Euro-Krise "Deutsche und Griechen zeigen ihre schlechteste Seite"
Warum es ein Unglück ist, ein Grieche zu sein: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Nikos Dimou über den Minderwertigkeitskomplex eines Landes
© Louisa Gouliamaki/AFP

Angestellte des öffentlichen Dienstes demonstrieren vor dem Parlament in Athen, 19. Februar 2012.
In Griechenland hat das berühmteste Buch des Schriftstellers Nikos Dimou seit seiner ersten Veröffentlichung 1975 bereits 30 Auflagen erlebt. Jetzt erscheint endlich auch die deutsche Übersetzung (Über das Unglück, ein Grieche zu sein. Aus dem Griechischen von Gerhard Blümlein. Kunstmann Verlag, 80 S., 7,95 Euro). Vor dem Hintergrund der Kampfs der Griechen gegen die drohende Staatspleite bekommen viele Sentenzen des Buchs neue Aktualität. "Die Griechen müssen sich neu erfinden, wenn sie in der heutigen Welt überleben wollen", schreibt Dimou im Nachwort. Die Krise strapaziert auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen. Die beiden Völker hadern miteinander. Griechenland sei "eine grausame Geliebte", schreibt Dimou, der in München Philosophie studierte: "Schließ Griechenland ins Herz, und Du kriegst einen Infarkt."
Frage: Herr Dimou, sind Sie unglücklich?
Nikos Dimou: Als Grieche ja. Das ist die These *dieses Buches. Ich bezeichne es als eine philosophisch-satirische Meditation über das Schicksal der Griechen. Die philosophische These des Buches ist, dass der Mensch sowieso unglücklich ist, weil er niemals alle seine Wünsche verwirklichen kann, vor allem nicht den wichtigsten: die Unsterblichkeit. Aber ein Grieche ist unglücklicher als die meisten anderen Menschen, weil für ihn die Distanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit besonders groß ist – denken Sie nur an die Spaltung zwischen der glorreichen Vergangenheit und der miserablen Gegenwart.
Frage: Womit wir bei der gegenwärtigen Misere Ihres Landes sind. "Ein Grieche lebt zweimal über seine Verhältnisse und verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann." Das haben Sie vor 37 Jahren geschrieben. Die aktuelle Krise kann Sie nicht überrascht haben.
Dimou:Nein, das hat sie nicht. Dieses Zitat stammt aus dem Kapitel Die griechische Übertreibung. Sie ist ein wichtiges Merkmal des griechischen Charakters. Diese Übertreibung befindet sich im Kern jeder Tragödie oder Komödie, denn Komödie und Tragödie sind Formen der Übertreibung. Der tragische Held versucht etwas, was nicht machbar ist, und der komische Held übertreibt ebenso. Ein Grund der Krise ist diese Übertreibung: die Lust, alles zu haben, alles zu geben, alles zu genießen, ohne zu bedenken, dass nicht alles machbar ist. Der zweite Grund: Die Griechen sind nicht rational. Sie denken mit dem Gefühl. Das macht es ihnen so schwer, diese Krise zu bewältigen.
Frage: Hat es mit der Krise zu tun, dass Ihr Buch erst jetzt, fast vier Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung, in deutscher Sprache erscheint?
Dimou:Ja, so ist es. Ich bin sicher, dass man mich anklagen wird, von der Krise zu profitieren und das Ansehen der Griechen herabzusetzen. Aber ich glaube, dass es kein antigriechisches, sondern ein progriechisches Buch ist, entstanden aus Liebe zu Griechenland. Denn wirkliche Liebe bedeutet nicht zu verherrlichen, sondern kritisch zu beobachten, um seinem Land zu helfen. Ich sehe es jetzt als einen Botschafter, der den schwierigen griechischen Charakter unseren Freunden oder Feinden erklären kann.
Dimou:Viele Griechen betrachten es als ein humoristisches Buch. Aber das ist eine Form der Abwehr. In Wirklichkeit ist das Buch nicht zum Lachen. Es ist ein satirisches Buch. Humor macht gute Laune. Aber Satire ist bitter. Für einen Griechen ist dieses Buch im Grunde eine Qual. Denn es ist keine lustige Sammlung von Aphorismen über das Zukurzkommen der Griechen, sondern ein bitteres Nachdenken über ihr tragisches Schicksal, gespalten zu sein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Norden und Süden, Osten und Westen.
Frage: Ihr Buch handelt auch von der Last des antiken Erbes, von der, wie Sie schreiben, "unmenschlichen Vollkommenheit" der Vorfahren. Liegt dort eine der Wurzeln der heutigen Probleme?
Dimou:Jedenfalls liegt in dieser schwer erträglichen Last der Antike eine Quelle unseres Minderwertigkeitskomplexes. Eine andere Quelle ist der unbefriedigende Vergleich mit den "höher entwickelten" Zeitgenossen, mit Europa. Wann immer ein Grieche von Europa spricht, schließt er Griechenland automatisch aus. Aber wenn ein Ausländer von Europa spricht, ist es undenkbar für uns, dass er Griechenland nicht mit einschließt.
Frage: Wegen der Krise wandern mehr Griechen aus als je zuvor seit den sechziger Jahren. Diesmal nicht ungebildete Arbeitskräfte,sondern Facharbeiter und Akademiker. Verliert das Land seine besten Talente?
Dimou:Ich fürchte, ja. Es gibt viele junge Leute, die mit dem System der Vetternwirtschaft und der Korruption nichts zu tun haben wollen. Leider emigrieren die meisten von ihnen. Man muss ja fast ein Masochist sein, um in Griechenland zu bleiben und hier etwas bewegen zu wollen.
Frage: Sie kennen die Deutschen, Sie haben in München studiert. Was läuft verkehrt im deutsch-griechischen Verhältnis?
- Datum 22.02.2012 - 18:46 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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Mir ist völlig Wurscht, ob die Griechen beleidigt sind: ich habe keine Lust in ein so marodes korruptes System einzuzahlen, was ich ja im Moment tue. Nicht: schmeißt die Griechen aus dem Euro, ist richtig, sondern wir müssen aus dieser Lotterwährung raus.
zwischen deutschland und griechenland gibt es -zum glück!!!- sooo viele unterschiede, das kann nie zusammenpassen!
wenn das da eine art meditation geben würden, dann wäre ich auf das ergebnis seeehr gespannt => I have a dream ,-))))
frage mich immer öfters ernsthaft:
ein profi-mediator könnte, wenn er denn gewollt wäre!!!, schon viel erreichen?!
Entfernt. Bitte verzichten SIe auf Polemik. Dnake, die Redaktion/se
meine zwei Sätze gegen den Demou waren polemisch, und die zwei Kommentare da oben eine ganz *normale Meinungsäußerung?
Fein....man dachte sie wären hier anders. ICH dachte sie wären anders- seit Jahre lese ich die Zeit -es wird wohl zeit sie abzubestellen!
Erfreulich das auch einfach mal sachlich die Lage der Griechen erläutert wird. Kann dazu auch diesen Artikel empfehlen http://www.novo-argumente...
Situation und Lebensumstände der Griechen einzigartig - allein diese Attitüde eines ganzen Volkes zeugt schon von einer Impertinenz ohnegleichen. Statt seinen Hauptsponsor permanent zu beleidigen und zu bedrohen, sollte der geneigte Grieche sein Augenmerk lieber mal auf die irischen, isländischen oder portugisischen Kollegen richten die - ganz ohne um sich zu schlagen und Gott und die Welt zu bedrohen und zu beleidigen - deutlich einsichtiger zeigen und vondaher auch wesentlich besser aus dem Schlamassel befreien.
Es ist einfach billig, sich hierzulande (in D) über ein Volk lustig zu machen, das auch nur genauso manipuliert wird wie wir hierzulande. Wenn es da Krawalle gibt, so sind das in erster Linie von interessierten Kreisen in Gang gebrachte _innenpolitische_ Proteste. Gegen Deutschland wird vielleicht pro forma demonstriert, aber innerlich ist den Leuten dort völlig klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.
Die sind mehr oder weniger in derselben Situation wie die Ostdeutschen nach der Maueröffnung und dem Zusammenbruch IHRES Wirtschaftssystems, das ziemlich viele Gemeinsamkeiten mit dem griechischen hatte... und es sind WENIGER Menschen.
Eine Bitte noch an die Redaktion: bitte vereinheitlichen Sie die Schreibweise des Namens "Dimou" (im Interview heißt er nach klassischem Sprachverständnis "Demou", aber das griechische H/η in "Νίκος Δήμου" wird als "i" gesprochen...)
Es ist einfach billig, sich hierzulande (in D) über ein Volk lustig zu machen, das auch nur genauso manipuliert wird wie wir hierzulande. Wenn es da Krawalle gibt, so sind das in erster Linie von interessierten Kreisen in Gang gebrachte _innenpolitische_ Proteste. Gegen Deutschland wird vielleicht pro forma demonstriert, aber innerlich ist den Leuten dort völlig klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.
Die sind mehr oder weniger in derselben Situation wie die Ostdeutschen nach der Maueröffnung und dem Zusammenbruch IHRES Wirtschaftssystems, das ziemlich viele Gemeinsamkeiten mit dem griechischen hatte... und es sind WENIGER Menschen.
Eine Bitte noch an die Redaktion: bitte vereinheitlichen Sie die Schreibweise des Namens "Dimou" (im Interview heißt er nach klassischem Sprachverständnis "Demou", aber das griechische H/η in "Νίκος Δήμου" wird als "i" gesprochen...)
Es ist einfach billig, sich hierzulande (in D) über ein Volk lustig zu machen, das auch nur genauso manipuliert wird wie wir hierzulande. Wenn es da Krawalle gibt, so sind das in erster Linie von interessierten Kreisen in Gang gebrachte _innenpolitische_ Proteste. Gegen Deutschland wird vielleicht pro forma demonstriert, aber innerlich ist den Leuten dort völlig klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.
Die sind mehr oder weniger in derselben Situation wie die Ostdeutschen nach der Maueröffnung und dem Zusammenbruch IHRES Wirtschaftssystems, das ziemlich viele Gemeinsamkeiten mit dem griechischen hatte... und es sind WENIGER Menschen.
Eine Bitte noch an die Redaktion: bitte vereinheitlichen Sie die Schreibweise des Namens "Dimou" (im Interview heißt er nach klassischem Sprachverständnis "Demou", aber das griechische H/η in "Νίκος Δήμου" wird als "i" gesprochen...)
Liebe/r Meine@Meinung,
wir haben die Schreibweise vereinheitlicht. Danke für Ihren Hinweis.
Beste Grüße
D. Hugendick
Liebe/r Meine@Meinung,
wir haben die Schreibweise vereinheitlicht. Danke für Ihren Hinweis.
Beste Grüße
D. Hugendick
Liebe/r Meine@Meinung,
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Beste Grüße
D. Hugendick
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