Thomas von Steinaecker: To-Do-Listen fürs ganze Leben
Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker sucht eine authentische Sprache. Ein Interview über Arbeit und Utopie, die Optimierung des Selbst und das Urheberrecht.
ZEIT ONLINE: Herr von Steinaecker, nach der Lektüre Ihres neuen Romans könnte man glauben, die moderne Arbeitswelt sei der schlimmste Ort auf Erden.
Thomas von Steinaecker: Ich würde sagen, sie ist faszinierend. Ich gehöre ja auch der sogenannten Generation Praktikum an. Zwar war ich nicht in der Finanzwelt tätig, aber die Konzepte der modernen Arbeitswelt habe ich kennengelernt. Fasziniert hat mich vor allem das geschlossene System, seine Hierarchien und Mechanismen.
ZEIT ONLINE: Die Versicherungskauffrau Renate Meißner, die Hauptfigur des Romans, scheint in dieser Welt des allzeit blinkenden Blackberrys aufzugehen.
Von Steinaecker: Ja, sie geht vollkommen darin auf, bis ins Fleisch. Weil sie alle beruflichen Anforderungen nicht nur auf ihr Denken bezieht, sondern auch auf ihren Körper.
ZEIT ONLINE: Aber ist das nicht schrecklich?
Von Steinaecker: Es ist das Reizvolle an dieser Figur. Es läge für einen Schriftsteller nahe, diese Figur als schlechtes Modell darzustellen, sie zu karikieren. Mir war es wichtig, dass man Renate Meißner auch positiv lesen kann. Als eine, die an dieser Art von "Selbstoptimierung" Spaß hat, an Zehn-Zentimeter-Absätzen und so weiter. Sie ist der Idealtyp des Angestellten, der Traum jedes Arbeitgebers.
ZEIT ONLINE: Ihr Roman ist auch eine Auseinandersetzung mit der Sprache der Arbeit. Renate Meißner wird beherrscht von diesem Jargon, von To-Do-Listen für das ganze Leben. Was ist an diesem Jargon so interessant?
Von Steinaecker: Dass letztlich nichts das bedeutet, was es zu sein scheint. Wenn man einen Nebensatz sagt wie "Wenn ich ganz ehrlich bin", ist das ein Signal dafür, dass man jemandem etwas vormacht. Auch Sätze wie "Ich habe es in mir" sind angsteinflößend. Ich hatte das Gefühl, ich gehe über das Eis der Sprache und breche ein.
ZEIT ONLINE: Wenn Sprache unser Instrument ist, um die Welt zu beschreiben – führt dieser Jargon nicht zu einer Entwirklichung? Zu einer deformierten Wahrnehmung?
Von Steinaecker: Zunächst setzt Deformation einen Normalzustand voraus. Ich wüsste nicht, wie der aussehen sollte. Deswegen bin ich skeptisch bei dieser Verurteilung der Arbeitswelt als anormale Welt. Weil ich nicht weiß, was das Gegenmodell ist. Ich wollte aus dem Kontext dieses Orwellschen Neusprechs, der in Politik und Wirtschaft vorherrscht, vordringen zu einer authentischen Sprache. Das war meine Mission Impossible.
ZEIT ONLINE: Renate Meißner wirkt wie eine Maschine, die nichts mehr außerhalb des Arbeitskosmos denken kann.
Von Steinaecker: Das ist ja auch ihr Problem. Sie möchte funktionieren. Da stellt sich die Frage: Was ist unter dieser optimierten Oberfläche überhaupt noch echt? Renate Meißner hat ihren Stoffhasen, den sie als Glücksbringer mit sich führt. Das macht sie individuell. Oder wenn sie in einem schrecklichen Moment die Nummer ihrer toten Mutter wählt und ihr das erst später auffällt. Im Grunde sind das alles kitschige Dinge, aber da kommt sie ganz zu sich selbst.
ZEIT ONLINE: Brauchen wir alle solche kitschigen Momente?
Von Steinaecker: Wir alle haben unseren kleinen Stoffhasen, den wir heiß und innig lieben und der Teil von uns selbst ist. Ist das peinlich oder kitschig oder nicht doch auch hochindividuell?
ZEIT ONLINE: Wie wäre Ihre Antwort?
Von Steinaecker: Ich habe darauf keine Antwort.





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