Er ist gerade mal 1,68 groß und hat die Statur eines Fliegengewichtlers. Zweifel an seiner Strahlkraft und seiner Durchsetzungsfähigkeit aber hegt der engelblonde Headhunter Roger Brown deswegen nicht. Im Gegenteil: Das Beste und Exquisiteste ist für den drahtigen Gernegroß gerade gut genug. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass er hinter dem Lenkrad seines chromblitzenden Daimler wirkt wie ein Zwölfjähriger, dem man ein Kissen unter den Hintern geschoben hat, damit er übers Steuer sehen kann. Und es kratzt ebensowenig an seinem Ego, dass er neben seiner Frau Diana – einer aparten Künstlerin und Galeriebesitzerin, die ihn um einen Kopf überragt – wie eine zweimotorige Cessna neben einer Langstreckenrakete wirkt.

Roger Brown ist der Protagonist des Thrillers Headhunters von Jo Nesbø, der jetzt verfilmt wurde. Roger Brown sieht sich in der Superschwergewichtsklasse und hat längst begriffen, dass "unterdurchschnittliche Körpergröße eine Triebfeder ist, andere Dinge zu erschaffen". Und so bastelt er denn auch emsig an immer neuen Kompensationsstrategien, um die Galerie seiner Frau und die kostspielige Villa samt Fuhrpark am Laufen zu halten – und den persönlichen Kreditberater bei Laune. Hauptberuflich agiert der wendige Marathonmann im Auftrag multinational operierender Konzerne als Headhunter und Trüffelschwein, das es offenbar wie kein Zweites vermag, die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Dass er dabei hochkarätige Bewerber mit der Wendung abblitzen lässt, "man steigere seinen Marktwert nur durch Empfehlungen anderer", gehört bei dem Chefzyniker Brown zum Tagesgeschäft.

Der Jäger der Kunstschätze wird zum Gejagten

Doch weil die zweifellos opulenten Prämien für seine Vermittlertätigkeiten schon lange nicht mehr ausreichen, um sein ungezügelt luxurierendes Dasein in der Spur zu halten, hat sich der kunstverliebte Brown – dem eisigen Diktat seines Kreditgebers gehorchend – irgendwann notgedrungen eine lukrative Nebenerwerbsquelle zugelegt: Gemeinsam mit einem gut vernetzten Hehler und stupiden Waffennarr bringt er sündhaft teure Kunstwerke an den Mann, die er zuvor eigenhändig aus den Wohnungen potenter Kunstsammler stiehlt. Hier ein geklauter Monet, da ein entwendeter Chagall – und Browns Wahnsystem geht in die nächste Runde. Bis er in seinem scheinbar perfekt inszenierten Treiben eines Tages in Person des ehemaligen und mit allen Wassern gewaschenen Frontkämpfers Clas Greve an den Falschen gerät – und aus dem Jäger nach Kunstschätzen ein Gejagter wird, dessen Kampf ums eigene Überleben zu einem Sprint durch die Hölle wird.

Brown hat es auf das lange als verschollen geltende Rubens-Gemälde abgesehen, das in Greves Wohnung steht. Er ahnt allerdings nicht mal, dass Greve, der auf den ausgeschriebenen Top-Job aspiriert, den Brown aktuell zu vergeben hat, einst höchst erfolgreich als Entwickler mikroskopisch kleiner Wanzen zur Personenortung tätig war, und als Mitglied einer Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung Kampferfahrung besitzt. Aus dieser durchaus reizvollen Gemengelage hat der norwegische Krimiautor Jo Nesbø 2010 einen Hochgeschwindigkeitsthriller geformt, der auf ebenso rasante wie intelligente Weise vorführte, wie überzeugend Genreliteratur sein kann, die sich für die Motivationen ihrer Figuren, so oder so zu fühlen oder zu handeln, interessiert.

Nun hat der norwegische Regisseur Morten Tyldum, dem 2003 mit seinem Film Buddy ein spektakulärer Erfolg an den norwegischen Kinokassen gelang, Nesbøs Stoff in Filmbilder transponiert. Das Resultat ist eine Art filmische Strichfassung des Romans – gut gemachtes Actionkino made in Norway, dem allerdings jede Tiefe abgeht. Denn hier wird wie mit dem Hammer filmerzählerisch agiert. Mit ungebrochenem Willen zum Rasanten werden Nesbøs Textbilder solange überhitzt, plattgetreten und verkleinert, bis am Ende eine Kollektion planer Actionsequenzen steht, die bestenfalls noch erahnen lässt, was Nesbø dereinst mit dem Psychogramm seines unter Dauerdruck stehenden Protagonisten im Sinn hatte. Sicher: Wie Tyldum es versteht, den Zweikampf zwischen Brown (Aksel Hennie) und Greve (Nikolaj Coster-Waldau) als ruheloses Jagen und Gejagtwerden zu inszenieren, das drückt den Zuschauer gut einhundert Minuten lang in die Sessel.

Auch Tyldums Film wird zum Verhängnis, was schon in der filmischen Umsetzung der Stieg-Larsson-Trilogie zu bemängeln war: Zwischentöne, wie sie der Autor einst in seinen Texten anschlug, kamen im Film nicht mehr vor. Wo   Nesbø die Großaufnahme eines Mannes schuf, der das kapitalistische Prinzip mit der gleichen Rücksichtslosigkeit zelebriert, die schon den Zocker Gordon Gekko im Film Wall Street ins Verderben führte, da zeichnet Tyldum das wenig tiefenscharfe Bild eines komplexbeladenen Davonläufers, der seiner Liebsten den so sehnlich artikulierten Kinderwunsch ebenso beharrlich verweigert, wie er weiter stoisch daran glauben will, dass ihn sein Höllenritt am Ende doch noch ins Ziel führen wird (was ja dann auch so ist).

Cineastischer Tunnelblick verflacht Film

So verengt sich die Filmerzählung Zug um Zug zu einer Art cineastischem Tunnelblick, der uns bald nichts anderes mehr sehen lässt als den nicht enden wollenden Zweikampf zwischen Brown und Greve um Macht und Browns kurzzeitig abtrünnig gewordene Ehefrau Diana (Synnøve Macody Lund). So hat Tyldums Film am Ende leider nicht mehr zu bieten als eine atemlose Hetzjagd, hinter welcher das Ehedrama und der perfide Wirtschaftsthriller, welcher der Film hätte werden können, abgeschlagen zurückbleiben. Einen wirklichen Lichtblick allerdings markiert Aksel Hennies wendiges, scharf akzentuiertes Spiel, mit welchem dieser bei uns viel zu wenig bekannte Akteur ansatzweise fühlbar werden lässt, was in dem strauchelnden Glücksjäger vorgeht, als er etwa in einer randvollen Kloschüssel abtaucht, um dem finalen Todesschuss seines Widersachers zu entgehen.

Nesbös Roman schließt mit den Worten: "Ich bin Headhunter. Das ist nicht sonderlich schwer. Aber ich bin der beste von allen." Wie schwer es allerdings ist, dieses angeblich nicht sonderlich Schwere in überzeugende Filmbilder zu übertragen, das demonstriert unfreiwillig Tyldums Adapation.