Alexander Kluge"Wir sind Glückssucher"

Am Dienstag feiert Alexander Kluge 80. Geburtstag. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Filmemacher über seine neuen Bücher, Berliner Kindheitseindrücke und die Zeit mit Adorno. von Peter Laudenbach

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge  |  © Peter Kneffel dpa

Alexander Kluge, geboren am 14. 2. 1932, gehört zu den eigenwilligsten und produktivsten Künstlern in Deutschland. Seit den sechziger Jahren ist er ein radikaler Autorenfilmer (Abschied von gestern) und seit den achtziger Jahren auch ein unabhängiger TV-Produzent. Für sein literarisches Werk (Lebensläufe) erhielt er unter anderem 2003 den Georg-Büchner-Preis. Zuletzt sind von ihm erschienen: Das fünfte Buch, Suhrkamp Verlag, 564 S., 34,95 Euro, sowie Personen und Reden im Wagenbach Verlag, 142 S., 15,90 Euro.

Frage: Herr Kluge, Ihr erstes Buch, Lebensläufe, erschien vor 50 Jahren. Ihr neues mit 402 Geschichten trägt den Untertitel Neue Lebensläufe. Was ist ein Lebenslauf?

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Alexander Kluge: Normalerweise sagt man, ein Lebenslauf ist das, was man bei einer Bewerbung vorlegt. Das sind die äußeren Fakten. So schauen Menschen von außen auf die Lebensläufe anderer Menschen. Aber diese Lebensläufe schauen zurück. Und sie schauen mit den Augen all ihrer Erfahrungen und aller Lebenszeiten des jeweiligen Lebensläufers. Ein Lebenslauf hat viele Zimmer, viele Zeiten. Mein Lebenslauf enthält auch das, was die Großeltern erzählt haben. Erfahrung gelangt in Brocken, in Fragmenten an die jungen Menschen. Es gehört auch dazu, was die eigenen Kinder erleben. Vier Generationen hängen zusammen als ein Erzählraum. In dem ersten Buch, das ich 1962 geschrieben habe, ging es um Lebensläufe, die durch das Jahr 1945 zerrissen wurden. Mich hat erstaunt, wie anders Lebensläufe von 2012 sich erzählen. Heute fällt mir auf, dass auch Gegenstände und Landschaften Lebensläufe haben. Das Ruhrgebiet besteht aus acht Generationen.

Frage: In einem jetzt bei Wagenbach erschienenen autobiografischen Text berichten Sie, wie Sie als vierjähriges Kind Ihre Großeltern in Berlin besuchen und mit der U-Bahn durch die Stadt fahren. Ist das Berlin von 1936 für Sie im Berlin der Gegenwart noch präsent?

Kluge: Für mich sind die Bilder von damals Gegenwart. Ich stand im letzten Waggon des Zuges und war dort als "Zugschaffner" tätig. In der U-Bahn gibt es, wenn man hinten auf die Schienen hinaussieht, jenen schnellen Wandel von Hell und Dunkel. Diese "bewegten Bilder": Das war mein erster Film, wenn Sie so wollen. Der Geruch ist mir unvergesslich. Die Dichte, die Berlin für mich hatte, kann man sich heute kaum vorstellen. Für dieses Provinzkind aus Halberstadt war in der Großstadt alles sehr überraschend. Das Berlin von 1936 ist für mich stärker als jeder Gegenwartseindruck. Ich verwechsle das Berlin des Jahres 2012 nicht mit dem Berlin von 1936. Ich bin ein nüchterner Mensch. Aber ich glaube, dass wir – jeder anders – eine ganze Menge von diesen Wirklichkeiten mit uns herumtragen. Verblüffend ist, dass diese Eindrücke sich untereinander vertragen. Das ist kein romantischer Irrationalismus, sondern eine Beobachtung. Diese unterschiedlichen Wirklichkeiten in uns befinden sich in einem Austauschverhältnis. Das trägt uns. Das 21. Jahrhundert ist überkomplex. Eine Masse von Objektivität stürmt auf uns ein, von Problemen und nicht bearbeiteten Konflikten. Deshalb sollte man sich so stark verankern, wie man nur kann. Deshalb beschäftigten mich jetzt auch meine Vorfahren sehr stark.

Frage: Tauchen deshalb in Das fünfte Buch so viele Geschichten über Ihre Großeltern und Urgroßeltern auf?

Kluge: Das ist der Grund. An diesen Geschichten ist fast nichts erfunden. Jeder von uns hat 16 Urgroßeltern. Meine sind offenkundig äußerst verschieden. Sie kommen aus unterschiedlichsten Regionen. Ein Familienzweig kommt aus Mittelengland nach Köpenick und errichtet dort eine Fabrik. Ein anderer kommt aus dem Eulengebirge, in der Nähe ist Karl May geboren, dort waren auch die Aufstände der schlesischen Weber. Dieser Urgroßvater kommt nach Berlin, meldet sich zum Landsturm, der 1848 die Revolution bekämpft, und darf zur Belohnung eine Eckkneipe in Berlin eröffnen. Ein anderer Familienzweig kommt aus Eisleben, Luther-Stadt. Aus Frankreich kommt die Tochter eines Jakobiners, sie heiratet in Deutschland. Eigentlich müssten solche unvereinbaren Gegensätze miteinander Krieg führen, aber das tun sie nicht. Ich finde es zauberhaft, dass in uns, in unseren Körpern, in unseren Kindern, solche Verschiedenheiten existieren. Sie bilden dort ein Gemeinwesen. Das ist für mich tröstlich, wenn auf der anderen Seite vom US-Verteidigungsminister erklärt wird, im April, Mai oder Juni komme es zu einem Luftangriff auf den Iran.

Frage: Sie sagen, unser Lebenslauf hätte viele Zimmer. Betreten Sie auch fremde Zimmer?

Kluge: Das nennt man in der Literatur Empathie, "Einfühlung". Der Autor versetzt sich in andere Menschen hinein. Noch immer rede ich übrigens im Geiste mit meiner Großmutter mütterlicherseits. Sie lebte in Berlin, 101 Jahre ist sie geworden. Auch die Lebewesen, die die Eiszeit vor 500 Millionen Jahren überstanden haben, gehören zu unseren Vorfahren, das ist unsere Mitgift. Seitdem ist in unseren Zellen, auch in unseren geheimen, unterirdischen Gedanken, das Wissen enthalten, dass es stets einen Ausweg gibt. Wir haben "mehr Glück als Verstand". Unsere Vorfahren, die noch keine Menschen waren, haben jene Eiszeit überstanden. So eigenartig das klingt, aber wir haben Kräfte in uns, die seit Millionen Jahren ihre Bewährungsprobe hinter sich haben. Daraus können wir Vertrauen ziehen.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für das sehr interessante Interview.

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