Offener Brief"Tatort"-Autoren beklagen falsch geführte Urheberrechtsdebatte

Frei heißt nicht kostenlos: Mit einem Brief an Grüne, Linke und Piraten mischen sich 51 Drehbuchautoren in die aktuelle Debatte um Leistungsschutz im Internet ein.

In die aktuelle Debatte um das Leistungsschutzrecht und die Vergütung von Kunstschaffenden mischen sich vermehrt die Urheber ein. Nachdem der Musiker und Schriftsteller Sven Regener vergangene Woche im Bayerischen Rundfunk eine Brandrede für die Stärkung des Künstlers in der Gesellschaft gehalten hat, melden sich nun die Drehbuchautoren zu Wort. In einem offenen Brief an Die Grünen, Die Linke, Piratenpartei und Fachausschüsse des Bundestags fordern 51 Tatort-Autoren eine Korrektur der bisherigen politischen Stoßrichtung in der Urheberrechtsdiskussion. Die Debatte liefe vor allem deshalb fehl, weil sie ohne die Urheber geführt werde.

"Bisher behaupten die Grünen, Piraten, die sogenannte Netzgemeinde und junge Netzpolitiker aller Parteien die Deutungshoheit und erklären der analogen Gesellschaft, dass das 'viel zu komplizierte Urheberrecht' dringend modernisiert werden müsse, dass die Nutzer besser gestellt werden müssten, dass das 'Teilen des Wissens' einfach zum Internet gehöre, dass das geistige Eigentum lediglich 'ein Kampfbegriff der Verwertungsindustrie' und ohnehin 'jeder User ein Künstler' sei", schreibt der Verband Deutscher Drehbuchautoren in seiner Pressemitteilung. In dem Brief führen die Autoren fort, es sei Zeit, dass sich die Adressaten von "ein paar Lebenslügen" verabschiedeten.

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Problematisch sei die demagogische Suggestion, das Urheberrecht stehe dem Grundrecht auf freien Zugang zu Kunst und Kultur im Weg. Frei bedeute keineswegs kostenlos. "Diese politische Verkürzung (...) dient lediglich der Aufwertung der User-Interessen, deren Umsonstkultur so in den Rang eines Grundrechtes gehievt werden soll", schreiben die Verfasser. Das Grundrecht auf geistiges Eigentum hingegen werde marginalisiert.

Die Drehbuchautoren stellen sich vor die Rechteinhaber und Verwerter. Es könne nicht angehen, dass die großen Plattenfirmen und Verlage als blutsaugende Übeltäter hingestellt würden und nicht "Google, YouTube und die anderen Internetserviceprovider, die sich dumm und dämlich daran verdienen, illegale Kontakte zu vermitteln". Filme, Musikproduktionen, Werbekampagnen, Designprodukte könnten schließlich erst realisiert werden, wenn die Ideen der Urheber mit Kapital und Vermarktungswissen zusammenkämen.

Abschließend empfehlen die Verfasser allen Parteien, sich zunächst von ihren Kulturpolitikern über den Zusammenhang von Kunst und materieller Absicherung informieren zu lassen: Die nachhaltige Produktion hochwertiger Kultur könne nicht amateurhaft organisiert werden. Sie verweisen auf die Kreativindustrie als wichtigen Wirtschaftsfaktor der postindustriellen Bundesrepublik. Daher sollten "alle politischen Kräfte den Urhebern bzw. ihren Verbänden helfen, das Urhebervertragsrecht zu verbessern".

CCC: "Wir kämpfen auf derselben Seite"

Der Chaos Computer Club (CCC) reagierte umgehend - "ganz kess als Vertreter der von Euch angeprangerten 'Netzgemeinde'" - und stellte klar: "Wir kämpfen eigentlich auf derselben Seite, aber Ihr merkt es nicht einmal." Auf Netzpolitik.org kommentiert Leonhard Dobusch, "das Pamphlet der Tatort-Autoren" bediene sich "einer unredlichen Argumentationsstrategie", die die Debatte nicht voranbringe. Es sollte vielmehr der Versuch unternommen werden, "berechtigte Kritik auch anzuerkennen. Wie das gehen könnte, zeigt die ebenfalls von Kulturschaffenden gestartete Initiative Copylike".

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Leserkommentare
  1. "Auch ein Autor, der Drehbücher an den ÖR verkauft, kämpt täglich ums überleben. Bitte erst einmal informieren, bevor man so einen Unsinn postet."

    genau die Exponenten jener deutschen Fernsehkultur, die sich des drittmaligen Aufgusses feistester Gemeinplätze und Klischees bedient,
    dies mit dem Gestus kaum verhohlener Lustlosigkeit und Häme, nach der der Rezipient ohnehin nichts anderes wolle.

  2. "Für den Künstler ist es egal, ob jemand, der keine Lizenz kaufen will, das Produkt illegal nutzt oder garnicht (er kann den Unterschied auch überhaupt nicht feststellen)."

    Wenn jemand keine Lizenz kaufen will und das Produkt illegal nutzt, würde eine Lizenz (oder die CD) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit doch kaufen, wenn ihm wirklich etwas daran gelegen ist und er nur so an das Produkt kommt. Die Leute, die massenhaft songs horten, weil das so einfach geht, sind nicht das Problem.

    Wie halten Sie es übrigens mit anderem immateriellen Eigentum wie Patenten oder Software?

  3. Ganz schlichtweg kommentiert: Ja.

    Der Mensch will materielle Güter, für die bezahlt er gern. Die Verkörperung der Geistestat, bspw. ein gebundenes Buch, eine brillant gemischte CD, macht die Geistestat zum erworbenen Gut, jederzeit und berechtigt benutzbar. Offenbar muss die Branche insoweit unter mangelnder Nachfrage nicht so leiden wie sie tut.

    Nun wurden hier andere Dinge angesprochen, digital verbreitete Inhalte, also Musik, Text, Fotos, Video.

    Alle, bis zurück zum Urheber, müssen sich wohl mittlerweile klarmachen, dass "die Dinge sind wie sie sind". Ein anderer User hier sprach was von insoweit erforderlichen neuen Regelwerken. Das wird stimmen. Das Einbetonieren nicht mehr funktionieren könnender alter Regeln hilft niemandem.

    Ich bin selbst verärgert, wenn jemand sich mit meinen Fotos schmückt, ohne meine GNU-Lizenz zu beachten. Und wenn der seine kommerzielle Website mit ihnen attraktiver macht oder sie gar weiterverkauft, dann neige sogar ich zu einer ungemütlichen Reaktion. Na, "würde" soll ich sagen, es ist meines Wissens noch nicht passiert.

    Andererseits will ja nun wiederum auch ich den multiplizierenden Effekt des Inets nutzen. "Haste gesehen? Guck auch mal, das ist von dem und dem".

    Diese Tatort-Texter haben Angst. Dass sie, wie all die ab 75 Cents aufwärts honorierten Fotografen im Microstock landen könnten.

    Gar nicht, dass ich ihnen das an den Hals wünsche - aber "Eins, zwei, drei, im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit..."

    • dacapo
    • 30. März 2012 20:19 Uhr
    244. au weia

    Ich möchte mal wissen, wie die Begeisterten "Freibueter" ihr Geld verdienen. Es werden wohl unsere neuen Kulturschaffenden. Da dann mal zu, au weia.

  4. "Die wenigsten Filme spielen eine "ordentliche Rendite" ein. Die Block-Buster mögen das hinbekommen, die kleineren und oftmals, zumindest in meinen Augen, wesentlich besseren Filme nicht."

    Und Sie glauben wirklich, dass die "Kleinen Filme" alle kostenlos gesaugt werden, während für Block-Buster brav bezahlt wird? Als ob nicht GERADE Block-Buster im Internet z.T. schon kurz nach dem Kinostart im Internet zu finden sind, während es die kleinen Filme - wenn überhaupt - erst zum DVD-Start gibt.

    Im Grunde genommen würde das zitierte "Argument" bedeuten, dass erst das massenweise Vorhandensein illegaler Kopiermöglichkeiten einen Erfolg ausmacht. Ausser natürlich, es liegt am Werbe- und PR-Etat...

    Antwort auf "Grööhl..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    für den Siegeszug von Sony im Videospielebereich.
    Man nutzte ganz bewusst die gute Kopierbarkeit der Playstation CDs gegenüber den Modulen der Konkurrenz als Verkaufstreiber.

    Warum wird wohl immer und überall ausgerechnet ein MS Produkt am Arbeitsplatz benutzt?
    Weil die Kopie erst für die massenhafte Basis an erstaunlich kostengünstig geschulten Mitarbeitern brachte.

    Wem nutzt das Urheberrecht?
    http://www.heise.de/tp/artikel/33/33092/1.html

    Ausm Heiseverlag, daher hoffe ich halbwegs unverdächtig.

  5. Mmmmh, bin selber freiberuflicher Werbe-Grafiker...

    Ich bekomme mein Geld aber von meinem Auftraggeber, für den ich einen definierten Auftrag erledige. So kalkuliere ich auch. Ich bin noch nie auf die Idee, gekommen, ich könnte ja für ein Layout/Reinzeichnung nochmal abkassieren, weil es auch im Internet auftaucht.

    Ich finde, dass zumindest Werbe-Kreative ihr Honorar mit dem eigentlichen Auftraggeber aushandeln sollten, und damit hat es sich dann bitte auch!

  6. Meines Erachtens haben Guttenberg und Koch-Mehrin kommerziell betrogen, weil Sie damit Ihren Doktor-Titel unberechtigt erlangt haben, den Sie dann überstolz vor sich her getragen haben.

    Nach meinem Wissen gibt es keinen Befürworter eines an das Internet angepassten Urheberrechts, der es gutheißt, dass Kopien kommerziell verwertet werden dürfen, d.h., dass damit Geld verdient wird, ohne die Rechteinhaber zu beteiligen.

    Es geht vielmehr darum, beim Versuch der Durchsetzung dieser Rechte doch bitte nicht über das Ziel hinaus zu schießen, indem z.B. in Zukunft schon das Zitat einer Headline (im Zweifelsfall auch für Privatpersonen) kostenpflichtig gemacht wird, oder eben nocht schlimmer: untersagt werden kann.

    Antwort auf "Freiheit des Konsums"
  7. Oder doch eher GELD!

    Natürlich haben auch Ideen an sich einen Wert, manchmal sogar einen umwälzenden. Nehmen Sie nur mal die Idee, dass wohl eher die Erde als Planet um die Sonne kreist anstatt umgekehrt. Wann ist denn die mal vom "Markt" bezahlt worden?

    Manchmal ist es einfach nur gruselig, wenn Menschen nur noch "wirtschaftlich" denken.

    Antwort auf "MARKTWERT."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Grüne | Google | Die Linke | Absicherung | Chaos Computer Club | Debatte
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