Ein Buch, das Sprengstoff birgt? Vier außerhalb der Fachöffentlichkeit kaum bekannte Professoren und Kulturbetriebsfunktionäre fordern in Der Kulturinfarkt, die Zahl der subventionierten Museen und Theater in Deutschland zu halbieren. Die steile These von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz: Ein seit den 70er Jahren explodiertes Überangebot an Subventionskultur stoße auf immer weniger Interesse und blockiere zudem die Entwicklung einer vitalen Kulturindustrie.

Der Spiegel druckte Auszüge, das Buch (288 S., Knaus Verlag) erscheint am 20. März. Schon vorab bekunden Kulturpolitiker und -verbände Befremden und Protest, von Monika Grütters, der Vorsitzenden des Bundestagskulturausschusses, über den Deutschen Bühnenverein, den Musikrat und den Museumsverbund bis zum Deutschen Kulturrat.

Auch wenn der Vorstoß der Kulturmarktliberalen sachliche Fehler und eine erstaunliche Ahnungslosigkeit aufweist, versorgt ihr Buch Hochkulturverächter mit Munition. Die konfliktfreudigen Autoren sprechen neuralgische Punkte an. So trifft ihre Diagnose der "Bedeutungserosion" zweifellos auf das Theater zu. Aber festzustellen, dass Popkultur diskursprägender als die Hochkulturtempel ist, ist banal.

Auch um zu erfahren, dass subventionsgeschützte Selbstreferenz, gekoppelt mit robustem Erwerbsstreben, der Kunst nicht immer gut tut und jede Menge Leerlauf produziert, muss man kein Buch lesen. Der Besuch der letzten, schwer verunglückten Castorf-Premiere oder einer Peymann-Inszenierung genügt völlig. Aber diese Dekadenzphänomene sind ein Auslaufmodell. Schon aus ökonomischen Gründen bauen sich die Theater seit Jahren selbst um und bemühen sich mit großer Energie um neue Zielgruppen. Die Öffnung für Migranten und die Popkultur ist genau so eine Selbstverständlichkeit wie die Versuche, Hartz IV-Empfängern den Theaterbesuch zu ermöglichen. Die elitären Tage sind längst vorbei. Statt diesen Prozess zur Kenntnis zu nehmen, basteln sich die Buchautoren lieber ein Feindbild, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Kultursubventionen erhalten auch Jugendmusik- und Volkshochschulen

Es fängt bei den Zahlen an. Die Autoren behaupten, die Eigeneinnahmen der Hochkulturinstitutionen lägen bei "15 Prozent oder weniger". Das ist Unsinn. Das Deutsche Theater in Berlin beispielsweise erwirtschaftet 25 Prozent seines Etats selbst. Die Behauptung, Kultureinrichtungen seien "dem Druck des Publikums enthoben", dürfte Intendanten amüsieren, deren Vertragsverlängerung von einer zufriedenstellenden Platzauslastung abhängt. Auch dass die Gesamthöhe der deutschen Kultursubventionen im Spiegel-Artikel mit 9,6 Milliarden Euro jährlich, im Buch aber mit 9 Milliarden veranschlagt wird, lässt auf eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit dem Datenmaterial schließen.

So oder so handelt es sich um viel Geld – rund 120 Euro jährlich pro Bundesbürger. Das ist gut dreimal so viel, wie die Deutschen im Lauf eines Jahre für Heimtierfutter ausgeben. Mit den Milliarden werden nicht nur Opern, Theater und Museen finanziert, sondern auch die Denkmalpflege, Bibliotheken, die Filmförderung, Jugendmusik- und Volkshochschulen – also jene Einrichtungen der "Laienkultur", die die Buchautoren gegen die angeblich elitäre Hochkultur ausspielen wollen.

Vor allem die Generalthese, das Hochkulturangebot sei dank üppiger Subventionen stärker gewachsen als die Nachfrage, steht auf wackligen Füßen. Allein die Warteschlange vor der Gerhard-Richter-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie beweist das Gegenteil. Die Nachfrage übersteigt das Angebot – wie bei vielen großen Kunstausstellungen der letzten Jahre. Der Trend ist eindeutig: Zählten die Museen 1990 noch 97 Millionen Besuche, waren es 20 Jahre später 109 Millionen.