" Confronting Comfort ", mal die eigenen Ansprüche, die eigene Bequemlichkeit im städtischen Raum hinterfragen – dieses Motto wollte sich das Berliner BMW Guggenheim Lab aufs Banner schreiben. Von Mai an sollten hier Stadtsoziologen, Architekten und fachverwandte Experten das Thema mit lokalen Initiativen und Bürgern diskutieren. Nun müssen sich der Geldgeber BMW und das kuratierende Guggenheim Museum aber erstmal selbst mit ihrer Komfortzone beschäftigen. Denn Berlin ist für das Prestigeprojekt ziemlich unbequem geworden.

Die Brache, auf der das Lab – eine offene Hallenkonstruktion aus Karbonfaser, die noch bis Oktober in New Yorks Lower Eastside stand – errichtet werden sollte, liegt in Kreuzberg an der Spree . In einem Viertel also, in dem sich Fragen des städtischen Zusammenlebens und der Stadtentwicklung sehr konkret stellen. Und das, finanzschwach und multikulturell wie es ist, auf diese Fragen immer wieder gute Antworten gefunden hat. Eine ist das von Anwohnern organisierte Mayfest, das immer am 1. Mai genau in den Straßen tobt, in denen Randalierfreudige früher Steine in Schaufenster schmissen.

Gegen das Lab in Kreuzberg formierte sich eine Initiative aus lokalen Gentrifizierungsgegnern . Angeblich linksextreme Gruppen drohten zudem mit Störung der Veranstaltungen und Sachbeschädigung. Daraufhin hat das Guggenheim die Uferbrache in Kreuzberg aufgegeben . Ein Aufschrei in Medien und Politik folgte: Linksextremisten seien ein Standortrisiko für Berlin! Man wolle Großstadt sein und scheitere auf Kiezniveau! Nur zur Erinnerung: BMW will an der Spree nicht etwa einen Geschäftssitz bauen, der Arbeitsplätze brächte. Ganz zu schweigen von einer Werkshalle, in der auch nur ein paar Dutzend Berliner Jugendliche einen Ausbildungsplatz bekämen.

Es geht stattdessen um ein Kulturevent, das aus dem Förderetat eines Großkonzerns finanziert wird. Der will damit "ein Publikum erschließen, das bisher nicht zwangsläufig mit BMW in Verbindung kommt", so sagte es der Leiter der BMW-Markenkommunikation dem Marketing-Fachblatt Werben&Verkaufen im Januar. Daraus muss BWM ja auch keinen Hehl machen. Schon in Ordnung, dass ein Autohersteller Autos verkaufen will. Das junge, urbane, eher post-materialistisch eingestellte Milieu, das sich für Fragen des sozialen Zusammenlebens interessiert und über die Zukunft von Versorgung und Mobilität in der Stadt sprechen möchte, ist bislang wohl nicht so BMW-affin. In diesen Kreisen fährt man einen alten Benz oder Volvo – oder Fahrrad.

Hauptsache, es sieht nach Standortinvestition aus

Aus demselben Grund haben sich vor BMW schon Audi und Mercedes auf ihre Weise um die Zukunft der Stadt gekümmert. Mercedes war mit der Smart Urban Stage vor ein paar Jahren in Berlin präsent. Dass die Öffentlichkeit – abgesehen von den wenigen Glücklichen, die eine Probefahrt im E-Smart machen durften – langfristig davon profitiert hat, kann man nicht gerade behaupten.

Nun kommt also Gegenwehr aus Kreuzberg. Die Androhung von Gewalt ist immer ein unlauteres Mittel, auch wenn sie sich nur auf Gebäude oder Gegenstände richtet. Doch so zu tun, als sei die Befürchtung völlig aus der Luft gegriffen, dass solch ein Leuchtturmprojekt eine Gegend für Investoren mit privaten Verwertungsinteressen als sicher und eroberbar markiert, ist es genauso. "Bewusst aus dem akademischen Diskurs lösen" wollen die Guggenheim-Kuratoren das Thema Stadt. Genau dieser zeigt unbequemerweise regelmäßig auf, dass derlei kulturelle Großevents (in New York kamen 50.000 Besucher) die Situation für einkommensschwache Anwohner verschärfen.  

In Zeitungsartikeln zum Thema wird das Projekt affirmativ als "Ideenpool" und "mobiles Forschungslabor" beschrieben, weil sich die Marketingleute von BMW diese schicken Namen nunmal ausgedacht haben. Das BMW Guggenheim Lab sei ein Zukunftsprojekt, dem man den roten Teppich ausrollen müsse, wirft sich Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit in die Diskussion. Seine Haltung zur Sache folgt der Logik, die er mit der Platzierung der Mercedes Benz Fashion Week eingeführt hat. Großunternehmen haben die Erlaubnis, genau auszutarieren, welcher Ort in der Stadt szenig und sicher, perfekt angebunden und dabei prestigeträchtig genug ist, um ihre Marke zu stärken. Wohl nicht nur aus Platzmangel entschied sich BMW gegen den zuerst gewählten Standort Prenzlauer Berg. Coolnessmangel wird auch eine Rolle gespielt haben.

Mit dem Beginn des postindustriellen Zeitalters, das Großstädte mit ihren Konsum- und Bankenvierteln zu Antriebsfedern der nationalen Wirtschaft gemacht hat, und der allerorts fortschreitenden Urbanisierung sind die Urban Studies ein wichtiges Forschungsfeld, aber auch Trendthema geworden. Dass BMW und das Guggenheim Museum durchaus renommierte Experten in Berlin über die Zukunft der Stadt reden lassen wollen, ist gut. Die Theorie umsetzen müssen aber eben doch die Bürger einer Stadt und deren politische Vertreter, im besten Fall auf Empfehlung seriöser sozialwissenschaftlicher Forschung. Dazu wird das BMW Guggenheim Lab, ob es nun anderswo einzieht oder nicht, wenig beitragen.

Ein Kreuzberger forderte die Macher des Berliner Labs nach einer ersten Präsentation vor Ort auf , klarzustellen, wie genau die Bürgerbeteiligung am Projekt aussehe: "Wir Anwohner sind bereit mitzumachen, wir wissen nur nicht, wobei". Die Administratoren vertrösteten ihn mit freundlichen Worten. Es war auch eine etwas unbequeme Frage.