt, gegenüber des Tienanmen-Platzes. Als der Papst 2011 auf dem Weltjugendtag in Madrid sprach, erschien über ihm auf den Fotos ein großes "NO". In keinem von der Presse veröffentlichten Fotos waren die Projektionen zu sehen; offenbar wurden sie aussortiert.

Werbeagenturen boten von Bismarck viel Geld für den Image Fulgurator , doch der Künstler lehnte ab. Ihm geht es darum, "die Bildwahrnehmung zu ändern". In seinen Arbeiten verschiebt er die Grenzen technischer Medien wie Foto- und Filmkameras. Die Grenzen von Institutionen zu verschieben, bleibt hingegen schwierig. Als von Bismarck in die ZDF.kultur-Sendung Konspirative Küchenkonzerte eingeladen wurde, verlangte er, "die Hautfarbe des Publikums zu ändern". Er sollten nur Afrikaner im Studio sitzen, die gerade als illegale Einwanderer nach Hamburg gekommen waren. "Ich hätte das schön gefunden", sagt von Bismarck, "das hätte beim Zappen irritiert – und genau auf diesen Moment hatte ich es abgesehen." Wenige Tage vor der Aufzeichnung scheiterte das Casting. Von Bismarck setzte durch, dass er, die Moderatoren und das Publikum schwarz geschminkt werden .