Looking at thingsWie der Diktator zum DJ wurde

Das Phänomen "Looking at things" spiegelt zwei Seiten der bildhungrigen Gesellschaft. Politiker und Kurzzeithelden werden satirisch geklont, während sie Dinge ansehen.

Kim Jong Il, der mittlerweile verstorbene Diktator Nordkoreas, besichtigt die Wonsan-Glasfabrik in der Provinz Kangwon. Das undatierte Foto wurde am 14. Februar 2009 von der staatlichen Nachrichten Agentur Korean Central News Agency freigegeben.

Kim Jong Il, der mittlerweile verstorbene Diktator Nordkoreas, besichtigt die Wonsan-Glasfabrik in der Provinz Kangwon. Das undatierte Foto wurde am 14. Februar 2009 von der staatlichen Nachrichten Agentur Korean Central News Agency freigegeben.

Deutschland schaut auf Christian Wulff. Auf einem Foto, das vor gut drei Wochen zum Rücktritt des damaligen Bundespräsidenten auf tumblr veröffentlicht wurde, halten Bürger ihre Schuhe in die Luft. Darunter steht: Germany is looking at Christian Wulff. Ein anderes Bild zeigt Wulff und seine Frau Bettina, die Wulffs ebenfalls zurückgetretenem Vorgänger Horst Köhler über die Schulter schauen: Christian Wulff is looking at a role model – Christian Wulff schaut auf ein Vorbild. Auf tumblr sind seitenweise Bilder von Wulff in realen oder montierten Situationen zu finden. Eines zeigt ihn mit einer algenverklebten Taucherbrille auf der Stirn und einem Insekt zwischen den Zähnen, Wulff im Dschungelcamp: Christian Wulff is looking at his future career, lautet der Bildtitel, Wulff schaut in seine berufliche Zukunft.


Im Internet finden sich Alben von Fotos und Fotomontagen, die Politiker und Prominente zeigen, wie diese Gegenstände oder Menschen betrachten: Looking at things spiegelt beide Seiten der bildhungrigen Gesellschaft. Als Erfinder der Looking at things-Alben bei tumblr gilt der Portugiese João Rocha. Seit Oktober 2010 archiviert er Bilder des damaligen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il und veröffentlicht sie. Oft zeigen diese Bilder ihn in Fabriken, den Maschinenräumen des abgeschotteten Staates – als würde dort die Produktion blühen und nicht der Hunger.

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Der "Geliebte Führer" schaut auf Reisfelder, DVDs, Riesengurken und Gummistiefel. Er begutachtet Taue, Nähmaschinen, Taschentuchpackungen, Klopapier, Fließbänder. Servil deuten Anzugträger und Uniformierte auf Gegenstände, die er sowieso anschaut. Oft trägt Kim Jong Il seinen rentnerbeigen Parka und eine Sonnenbrille; manchmal ein dunkles Hemd und eine dunkle Hose, immer ein kontrolliertes Gesicht, das ebenso verschlossen wirkt wie sein Land.

Von Kim Jong Il gibt es nur kontrollierte Bilder. Es sind die offiziellen Bilder der nordkoreanischen staatlichen Nachrichtenagentur Korean Central News Agency. Bei westlichen Bildagenturen werden sie mit diesem Hinweis versehen, der Name des Fotografen wird nicht genannt. Bei Getty Images, einer der größten Fotoagenturen der Welt, datiert eines der Fotos von Kim Jong Il auf den 1. Februar 1996. Es zeigt den Diktator, wie er Papiere der Luftwaffeneinheit 436 inspiziert, umringt von Uniformierten. Aus heutiger Sicht wirkt das Foto wie der Prototyp der Looking at things-Bilder.

Wie Staatschefs zu Schauspielern werden

Schnell kopierten andere User die Idee von João Rocha; ohne Kim Jong Il wären diese Nachahmer nur halb so lustig. Vergleichbare Blogs widmen sich Kurzzeithelden der Gegenwart wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder dem Megaupload-Gründer Kim Schmitz aka Kim Dotcom. Und eben Christian Wulff. Die Faszination der Looking at things-Alben speist sich aus der Ästhetik der Ähnlichkeit. Die Kopie wird zum Scherz, mit mehr oder minder politischem Hintergrund. Ihre Skurrilität erhalten die Bilder auch durch Bildunterschriften, die kommentierend auf Ereignisse verweisen, die im Bild so nicht zu sehen sind oder zum Zeitpunkt der Aufnahme so nicht stattgefunden haben.

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Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

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So etwa steht unter einem Foto von Kim Schmitz mit erhobenen Armen am Strand: Looking at the police. Schmitz hat derzeit mit einer Klage wegen Internetbetrugs zu rechnen. Ein Porträt von zu Guttenberg, das ihn beim Lesen zeigt, ist beschrieben mit: Looking at scientific works – Guttenberg schaut auf wissenschaftliche Arbeiten. Natürlich spielt diese Bildunterschrift auf die Plagiatsaffäre des ehemaligen Bundesverteidigungsministers an.

Der Medienphilosoph Vilém Flusser nannte die mit Apparaten erzeugten Bilder "Technobilder": Da sie mit Kameratechnik hergestellt werden, unterlägen sie anderen Codes als klassische Bilder wie etwa Höhlenmalereien oder Mosaike. "Die Welt ist für die Technobilder nicht Ziel, sondern Rohmaterial", schrieb Flusser 1979. Staatspräsidenten, Sportler, Wissenschaftler, Terroristen in Nachrichtensendungen seien "nicht historisch handelnde Helden, sondern Filmschauspieler, die mit einem Auge immer in die Kamera blinzeln".

Leserkommentare
  1. Das arme Internet!

    Soweit ich weiß geht es bei Kim Schmitz vor allem um Urheberrechtsverletzungen...

  2. man kann lustige Internetphänomene auch einfach mal lustige Internetphänomene sein lassen, anstatt sie so bemüht zu intellektualisieren.

    Mein Liebling: "Kim Jong Il wird in diesen Fotomontagen dekonstruiert und zugleich auf merkwürdige Weise nobilitiert. Denn der Diktator betrachtet nicht mehr nur Dinge, er begreift sie im Wortsinn."

    Bitte WAS?

    Reicht es nicht einfach zu sagen, dass es einfach absurd und verdammt lustig ist, einen kommunistischen Steinzeit-Diktator mit David Guetta hinter ein DJ-Set zu montieren?

    14 Leserempfehlungen
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    Die Graphik mit David Guetta ist tatsächlich zum Schreien komisch (ich muss schon wieder lachen, wenn ich nur daran denke ;), auch weil sie gleichzeitig so ungaublich makaber ist.

    Die Graphik mit David Guetta ist tatsächlich zum Schreien komisch (ich muss schon wieder lachen, wenn ich nur daran denke ;), auch weil sie gleichzeitig so ungaublich makaber ist.

    • JAM030
    • 12.03.2012 um 14:21 Uhr

    Als PR- und Medienkritik finde ich diese Foto-Zusammenstellungen gut.

    Doch speziell beim Blog "Kim Jong Looking at Things" regiert nicht nur der Parodie-Effekt, sondern auch eine gewisse Verharmlosung.

    Einerseits wird der menschenverachtende Tyrann in seiner Selbstherrlichkeit lächerlich gemacht. Gleichzeitig wirkt er dadurch aber wie ein oller Teddybär - so blöd, dass "man ihn schon wieder lieb haben muss". Ein Diktator mit Knuddelfaktor, der sich auch als Hipster-Accessoire eignet. Die Parodie ist eher der Nebeneffekt.

    Beeindruckend ist auch die Flexibilität der Zeit-Autoren: Eindeutige Urheberechtsverletzungen wie bei den Montagen als werden als "Netz- und DJ-Kultur des visuellen und audiblen Samplings" umgedeutet.

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    "Eindeutige Urheberechtsverletzungen wie bei den Montagen als werden als "Netz- und DJ-Kultur des visuellen und audiblen Samplings" umgedeutet."
    ---
    "Eindeutige Urheberrechtsverletzungen" im Deutschen, vielleicht Europäischen Rechtsraum. Z.B. in den USA sind solche Montagen sicher unter "Fair Use" legal. Den nordkoreanischen Fotografen (der Urheben) hat natürlich niemand gefragt. Stimmt. Sollte man denn?

    Desweiteren kann man dieses Phänomen nicht zu Kultur umdeuten - es ist eine Kultur. Eventuelle oder tatsächliche Urheberrechtsverletzungen spielen für diese Urteil keine Rolle.

    Weshalb erwähnen Sie die Urheberproblematik? Hätte der Artikel den Schwerpunkt haben sollen, dass dieses Meme (in Deutschland!) illegal und somit böse ist? Was ist zur Beurteilung wichtiger oder angemessener - die angebliche Illegalität oder der kulturelle Spaß?

    Ansonsten schließe ich mich FingersFreddy an: bemühter geht ein Artikel nun wirklich nicht mehr. Schlichte Zeilenproduktion.

    "Eindeutige Urheberechtsverletzungen wie bei den Montagen als werden als "Netz- und DJ-Kultur des visuellen und audiblen Samplings" umgedeutet."
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    "Eindeutige Urheberrechtsverletzungen" im Deutschen, vielleicht Europäischen Rechtsraum. Z.B. in den USA sind solche Montagen sicher unter "Fair Use" legal. Den nordkoreanischen Fotografen (der Urheben) hat natürlich niemand gefragt. Stimmt. Sollte man denn?

    Desweiteren kann man dieses Phänomen nicht zu Kultur umdeuten - es ist eine Kultur. Eventuelle oder tatsächliche Urheberrechtsverletzungen spielen für diese Urteil keine Rolle.

    Weshalb erwähnen Sie die Urheberproblematik? Hätte der Artikel den Schwerpunkt haben sollen, dass dieses Meme (in Deutschland!) illegal und somit böse ist? Was ist zur Beurteilung wichtiger oder angemessener - die angebliche Illegalität oder der kulturelle Spaß?

    Ansonsten schließe ich mich FingersFreddy an: bemühter geht ein Artikel nun wirklich nicht mehr. Schlichte Zeilenproduktion.

  3. "Eindeutige Urheberechtsverletzungen wie bei den Montagen als werden als "Netz- und DJ-Kultur des visuellen und audiblen Samplings" umgedeutet."
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    "Eindeutige Urheberrechtsverletzungen" im Deutschen, vielleicht Europäischen Rechtsraum. Z.B. in den USA sind solche Montagen sicher unter "Fair Use" legal. Den nordkoreanischen Fotografen (der Urheben) hat natürlich niemand gefragt. Stimmt. Sollte man denn?

    Desweiteren kann man dieses Phänomen nicht zu Kultur umdeuten - es ist eine Kultur. Eventuelle oder tatsächliche Urheberrechtsverletzungen spielen für diese Urteil keine Rolle.

    Weshalb erwähnen Sie die Urheberproblematik? Hätte der Artikel den Schwerpunkt haben sollen, dass dieses Meme (in Deutschland!) illegal und somit böse ist? Was ist zur Beurteilung wichtiger oder angemessener - die angebliche Illegalität oder der kulturelle Spaß?

    Ansonsten schließe ich mich FingersFreddy an: bemühter geht ein Artikel nun wirklich nicht mehr. Schlichte Zeilenproduktion.

    • eklipz
    • 12.03.2012 um 15:01 Uhr

    Also echt, nehmen sie einfach mal hin, dass man umgangssprachen selten übersetzen kann -.-

    Und offensichtlich hat die Autorin Zeitungsartikel mit Wissenschaftlicher Arbeit verwechselt, sonst hätte sie sich sätze wie
    "Kim Jong Il wird in diesen Fotomontagen dekonstruiert und zugleich auf merkwürdige Weise nobilitiert. Denn der Diktator betrachtet nicht mehr nur Dinge, er begreift sie im Wortsinn."
    gespart.

    Allerdings könnte Evelyn Runge sich ja auch selbst hier äußern, was sie damit meint.

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    Redaktion

    Sehr geehrte/r FingersFreddy, sehr geehrte/r eklipz,
    vielen Dank, dass Sie den Text bis zum Ende durchgelesen haben.

    Fotomontagen dekonstruieren, indem Teile von Bildern aus ihrem ursprünglichen Kontext und Sinnzusammenhang herausgelöst und in neue eingefügt werden. In diesem Fall bedeutet es, dass
    a) Kim Jong Il aus offiziellen Fotografien – etwa von Fabrikbesichtigungen - herausgeschnitten und in kontextfremde Bilder eingefügt wurde (technischer Aspekt);
    b) Kim Jong Il durch die Montage an DJ-Sets in kulturelle Zusammenhänge gestellt wurde, in denen er sich vermutlich nie befunden hatte (inhaltlicher Aspekt).

    Dies kann unterschiedlich interpretiert werden, siehe beispielsweise Kommentar 3 von User JAM030: „Doch speziell beim Blog "Kim Jong Looking at Things" regiert nicht nur der Parodie-Effekt, sondern auch eine gewisse Verharmlosung.“

    Beste Grüße!

    Redaktion

    Sehr geehrte/r FingersFreddy, sehr geehrte/r eklipz,
    vielen Dank, dass Sie den Text bis zum Ende durchgelesen haben.

    Fotomontagen dekonstruieren, indem Teile von Bildern aus ihrem ursprünglichen Kontext und Sinnzusammenhang herausgelöst und in neue eingefügt werden. In diesem Fall bedeutet es, dass
    a) Kim Jong Il aus offiziellen Fotografien – etwa von Fabrikbesichtigungen - herausgeschnitten und in kontextfremde Bilder eingefügt wurde (technischer Aspekt);
    b) Kim Jong Il durch die Montage an DJ-Sets in kulturelle Zusammenhänge gestellt wurde, in denen er sich vermutlich nie befunden hatte (inhaltlicher Aspekt).

    Dies kann unterschiedlich interpretiert werden, siehe beispielsweise Kommentar 3 von User JAM030: „Doch speziell beim Blog "Kim Jong Looking at Things" regiert nicht nur der Parodie-Effekt, sondern auch eine gewisse Verharmlosung.“

    Beste Grüße!

  4. so etwas zu lesen, allerdings hätte eine Seite Text für dieses Phänomen auch gereicht.

  5. Redaktion

    Sehr geehrte/r FingersFreddy, sehr geehrte/r eklipz,
    vielen Dank, dass Sie den Text bis zum Ende durchgelesen haben.

    Fotomontagen dekonstruieren, indem Teile von Bildern aus ihrem ursprünglichen Kontext und Sinnzusammenhang herausgelöst und in neue eingefügt werden. In diesem Fall bedeutet es, dass
    a) Kim Jong Il aus offiziellen Fotografien – etwa von Fabrikbesichtigungen - herausgeschnitten und in kontextfremde Bilder eingefügt wurde (technischer Aspekt);
    b) Kim Jong Il durch die Montage an DJ-Sets in kulturelle Zusammenhänge gestellt wurde, in denen er sich vermutlich nie befunden hatte (inhaltlicher Aspekt).

    Dies kann unterschiedlich interpretiert werden, siehe beispielsweise Kommentar 3 von User JAM030: „Doch speziell beim Blog "Kim Jong Looking at Things" regiert nicht nur der Parodie-Effekt, sondern auch eine gewisse Verharmlosung.“

    Beste Grüße!

    Eine Leserempfehlung
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    • eklipz
    • 12.03.2012 um 16:17 Uhr

    für die Antwort. Womit ich allerdings weniger anfangen kann, ist, wie er die Dinge, die er (nicht mehr nur) betrachtet, in ihrem Wortsinne begreift. Er steht am turntable neben sagen wir skrillex. Also, ich kann mir da echt keinen Reim drauf machen, was er dort wie, wann, wo im Wortsinn begreift. Gut, aber die Frage ist nun auch nicht übermäßig wichtig.

    Trotdem danke!

    • eklipz
    • 12.03.2012 um 16:17 Uhr

    für die Antwort. Womit ich allerdings weniger anfangen kann, ist, wie er die Dinge, die er (nicht mehr nur) betrachtet, in ihrem Wortsinne begreift. Er steht am turntable neben sagen wir skrillex. Also, ich kann mir da echt keinen Reim drauf machen, was er dort wie, wann, wo im Wortsinn begreift. Gut, aber die Frage ist nun auch nicht übermäßig wichtig.

    Trotdem danke!

    • eklipz
    • 12.03.2012 um 16:17 Uhr

    für die Antwort. Womit ich allerdings weniger anfangen kann, ist, wie er die Dinge, die er (nicht mehr nur) betrachtet, in ihrem Wortsinne begreift. Er steht am turntable neben sagen wir skrillex. Also, ich kann mir da echt keinen Reim drauf machen, was er dort wie, wann, wo im Wortsinn begreift. Gut, aber die Frage ist nun auch nicht übermäßig wichtig.

    Trotdem danke!

    Antwort auf "Dekonstruktion"

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