Von dem Abend, an dem Petra Müller zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder im Theater war, schwärmt sie immer noch. "Das war so toll. Ich hätte heulen können". Lange konnte die Frührentnerin sich keine Theaterbesuche leisten. Früher arbeitete sie in der Krankenpflege und als Kundenberaterin im Call Center. Für Theaterbesuche war nie Geld übrig. Die Rente, von der sie jetzt lebt, reicht dafür erst recht nicht.

Seit dem Sommer 2011 hat Petra Müller wieder Zugang zu kulturellen Angeboten. Das verdankt sie der Kulturloge Hamburg , einem Verein, der nach ähnlichem Prinzip agiert wie die deutschen Tafeln. Mit dem Unterschied, dass die Kulturloge Hamburg seit rund einem Jahr nicht überzähliges Brot oder Gemüse an Bedürftige verteilt, sondern Tickets für kulturelle Veranstaltungen. Nicht verkaufte Eintrittskarten für Hamburger Theater, das Ballett oder Lesungen, auf denen die Veranstalter sonst sitzen bleiben würden.

Holger Zebu Kluth ist Geschäftsführer des Altonaer Theaters in Hamburg, das die Kulturloge als Spender unterstützt. "Die Idee ist toll", sagt Kluth. "Wir müssen als privates Theater zwar hohe Einnahmen erwirtschaften, aber wir wollen auch die Tür für alle Menschen offen halten." Deswegen gibt er drei bis vier Mal im Monat Tickets weiter an die Kulturloge, mal zwei, mal zehn, für Plätze, die sonst leer geblieben wären: "Eine hundertprozentige Platzauslastung schafft niemand. Da bleiben fast immer ein paar Karten übrig."

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kulturloge rufen dann die registrierten Gäste an und laden diese ins Theater ein. Als Gast kommt in Hamburg jeder in Frage, dessen Einkommen 900 Euro nicht übersteigt. Die Namen der Eingeladenen werden auf einer Liste des Veranstalters notiert. So können sich diese einfach an der Abendkasse melden. Dass sie sich den Eintritt nicht leisten können, weiß dort niemand. Im Gegenteil: "Man wird behandelt wie ein VIP", sagt Kulturlogengast Petra Müller.

Etwa 1.000 Menschen erreicht die Hamburger Kulturloge, 3.000 Tickets hat das Team seit dem Start vor gut einem Jahr vermittelt. Im ganzen Land gibt es Initiativen, die ähnlich arbeiten. Es gibt Kulturlogen zum Beispiel in Berlin , für das Ruhrgebiet , in Gießen , und Ulm , aber auch in kleineren Städten wie Hachenburg im Westerwald oder im hessischen Landkreis Herborn . In München heißt die Initiative Kulturraum , in Bamberg Kulturtafel . In weiteren Städten wie Hannover , Düsseldorf , Leipzig , Dresden , Göttingen sind Logen in Gründung oder in Planung. Alleine von den Logen in Hamburg, Berlin und Marburg profitieren jährlich über 6.000 Menschen.

Doch obwohl die Nutzer über den Service der Kulturlogen glücklich sind und die Veranstalter mit der Zusammenarbeit zufrieden – hinter den Kulissen sind die Logen-Gründer zerstritten. Die Idee, Kulturtickets an Menschen mit geringem Einkommen zu vermitteln, stammt ursprünglich aus dem hessischen Marburg. Seit September 2009 vermittelt Hilde Rektorschek dort Eintrittskarten, seit Februar 2010 ist sie die Erste Vorsitzende der von ihr gegründeten Kulturloge. Weil sie Angst davor hatte, dass Nachahmer das Konzept "verwässern" könnten, hat sie dieses schützen lassen. Genau wie das Logo des Vereins. "Ich wusste gleich, das wird ein Erfolg", sagt Rektorschek. Tatsächlich fanden sich schon bald Ehrenamtliche in ganz Deutschland, die in ähnlicher weise aktiv wurden.