Christlich-jüdische KirchenmusikPassion zwischen Bach und Bar-Mizwa

Drei jüdische Künstler und Intellektuelle haben neue Texte für Bachs Johannespassion geschrieben. Jetzt wird die Version im Berliner Dom aufgeführt. Ein Sakrileg? von Claudia Keller

Unter einem Dach: Sowohl die Originalversion als auch die alternative Johannespassion wird im Berliner Dom zu hören sein.

Unter einem Dach: Sowohl die Originalversion als auch die alternative Johannespassion wird im Berliner Dom zu hören sein.  |  © Thilo Rückeis

Mitglieder der Berliner Domgemeinde sind empört und drohen mit Austritt. Sie fürchten um Bachs Johannespassion, das Herzstück protestantischer Anbetung. Denn drei jüdische Künstler und Intellektuelle haben die Arien mit neuen Texten unterlegt – viele halten das für ein Sakrileg. Am kommenden Freitag soll die neue Fassung im Dom uraufgeführt werden.

Die meisten neuen Arien-Libretti hat Shulamit Bruckstein Coruh beigesteuert. Sie unterrichtet jüdische Philosophie, kuratiert Ausstellungen und hat die Denkwerkstatt Ha'atelier für Philosophie und Kunst mitbegründet. Vor allem ist Bruckstein Coruh Bach-Fan. Bis heute ist sie tief gerührt, wenn sie die Choräle, Rezitative und Arien hört, die vom Leiden und Sterben Jesu Christi erzählen. Auch ihre Eltern und Großeltern verehrten Bachs Meisterschaft – wie viele andere deutsch-jüdische Familien auch. Schließlich war es Felix Mendelssohn Bartholdy , ein zum Protestantismus konvertierter Jude, der die Matthäuspassion 1829 wiederentdeckt und mit der Berliner Singakademie aufgeführt hat. Seine Großmutter soll ihm die Partitur zur Bar-Mizwa-Feier geschenkt haben.

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"Oft haben sich Familien des jüdischen Bildungsbürgertums Karfreitag in die Kirchen geschlichen, um Bachs Passionen zu hören", sagt Bruckstein Coruh. "Doch konnten wir uns nie wirklich zu Hause fühlen." Denn da war der antijüdische Text, der "den Jüden" Mordlust unterstellte und sie allein verantwortlich machte für Jesu Tod. Die Römer, die den historischen Jesus gekreuzigt haben, kommen gut weg. Bach hielt sich an die Bibel, an die Evangelien von Matthäus und Johannes mit ihrer antijüdischen Hetze. Es gibt historische Gründe dafür, Juden und Christen konkurrierten miteinander, nicht immer mit feinen Worten. Matthäus und Johannes lieferten den Christen der späteren Jahrhunderte den Vorwand für die Judenverfolgung. Der Satz "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" zog eine Blutspur bis nach Auschwitz .

"Wir wollten kein Anti-Stück daraus machen"

Shulamit Bruckstein Coruh, die Musikwissenschaftlerin Ruth HaCohen aus Jerusalem und der amerikanische Komponist Sidney Corbett haben die Rezitative, die das Evangelium nacherzählen, und die Choräle mit den schlimmsten antijüdischen Passagen allerdings nicht angetastet. Sie haben sich auf die Arien konzentriert, in denen das Geschehen kommentiert wird und es um die Gefühle geht, um Mitleid und Reue, um Verzweiflung und Barmherzigkeit. "Wir wollten kein Anti-Stück daraus machen", sagt Bruckstein Coruh. Aber der Evangelist sollte am Ende nicht mehr alleine dastehen mit seinem Plot, mit seinem fingerzeigenden "Jüden an den Pranger".

Sie haben nicht neu gedichtet. Das war auch nicht nötig. Sie brauchten nur in sich hineinzuhorchen, es war alles da. "Wir haben unsere inneren seelischen Register nach poetischen Versatzstücken abgesucht, die möglichst präzise, emotionale Entsprechungen zu den barocken Texten nahelegen." Die Trauerarie Zerfließe, mein Herz; erzähle der Welt und dem Himmel die Not, dein Jesus ist tot , erinnerte Bruckstein Coruh an das hebräische Klagelied Darob weine ich; denn fern ist von mir der Tröster, der meine Seele erquickt .

Bei der Arie Von den Stricken meiner Sünden klang in ihr das Morgengebet des jüdischen Versöhnungstages Jom Kippur an: "Sind wir halsstarrig, du bist voller Huld, sind wir voll Schuld und Sünde, du bist voll Erbarmen."

Für andere Arien fand sie Entsprechungen in Gesängen des rabbinischen Gelehrten Moses Maimonides (1135-1204), in Texten des sephardischen Dichters Jehuda HaLevi (1075-1141) oder bei dem muslimisch-sufischen Meister Dschalaluddin Rumi (1207-1273).

Leserkommentare
    • th
    • 19. März 2012 17:46 Uhr

    oft sind die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Texte Bachscher Meisterwerke sowieso, von heute aus gesehen, auch aus anderen Gründen eher fragwürdig ...

    Problematisch wird es dort, wo der Inhalt der Evangelien womöglich im Kern verändert wird. Und dieser Kern ist nicht Antisemitismus (übrigens in diesem Zusammenhang ein Anachronismus, zumal die Autoren der betreffenden Evangelien wahrscheinlich selbst Angehörige des jüdischen Volkes waren), sondern die christliche Heilslehre.

    Wenn man die Texte nun mit folgender Absicht ändert:
    "So soll die Johannespassion jüdischen Hörern nähergebracht werden, auch Muslimen und Atheisten. Es geht nicht mehr in erster Linie um Jesus als Gottes Sohn, sondern um existenzielle Erfahrungen, um Empathie mit einem sterbenden Menschen.", so schreibt man ein neues Werk, dessen Inhalt nicht mehr der von Bach vertonte ist.

    Das kann man natürlich machen - wir könnten auch Koran-Suren in unserem Sinne abändern, oder Passagen des alten Testaments, die unserem Denken nicht mehr entsprechen - es gibt da viele fargwürdige Passagen - man muss sich nur darüber klar sein, was man da tut.

    Den Originaltext der Johannes-Passion findet man hier:
    http://opera.stanford.edu...

    Und da gibt es gar nicht so viel "antisemitisches" zu ändern, sofern man nicht den gesamten Ablauf in Frage stellt. Die Hohepriester verhören Jesus und verdammen ihn, aber sie lassen ihn zu dem Römer Pilatus bringen, und die Römer martern und töten ihn.

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    • Atan
    • 19. März 2012 17:51 Uhr

    Pathos bedarfs, um ein ein doch ganz interessantes künstlerisches Experiment zu rechtfertigen. Schon John Neumeier nahm die Matthäus-Passion als Grundlage eines beeindruckenden Balletts, klassische Musik ist ständig neuen Interpretationsversuchen ausgesetzt, historische Aufführungspraxis "konkurriert" mit neuen Lesarten, ohne dass hier ein ausschließender Wahrheitsanspruch erhoben werden sollte.
    Allerdings werden Vorurteile und Gewalt nicht in erster Linie durch klassische "Texte" verursacht, dafür ist die Geschichte zu widersprüchlich.
    Entscheidend ist doch wohl, dass sich für religiöse Texte heute ganz andere Interpretationsformen durchgesetzt haben, und das pure "Wörtlichnehmen" kennzeichnet ja gerade heutzutage die fundamentalistische Sichtweise. Ständig muss man in antiislamischen Proklamationen lesen, der Koran fordere dieses und jenes, die Thora ist ebensowenig frei von Schriftstellen, die polemisch platt als "alttestamentarisches" Gottesbild gedeutet werden können.
    Wenn man also die historisch-menschenfeindlichen Sichtweisen durch plattes Wörtlichnehmen der Texte quasi als authentisch bestätigt, liefert man die Klassiker schlicht den Fundamentalisten aus, seien sie jüdisch, christlich und muslimisch.

    Eine Leserempfehlung
    • th
    • 19. März 2012 18:22 Uhr

    wenn sie einfach so schreibt:

    "Bach hielt sich an die Bibel, an die Evangelien von Matthäus und Johannes mit ihrer antijüdischen Hetze."

    Man findet natürlich in den heiligen Schriften aller drei abrahamitischen Religionen Passagen, welche man vom heutigen Standpunkt als "Hetze" ansehen kann. Es ist immer eine Frage der - gutwilligen oder böswilligen - Interpretation.

    Auch die katholischen Heiligenlegenden sind voll von grausigen Taten der Römer, ohne daß man deshalb von "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" sprechen würde.

    Wenn in einem - hypothetischen - Text über die Hinrichtung des Giordano Bruno stünde, dass das römische Volk der Hinrichtung zusah, oder in einem Text über Jan Hus etwas über den deutschen Pöbel von Konstanz, in einem Text über Michael Servet etwas über die schweizer Bürger von Genf - dann wäre das ebenfalls nicht zu beanstanden.

    Das Problem liegt also viel tiefer - einerseits in der christlichen Anbetung Jesu, welche das schreckliche Ereignis der Kreuzigung aus anderen Geschehnissen heraushebt, und andererseits in dem abgründigen Zwang innerhalb des Christentums, solche Hinrichtungsszenen mit irgendwelchen "Ketzern" bis zur Zeit der Aufklärung immer neu zu inszenieren.

    An diese Probleme kommt man mit ein wenig umdichten nicht heran.

    Fazit:
    Warum nicht neue Texte?
    Ist es wirklich noch die Johannes- bzw. Matthäus-Passion?
    Ist man so wirklich der Lösung des Problems der antisemitischen Interpretation der Passionsgeschichte nähergekommen?

    • th
    • 19. März 2012 18:30 Uhr

    das neue Testament?

    Hat sie sich mit verschiedenen Interpretationen auseinandergesetzt?

    Oder hat sie mal eben schnell so etwas hingeschrieben?

    Bevor man einer religiösen Schrift einfach so "Hetze" vorwirft, sollte man sich schon gründlich informieren und ernsthaft darüber nachdenken.

    Kleiner Hinweis: das Christentum war nicht nur in Deutschland verbreitet - sogar eher weniger als in vielen anderen Ländern der Welt, wo vergleichbare Massenmorde nicht stattgefunden haben, und von wo aus das NS-Regime aktiv bekämpft wurde. Die Verknüpfung Evangelien -> Auschwitz mag also für einen Deutschen plausibel sein, aber nicht unbedingt z.B. für einen Amerikaner ...

  1. Das kann und sollte man nicht "unterlaufen",
    auch nicht "behutsam".
    Man kann es annehmen oder ablehnen, aber
    darf es nicht im Text ändern.

    Es gibt in religiösen ,jüdischen Texten
    sehr vieles, auf das sich Rabbiner wie
    O. Yosef und andere beziehen, und was
    weit entfernt ist von jeder "political
    correctness".
    Aber auch das ist ein Teil der Religion
    und ihrer Geschichte.
    Man sollte sich damit auseinandersetzen,
    nicht zensieren und einfach abändern.

    • th
    • 19. März 2012 19:01 Uhr

    den Text zur Matthäus-Passion findet man hier:

    http://opera.stanford.edu...

    hauptsächlich kritikwürdig ist die folgende Passage aus dem neuen Testament:

    "Sie schrieen aber noch mehr und sprachen:
    - Laß ihn kreuzigen!
    Da aber Pilatus sahe, daß er nichts schaffete, sondern daß ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach:
    - Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu.
    Da antwortete das ganze Volk und sprach:
    - Sein Blut komme über uns und unsre Kinder.
    Da gab er ihnen Barabbam los, aber Jesum ließ er geißeln und überantwortete ihn, daß er gekreuziget würde."

    Auch hier ist es wieder eine Frage der Interpretation, ob man den Akzent auf "Volk" im Sinne von "Menge" legt - das Wort "Jude" oder "jüdisch" kommt hier nicht vor -
    oder ob man den Akzent auf "Volk" im Sinne von "Volk der Juden" legt. Das muss man dann aber schon hineindenken, da ja auch die Anhänger Jesu Juden sind.

    Es bleibt die Tatsache, dass Jesus von den Römern hingerichtet wurde, wie es auch im Glaubensbekenntnis heisst:
    "... gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben ..."

    Mir geht es nicht um eine Entschuldigung des Antisemitismus, sondern darum, zu zeigen, dass die antisemitische Interpretation des Neuen Testamentes missbräuchlich ist, und etwas in den Text - abgesehen von der obigen Passage - hineinlegt, was dort so nicht steht.

    Zugegeben - ein Text, der missbraucht werden kann, ist problematisch.

    • th
    • 19. März 2012 19:25 Uhr

    legt die Ansicht nahe, dass die Philosophin Almut Shulamit Bruckstein Coruh nicht gerade eine Verfechterin der These vom christlich-jüdischen Hintergrund der europäischen Kultur ist, sondern vielmehr auf gemeinsame Denktraditionen von Judentum und Islam abhebt.

    z.B.
    "http://www.tagesspiegel.de/kultur/islam-debatte-die-juedisch-christliche-tradition-ist-eine-erfindung/1954276.html"

    • th
    • 19. März 2012 19:36 Uhr

    und Offenheit gegenüber provozierendem Gedankengut ist eigentlich positiv - spricht doch eigentlich eher für das heutige Berliner Christentum - aber eine christliche Kirchengemeinde sollte auch nicht blauäugig sein und sich ihren Glauben nicht weginterpretieren lassen.

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