Istanbul: Müzik liegt in der Luft
Wie einst an Europas Fürstenhöfen: Ein türkischer Unternehmer spendiert Istanbul ein Sinfonieorchester. An dessen Dirigentenpult steht ein Österreicher.
Es klingt wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Ein schwerreicher Türke leistet sich ein eigenes Sinfonieorchester, einfach so zum Spaß, weil er klassische Musik liebt. Gut vier Millionen Euro lässt sich Ahmed Kocabiyik das Borusan Istanbul Filarmoni Orkestasi pro Saison kosten.
1944 gründete Kocabiyiks Vater Asim eine Firma zur Herstellung von Rohren aller Art, die sich schnell zu einem der größten Mischkonzerne der Türkei entwickelte. Heute setzt die Borusan-Holding jährlich rund 2,6 Milliarden Dollar um, ist auch in den Bereichen Logistik, Telekommunikation und Energie aktiv und kontrolliert den kompletten BMW-Import ins Boomland am Bosporus.
Im Erfolgreichen-Viertel Sariyer, dort, wo an der Strandpromenade Yachten dümpeln, mit denen sich auf dem Weg zur Arbeit der Dauerstau auf Istanbuls Straßen umschiffen lässt, befindet sich Ahmet Kocabiyiks Hauptquartier. In einer aufs Feinste renovierten Jahrhundertwendevilla in bevorzugter Hanglage.
Grandios ist der Blick auf das sonnenglitzernde Wasser schon von der Straßenebene aus, atemberaubend durch die Fenster im siebten Stock, in dem der Chef sein Refugium hat. Eine dieser sündteuren High-End-Hifianlagen mit Röhrenverstärkern steht hier, diskret serviert der Butler Gourmethäppchen. Während der Blick noch über die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke schweift, die sich oberhalb der Borusan-Zentrale 1,5 Kilometer lang übers Wasser spannt, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, knäckebrotdünn die Fahrbahn, filigran die Stahlseilkonstruktion, betritt Ahmet Kocabiyik den Raum. Ein feiner Herr von 57 Jahren, Typ Umberto Eco, ein Anti-Tycoon, das Gegenteil eines Businessalphatiers.
Mit sanfter Stimme beginnt er von seiner Liebe zur zeitgenössischen bildenden Kunst zu erzählen – und von der Freude, die es ihm bereitet, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Kocabiyik ist überzeugt, dass ein inspirierendes Ambiente die Menschen glücklicher macht. Daher lässt er die Büros seiner Mitarbeiter mit Objekten aus seiner 600 Werke umfassenden Privatsammlung ausstatten. Darum öffnet er die Headquartervilla am Wochenende für Besucher, die dann durch alle Räume streifen können, vorbei an exquisiter Fotokunst, farbenfrohen abstrakten Gemälden und Videoinstallationen bis hinauf in Kocabiyiks Zimmer.
Der Borusan-Chef ist einer dieser altmodischen Mäzene mit ungekünstelter, fast naiver Freude an schönen Dingen. Ein klassischer Philanthrop, kein Sponsor, der Kunstförderung lediglich als Marketingtool zur Förderung des Firmenimages begreift. Weil sich sein Imperium zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet, kann er so agieren wie einst die europäischen Fürsten, die aus ihrer Privatschatulle Hofkapellen und Operntruppen finanzierten.
Kocabiyiks Liebe zur westlichen müzik, zu Beethoven, Brahms und Co. keimte recht spät auf. Auch wenn sein Vater Asim zu den Mitbegründern des Istanbul Music Festival gehörte, interessierte sich der Filius zunächst vor allem für Pop. Jethro Tull waren seine Lieblingsrocker, darum schenkte ihm seine Frau irgendwann eine Querflöte, so wie Bandleader Ian Anderson sie spielt. Er nahm Unterricht, wurde neugierig auf Sinfonisches, begann, Orchesterkonzerte zu besuchen.
Das war damals, Anfang der achtziger Jahre in Pittsburgh. Denn natürlich hat Ahmet Kocabiyik eine europäische Erziehung genossen, erst auf der deutschen Schule in Istanbul, dann an Universitäten in Großbritannien und den USA. Mit seinem Eintritt in die väterliche Firma begann er dann auch sofort, eigene Akzente im Bereich des corporate citizenship zu setzen, des gesellschaftlichen Engagements. 1993 trat sein Kammerorchester erstmals auf, bereits 1999 wurde die Truppe zur vollen Sinfoniestärke aufgestockt und Gürer Aykal zum Generalmusikdirektor berufen. Heute unterhält Borusan außerdem ein Streichquartett, einen Kinderchor sowie eine öffentliche Musikbibliothek. 2010, als Istanbul den EU-Kulturhauptstadttitel tragen durfte, wurde in der Fußgängerzone beim Taksim-Platz zudem das firmeneigene Music House eröffnet, mit Übungsräumen, einer Ausstellungsfläche und einem 100-Plätze-Saal, in dem Kammerkonzerte mit türkischer Kunstmusik, Zeitgenössischem oder Jazz stattfinden.
Natürlich würde es der introvertierte Manager niemals so formulieren, doch Kocabiyiks Engagement lässt sich auch als politisches Statement interpretieren. Als liberale Gegenbewegung zum konservativen Kurs des Premiers Erdogan, als Zeichen an das restliche Europa, dass die Türkei reif ist für den Beitritt. War es Zufall, dass rechtzeitig zur Vorbereitung auf das EU-Hauptstadtjahr ein Österreicher den Taktstock beim Borusan Istanbul Filarmoni Orkestasi übernahm? Dass sich die Findungskommission für Sascha Goetzel aussprach, den Sohn eines Wiener Philharmonikers? Seit Herbst 2008 formt der smarte Maestro das Ensemble nach seinem Gusto. Türkisch allerdings spricht der 41-Jährige kaum, die Proben werden in englischer Sprache abgehalten. Ein Gastarbeiter, der jeden Monat aus seiner Heimat einfliegt.








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Mit 12 Konzerten im Jahr und sog. modernen wirtschaftlichen Prinzipien - was nichts anderes heißt, als dass der Orchesterträger keine Verantworung für seine Musiker übernimmt, sondern gibt ihnen "Gigs" zu spielen und macht sie so von sich abhngig - wird das eine langjährige Eintagsfliege werden.
Trotzdem eine erstklssige Idee und Angelegenheit, auch wenn es so bestimmt nicht für die ersten 15 Orchester Europas oder der Welt reichen wird, allenfalls auf der Marketingskala.
Es gibt ja, Gott sei es gedankt, auch Orchester, die Subventionen erhalten, und nicht so schläfrig spielen, wie die Zuhörer sind, die sich über die Beamtenmentalität aufregen.
Orchester hin oder her, wenn man bedenkt wie viele Menschen für nur wenige Dollar am Tag in İstanbul arbeiten müssen, und noch mehr Menschen hungern... Vier Millionen Euro für Liebe an westlicher Musik ist keine Unterhaltung, sondern ist ein Beweis wie sehr die Diskrepanz zwichen Arm und Reich ist.
Kein Thema das Musik auch zum Leben gehört, doch sollte man nicht Geld für wichtigere Sachen investieren und trotzdem Publicity für die Firma machen?
Seltsamerweise wird bei solchen Projektorchestern, die "nur die besten Musiker" engagieren, aber bitteschön nur projektweise, damit "keine Beamtenmentalität" aufkommt (und das Ganze natürlich schön billig bleibt), immer verschwiegen, dass dieselben Musiker gewöhnlich in anderen Orchestern (auch deutschen) fest angestellt sind oder als Professoren arbeiten.
Sonst wäre es auch schlicht nicht möglich, soviel zu üben, dass man dieses hohe Niveau erreicht oder sich auf diesem hält.
Noch nie habe ich aber gesehen, dass sich einer derjenigen, die sich ein solches Projektorchester halten, bei denjenigen bedankt, die für die Ausbildung und den Lebensunterhalt ihrer Musiker sorgen - den Steuerzahlern.
Tabellen in Istanbul http://www.tabloal.com
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