"Kulturinfarkt"-DebatteProminente Künstler verteidigen Kulturförderung

Iris Berben, Mario Adorf, Nina Hoss, Günter Grass: Zusammen mit rund 50 anderen namhaften deutschen Kunstschaffenden wettern sie gegen das Buch "Der Kulturinfarkt".

Mehr als 50 namhafte Künstler von Mario Adorf bis Wim Wenders haben in einem gemeinsamen Appell zur Verteidigung der Kultur in Deutschland aufgerufen. Das umstrittene Buch Der Kulturinfarkt sei ein beispielloser Versuch, die Förderung der Kultur durch die öffentliche Hand zu diskreditieren und pauschal als Subvention zu diskriminieren, heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Aufruf. Er wurde auf Initiative von Günter Grass, Wolfgang Rihm, Klaus Staeck, Margarethe von Trotta und Wim Wenders von der Akademie der Künste in Berlin verfasst.

In ihrem im Spiegel abgedruckten Buch-Auszug hatten die Autoren von Kulturinfarkt die Hälfte der deutschen Kultureinrichtungen für verzichtbar erklärt und damit einen Sturm der Empörung in der Szene ausgelöst. Die Mitglieder der Akademie der Künste fragen nun: "Warum verbreitet ein Nachrichtenmagazin eine fahrlässige, von Ungereimtheiten strotzende Polemik als Kampfinstrument gegen eine Gesellschaft", die Kulturinstitutionen als notwendige Errungenschaften erhalten möchte.

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Das Buch sei Ausdruck neoliberalen Denkens, demzufolge Kunst und Kultur dem Diktat der Quote folgen sollten. "Gefragt ist Massentaugliches – alles andere erhält keine festen Förderzusagen mehr." Statt Kultur für alle solle die Kultur offenbar wieder zu einem elitären Gut werden, kritisiert die Akademie der Künste. Die notwendigen Strukturveränderungen im System bedürften jedoch einer ernsthaften und verantwortungsvollen Debatte. "Auf eine alternativlose Kahlschlag-Diskussion werden wir uns nicht einlassen. Sie würde unsere Kulturnation nachhaltig schädigen."

Zu den Unterzeichnern des Appells gehören unter anderem die Schauspieler Iris Berben, Senta Berger, Nina Hoss und Dagmar Manzel, die Regisseure Doris Dörrie, Andreas Dresen, Christian Petzold, Volker Schlöndorff und Andres Veiel, die Komponisten Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann sowie die Publizisten Tilman Spengler, Ingo Schulze und Günter Wallraff.

 
Leserkommentare
  1. darf man nicht die Frösche fragen.

    Würde jemand behaupten, die englische Kulturszene sei arm, unkreativ, bloßer Mainstream, am Absterben? Das Gegenteil ist der Fall. Geht auch ohne Milliarden vom Staat.

    Allerdings muß man dann schon das Publikum gewinnen. Mit Kohlköpfen werfen und auf die Bühne pinkeln reicht dann nicht mehr.

    3 Leserempfehlungen
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    • dth
    • 30.03.2012 um 18:22 Uhr

    Kunst geht nicht als reines Wirtschaftsprodukt und es gibt auch im Englisch-sprachigen raum staatliche Kultureinrichtung oder solche die sich über Stiftungskapital oder durch reiche Mäzene finanzieren. Was an dieser Struktur besser sein soll, sehe ich so nicht.

    aber es gibt einfach um ein vielfaches mehr Theater und Orchester. Das ist schlicht eine Tatsache. Mind. ein Drittel der Opernhäuser weltweit steht in Deutschland. Orchestermusiker und Bühnenschauspieler aus der ganzen Welt kommen hierher, weil sie hier bessere Berufsaussichten haben als anderswo. Wollen wir diesen Schatz wirklich aufgeben?

    • GFrech
    • 02.04.2012 um 11:10 Uhr

    Im vorletzten SPIEGEL war zu lesen, dass die Stadt London ihre Kultur mit etwa 500 Millionen Euro fördert. Und die beiden Opernhäuser sind weit davon entfernt, nur privat finanziert zu werden.
    Mich ärgert es, wenn "einfach so" Behauptungen ohne Beleg in die Welt gesetzt werden. Das dient nicht zur Erhellung der Debatte, sondern ist eine bewußte Irreführung des Publikums. Ich frage mich, was der Verfasser damit bezwecken möchte.

    • dth
    • 30.03.2012 um 18:22 Uhr

    Kunst geht nicht als reines Wirtschaftsprodukt und es gibt auch im Englisch-sprachigen raum staatliche Kultureinrichtung oder solche die sich über Stiftungskapital oder durch reiche Mäzene finanzieren. Was an dieser Struktur besser sein soll, sehe ich so nicht.

    aber es gibt einfach um ein vielfaches mehr Theater und Orchester. Das ist schlicht eine Tatsache. Mind. ein Drittel der Opernhäuser weltweit steht in Deutschland. Orchestermusiker und Bühnenschauspieler aus der ganzen Welt kommen hierher, weil sie hier bessere Berufsaussichten haben als anderswo. Wollen wir diesen Schatz wirklich aufgeben?

    • GFrech
    • 02.04.2012 um 11:10 Uhr

    Im vorletzten SPIEGEL war zu lesen, dass die Stadt London ihre Kultur mit etwa 500 Millionen Euro fördert. Und die beiden Opernhäuser sind weit davon entfernt, nur privat finanziert zu werden.
    Mich ärgert es, wenn "einfach so" Behauptungen ohne Beleg in die Welt gesetzt werden. Das dient nicht zur Erhellung der Debatte, sondern ist eine bewußte Irreführung des Publikums. Ich frage mich, was der Verfasser damit bezwecken möchte.

  2. machen sich stark - wie wärs Frau Berben, wenn Sie mal unbekannten Schauspielerinnen den Vortritt lassen würden? - einfach so, verzichtend auf enorme Gagen? - einmal selbst Nein zu sagen, Sie und Ihr Herr Sohn? - anstatt Unterstützung des Staates zu fordern, wo man doch so weich gebettet ist im Netzwerk - Flagge zeigen Frau Berben , Flagge zeigen Herr Adorf - das wäre mal wirklich ein grandioser Kultur-Ansatz..

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    Redaktion

    Kann man es Prominenten vorwerfen, wenn sie sich zum Fürsprecher der weniger Beachteten machen? Es geht doch den Unterzeichnern des Appells nicht um die große, publikumstaugliche Kunst, mit der viele von ihnen selbst berühmt wurden, sondern um den Schutz der Nischen, in die kaum ein Kulturpolitiker blickt. Es ist davon auszugehen, dass Leute wie Wolfgang Rihm, Nina Hoss oder Günter Grass sehr wohl wissen, unter welchen Bedingungen widerständige, sperrige und damit wichtige Kunst entsteht. Ihr heutiger Status erleichtert es ihnen, dafür einzutreten.

    Offenbar haben Sie nicht verstanden worum es geht. Frau Berben, Herr Adorf und die restlichen Künstler von Rang und Namen, welche diesen Appell unterschrieben haben, setzen sich mit ihrer Bekanntheit gerade für die weniger bekannten Künstler ein, deren Arbeit hier für verzichtbar erklärt wurde. Ja, Kunst ist Arbeit. Ja sie ist notwendig für uns alle und gerade durch ihre Vielfalt so unbeschreiblich wertvoll. Jemanden bei der offensichtlichen Verteidigung von Kultur für egoistisch zu erklären ist schlicht lächerlich.

    Redaktion

    Kann man es Prominenten vorwerfen, wenn sie sich zum Fürsprecher der weniger Beachteten machen? Es geht doch den Unterzeichnern des Appells nicht um die große, publikumstaugliche Kunst, mit der viele von ihnen selbst berühmt wurden, sondern um den Schutz der Nischen, in die kaum ein Kulturpolitiker blickt. Es ist davon auszugehen, dass Leute wie Wolfgang Rihm, Nina Hoss oder Günter Grass sehr wohl wissen, unter welchen Bedingungen widerständige, sperrige und damit wichtige Kunst entsteht. Ihr heutiger Status erleichtert es ihnen, dafür einzutreten.

    Offenbar haben Sie nicht verstanden worum es geht. Frau Berben, Herr Adorf und die restlichen Künstler von Rang und Namen, welche diesen Appell unterschrieben haben, setzen sich mit ihrer Bekanntheit gerade für die weniger bekannten Künstler ein, deren Arbeit hier für verzichtbar erklärt wurde. Ja, Kunst ist Arbeit. Ja sie ist notwendig für uns alle und gerade durch ihre Vielfalt so unbeschreiblich wertvoll. Jemanden bei der offensichtlichen Verteidigung von Kultur für egoistisch zu erklären ist schlicht lächerlich.

  3. und zwar die Künstler als auch die Kunst. Oder glaubt jemand ernsthaft, ein Arbeiterkind würde eine Kunsthochschule besuchen, ein Theater, eine Oper oder sonstwas? Nein, man nimmt eher ein grundsolides Studium und stellt sich Bücher ins Regal. Guckt man sich an, was in der Filmkultur gefördert wird ist das Zeug, was man nicht mal drei Uhr morgens zum Einschlafen gucken würde. Aber ein Film, den niemand sehen will ist eben nichts wert, das kann man drehen wie man will.

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  4. und GEZ-Gebühren nicht nur Sommerhäuser in der Toskana oder Wohnungen in Venedig haben sondern auch ansonsten gut durchs Leben kommen mit dieser Art von Förderung, darf man wohl kaum fragen, ob sie diese für sinnvoll halten.

    Mich wundert, dass jemand glaubt, dort eine sinnvolle Auskunft zu erhalten.

    Wenn mich jemand fragt, ob ich die Arbeit, des Unternehmens, in dem ich mein Geld verdiene, für fortsetzungswürdig halte, würde ich kaum zögern und mit einem klaren "Ja!" antworten...

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  5. Redaktion

    Kann man es Prominenten vorwerfen, wenn sie sich zum Fürsprecher der weniger Beachteten machen? Es geht doch den Unterzeichnern des Appells nicht um die große, publikumstaugliche Kunst, mit der viele von ihnen selbst berühmt wurden, sondern um den Schutz der Nischen, in die kaum ein Kulturpolitiker blickt. Es ist davon auszugehen, dass Leute wie Wolfgang Rihm, Nina Hoss oder Günter Grass sehr wohl wissen, unter welchen Bedingungen widerständige, sperrige und damit wichtige Kunst entsteht. Ihr heutiger Status erleichtert es ihnen, dafür einzutreten.

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    die Zeit ist gekommen für Taten. Unsere marktschreierische Welt ist übersättigt von ewigen Forderungen, von Maßstäben an andere, von so vielen Worthülsen und leerem Geplaudere - es ist an der Zeit selbst Maßstäbe zu setzen, selbst etwas zu tun und Flagge zu zeigen - die Zeit ist reif für echte Helden.

    doch mal, warum Kunst "widerständig und sperrig" sein muß, um "somit wichtig" zu sein. Ist Brahms dann unwichtig? Mahler? Louis Armstrong? Little Walter?

    Diese Sprüche hört man nachts um Eins überm Rotwein in der Theaterkantine.

    die Zeit ist gekommen für Taten. Unsere marktschreierische Welt ist übersättigt von ewigen Forderungen, von Maßstäben an andere, von so vielen Worthülsen und leerem Geplaudere - es ist an der Zeit selbst Maßstäbe zu setzen, selbst etwas zu tun und Flagge zu zeigen - die Zeit ist reif für echte Helden.

    doch mal, warum Kunst "widerständig und sperrig" sein muß, um "somit wichtig" zu sein. Ist Brahms dann unwichtig? Mahler? Louis Armstrong? Little Walter?

    Diese Sprüche hört man nachts um Eins überm Rotwein in der Theaterkantine.

  6. Ohne Frage möchte ich nicht in einer Welt leben, in der Kunst nicht mehr gefördert, sondern nur noch der Massengeschmack bedient wird, der Kohle bringt.

    Aber zur Kultur einer zivilisierten Gesellschaft gehört auch, wie man die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft behandelt. Beispielsweise las ich kürzlich von einem Fall, bei dem eine Hartz-IV-Empfängerin, deren langjähriger Lebensgefährte in einer 100 km entfernten Klinik an einem Herzinfarkt verstarb, weder den Ort, noch den Zeitpunkt des Begräbnisses von der ARGE erfuhr. Der Mann wurde anonym in der Nähe der Klinik bestattet, ein Transport der Leiche in den Heimatort wurde abgelehnt. Diese Frau hat nun keinen Ort, zu dem sie gehen kann, um ihrem Lebensgefährten zu gedenken. Ich halte das für menschenverachtend.

    Wo bleibt denn der Aufschrei der oben genannten Künstler in solchen Fällen?

    Es ist schwach, nur dort den Finger in die Wunde zu legen, wo der eigene Geldbeutel betroffen ist. Kunst ist wichtig, keine Frage. Aber sich für die Kunstförderung einzusetzen und bei existentiellen Dingen zu schweigen, ist heuchlerisch und geradezu auf dem Niveau einer Marie-Antoinette (dann sollen sie halt Kuchen essen).

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    "...sondern nur noch der Massengeschmack bedient wird, der Kohle bringt." Der Massengeschmack? Die "Masse" hat wohl einen schlechten Geschmack? Aber die "Masse" darf dann gerne die Kohle bringen, um einer kleinen Clique von Insidern ihr Hobby zu finanzieren.

    ... hat Ihre rührselige Hartz IV-Geschichte mit dem Thema zu tun? Nichts.
    Dass Sie den vermeintlichen Widerspruch von Kunstförderung und "existentiellen Dingen", wie Sie es nennen, aufmachen, sagt schon alles. Kunst IST existentiell. Sie ist die Erzählung von uns allen in den unterschiedlichsten Medien. Ihre Haltung zeugt von Banausentum.

    "...sondern nur noch der Massengeschmack bedient wird, der Kohle bringt." Der Massengeschmack? Die "Masse" hat wohl einen schlechten Geschmack? Aber die "Masse" darf dann gerne die Kohle bringen, um einer kleinen Clique von Insidern ihr Hobby zu finanzieren.

    ... hat Ihre rührselige Hartz IV-Geschichte mit dem Thema zu tun? Nichts.
    Dass Sie den vermeintlichen Widerspruch von Kunstförderung und "existentiellen Dingen", wie Sie es nennen, aufmachen, sagt schon alles. Kunst IST existentiell. Sie ist die Erzählung von uns allen in den unterschiedlichsten Medien. Ihre Haltung zeugt von Banausentum.

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